Gastbeitrag: Ein Leben mit Nahrungsmittelunverträglichkeiten


Vor kurzem habe ich über meinen Weg zur gesunden und richtigen Ernährung trotz Histaminintoleranz berichtet. Ich finde es immer wieder spannend, die Geschichten von anderen Betroffenen zu hören und wie sie mit der Enzymschwäche umgehen. Deshalb habe ich Nora Hodeige, die in ihrem Blog „Leben mit ohne“ über ihren Umgang mit verschiedenen Unverträglichkeiten und gesunde Ernährung schreibt, eingeladen, uns ihre Geschichte zu erzählen – und habe wirklich gestaunt. In ihrem Bericht kann man mitlesen, wie eng Körper und Psyche zusammenspielen bzw. dass sich beides nicht trennen lässt. Ermutigend finde ich auch, dass sie einen Weg gefunden hat, mit dem es ihr heute richtig gut geht. Danke für diesen schönen Beitrag, Nora!

Über die Gastautorin

Nora Hodeige bloggt auf Leben-mit-ohne.de und hat einen anspruchsvollen Körper. Daher kennt sie sich mit diversen Nahrungsmittelunverträglichkeiten und der Wichtigkeit von gesunder und individuell passender Ernährung aus. Auf der Suche nach ihrer Gesundheit hat sie sich intensiv mit ganzheitlicher Gesundheit und gesunder Ernährung auseinander gesetzt und dazu zahlreiche Ausbildungen, Workshops und Seminare besucht sowie gefühlte tausend Bücher gelesen. Gesunde Ernährung ist immer noch das Thema, welches sie am meisten begeistert und wo ihr ganzes Herzblut dranhängt. Wenn sie einmal nicht Gesundheit online oder offline vermittelt, dann spielt sie mit ihrem Sohn und schaut ihm beim Wachsen und Welt Erkunden zu, das ist ihr Ruhepohl.


Mein Weg mit Nahrungsmittelunverträglichkeiten

Ich kann die wichtigsten Ereignisse und Umbrüche in meinem Leben an meinen Nahrungsmittelunverträglichkeiten ablesen – oder ist es vielleicht doch andersherum?Nora Hodeige

Unverträglichkeiten in meiner Jugend: Verzicht auf Gluten und Laktose

Meine Pubertät war geprägt durch den Verzicht auf Gluten und zahlreiche Italienurlaube, die ich mit viel aufgestauter Wut auf mich und meine Umwelt Pizza- und Pastafrei verbracht habe. Die Zeit meines Abiturs habe ich ohne Milchprodukte (Laktosefrei und Milcheiweißfrei) verbracht und mich nach den um die Ohren geschlagenen Nächte mit Capuccino mit Ziegenmilch aufgepäppelt. Damals (Anno 2005) war die Auswahl an laktosefreien Produkten im Supermarkt sehr gering. Frische Ziegenmilch hingegen gab es, auch damals, schon bei dem kleinen Bioladen um die Ecke.

Danach kam die Zeit, in der ich auszog, um das Leben außerhalb meiner Familie kennen zu lernen und die weite Welt zu sehen und plötzlich … keine Einschränkungen beim Essen. Eine tolle Zeit! Im Nachhinein glaube ich, dass ich sie damals noch gar nicht so sehr zu schätzen gewusst habe, wie ich es heute (in der Retrospektive) tue. Dann kam mein 25. Geburtstag und mein letztes Glas Alkohol für die nächsten 5 Jahre.

Ich erinnere mich noch sehr genau an diesen Tag: Mein 25. Geburtstag. Ich war in Spanien, auf dem Weg zu meinem Erasmus Semester, Roadtrip mit meiner Mutter. 3000km von Wien nach Cádiz. Und es ging mir mit jedem Kilometer schlechter. Es war ein komisches Gefühl, etwas, was ich nicht in Worte fassen und noch weniger verstehen konnte. Ein großes Unbehagen, sehr viel Angst und ab und zu Panik, ein dauerhaft vorhandener Schwindel – von dem mir alle Ärzte versicherten, dass er medizinisch eigentlich nicht da sein konnte. Aber, er war da und begleitete mich jede wache Minute. Das Essen bekam mir schlecht, Käse raubte mir die Luft, Tomaten ließen mich (fast) auf dem Stuhl einschlafen und nach einem Glas Alkohol fühlte ich mich wie in Watte gepackt und weit weg von allem.

Es war eine schwierige Zeit. Doch im Nachhinein lachen meine Mutter und ich gerne darüber, wie wir in diesem alten Volvo bei 35°C im Schatten durch ganz Spanien gefahren sind. Eine Woche hat diese Reise gedauert, eine Woche, die mein Leben sehr verändert hat, denn kaum waren wir dort, war klar, dass ich SO auf keinen Fall weitermachen konnte und schon gar nicht so weit weg. Nicht für ein Semester und auch nicht für eine Woche.

Die Diagnose: Histaminintoleranz und Hashimoto

Zurück in Deutschland habe ich dann einen umfangreiches Blutbild gemacht und zahlreiche Ärzte konsultiert, vor allem naturheilkundliche, die mich nicht gleich wieder als „gesund“ vor die Tür gesetzt hatten. Mein Blutbild zeigte meine stark vorangeschrittene akute Schilddrüsenentzündung, Hashimoto (die vorher irgendwie keiner gesehen hat) und eine hohe Allergiebereitschaft meines Körpers. Eine Heilpraktikerin brachte dann mit der Diagnose Histaminintoleranz meine Welt noch mehr ins Wanken. Histamin? In meinem Leben hatte ich noch nie davon gehört und fand die Idee, dass ich jetzt SCHON WIEDER eine Intoleranz haben sollte, auch irgendwie enervierend. Aber, ich hätte alles dafür gegeben, dass es wieder bergauf geht mit mir.

So verbrachte ich das nächste Jahr damit meine Schilddrüse aufzubauen, mich histaminarm und Stoffwechselkonform zu ernähren und die Ergebnisse zeigten prompt Wirkung. 2 Wochen histaminfrei und der Schwindel war verschwunden, 4 Wochen Schilddrüsenhormone und die Panik ließ endlich nach, 6 Monate stoffwechselkonform essen und 20kg weniger. Dieses Glück und diese Erleichterung haben mich die histaminfreie Ernährung ohne Murren für die nächsten 3 Jahre durchziehen lassen. In dieser Zeit beschäftigte ich mich intensiv mit Ernährung und meine bereits starke Affinität für ganzheitliche Gesundheit und gesunde Ernährung wuchs stetig.

Ayurveda Kur, Damsanierung, Darmaufbau, zahlreiche Kräuter- und Detoxkuren, Entgiftung und medizinische Diäten, Stoffwechselprogramme, Essen als Medizin, Ernährungstherapien, Akupunktur, Homoöpathie, Schüssler Salze und Pilz Kuren – ich habe alles mitgemacht, um mich und meinen Körper wieder auf die Spur zu bringen. Nicht zu vergessen: Einige, sehr spannende Sitzungen bei einer Therapeutin und sehr viel (Selbst) Beschäftigung mit Themen wie (persönlichem) Stress, Familiensystematiken, innere Themen, Konfliktmanagement und Mentalcoaching. Mein Weg der Heilung war lang und vollgepackt mit vielen guten Sachen, die alle zusammen dazu geführt haben, dass es mir jetzt heute, 5 Jahre später, wieder so gut geht.

Unverträglichkeiten und Schwangerschaft

Meine Schwangerschaft und die gesamte damit einhergehende radikale Hormonumstellung hat mich einerseits von vielen Essenproblemen befreit, andererseits aber auch meinen Darm und meine Schilddrüse ganz schön durcheinander gebracht.

Heute 1 Jahr nach der Geburt meines Sohnes, muss ich wieder eingeschränkt essen: Gluten, Fructose und Histamin (aber nicht so streng) meide ich momentan. Und dennoch fühle ich mich insgesamt rundherum unglaublich wohl und gesund.

Meine Reise hat mir Vieles gezeigt: Wofür ich dankbar sein kann, was Ärzte alles leisten, wie wichtig Ernährung ist, wie falsch Ernährung sein kann, was für eine ungemeine Bedeutung Hormone haben, wie unterschiedlich Menschen sind, was es alles gibt sowie die Gewissheit, dass ich trotz allem niemals die Hoffnung aufgegeben habe und mir stets die Fähigkeit bewahrt habe, tiefes Glück empfinden zu können.

 

Meine besten Tipps für einen gesunden Umgang mit Nahrungsmittelunverträglichkeiten

Ich habe wirklich vieles ausprobiert, immer auf der Suche nach Heilung, nach einer ganzheitlichen und endgültigen. Heute kann ich sagen:

Gesundheit ist ein Weg, der sich durch unser ganzes Leben wie ein roter Faden ziehen wird. Endgültige Gesundheit gibt es nicht. Es ist ein dauerhafter Prozess, der eben auch unser Leben so besonders macht.

 

Meine Top 6 für ein langfristiges gesundes Leben (auch und gerade mit Nahrungsmittelunverträglichkeiten)

Halte deinen Darm gesund!

Vielleicht ist das eines meiner wichtigsten Learnings: Der Darm ist der Sitz unserer Gesundheit! Was klingt, wie eine abgedroschene Floskel aus einem Heilungsratgeber, ist doch eigentlich eine der größten Weisheiten. Halte deinen Darm gesund und du wirst gesund bleiben! Heute in unserer zivilisierten Zeit mit Bakterienvernichtungsmitteln, Lebensmittelzusatzstoffen und immer weniger Bewusstsein für gesunde Ernährung, ist der Darm und seine innere Balance ein immer wichtigeres Thema. Das Darmmilieu wird enorm auf die Probe gestellt und nur wir können es im Gleichgewicht halten. Dafür müssen wir die guten Darmbakterien versorgen und die schlechten aushungern. Klingt einfach? Das ist es eigentlich auch. Probiotika und Präbiotika sind die Wundermittel unserer Darmgesundheit.

Ernähre dich gesund und angepasst!

Kein Zucker mehr! Nur noch low carb und am liebsten Paleo! Oder doch gleich vegan! Roh ist das neue Gesund und Alkohol der Teufel! Ganz ehrlich, ich glaube, die Wahrheit liegt IMMER im Dazwischen. Keine radikale Ernährungsform ist die Lösung, weil wir als Menschen ein Gleichgewicht brauchen. Unser Darm und unsere Nebennieren brauchen Kohlenhydrate und Stärke, unsere Muskeln ernähren sich von Proteinen und Nährstoffe und Vitamine finden wir in Gemüse. Obst hat eine ganze Menge Zucker und Kaffee durchaus seine Berechtigung. Ich kann dir nur empfehlen, übertreibe nichts und entspanne dich. Iss, was dir gut tut und beobachte deinen Körper genau. Eigentlich weißt du in deinem Inneren genau, was du brauchst. Wichtigste Regel: Gemüse ist das Hauptnahrungsmittel, Eiweiß, das was satt macht und Kohlenhydrate sowie Zucker (Honig, Rohrohrzucker, keinen raffinierten) sind eine wichtige Ausnahme!

Gönne dir Ruhepausen!

Für einen gesunden Körper, ist ein gesunder Geist eine Grundvoraussetzung. Unsere heutige Zeit ist sehr schnelllebig und es passiert viel. Wir müssen das verarbeiten und nicht einfach nur weiter funktionieren. Schaffe dir Orte der Stille und Zeiten der Ruhe, wo du deine Gedanken streifen lassen kannst, wo du Entspannung findest und einfach nur SEIN kannst. Das ist schwierig? Ja, ich weiß. Was die meisten Menschen leider unterschätzen ist: Entspannung ist harte Arbeit! Versuche es. Arbeite hart und halte durch. Es ist wichtig, dass du deine eigene Entspannung findest: Sei es der tägliche (wöchentliche) Spaziergang im Wald, die Yogastunde, das Mandala Malen, die Viertel Stunde, die du morgens alleine hast oder die halbe Stunde in der Badewanne. Deine Zeit, deine Regeln, deine Entspannung. Du solltest es dir wert sein!

Ärgere dich nicht so viel.

Ich weiß, dass es nervt, wenn man eingeschränkt essen muss. Es nervt total! Ich habe schon so viele Tränen der Wut und Verzweiflung deswegen vergossen, dass ich sie nicht hätte zählen können. Gönn dir das. Du darfst wütend und enttäuscht und verzweifelt sein. Schaffe dafür Raum und lass es raus. Und, dann ist wieder gut. Das dauerhafte Ärgern hilft nun leider nichts. Dein Körper will dir mit dieser Unverträglichkeit etwas sagen, versuche diese geheime Botschaft zu entschlüsseln und du wirst sehen, dass du dich plötzlich sehr viel besser damit arrangieren kannst. Es kann dir sogar helfen, durch deine Intoleranzen hindurch zu wachsen. Aber, glaube mir, wir Menschen, die wir auf unser Essen achten müssen, werden (meistens) nie wieder ein Leben führen, wo wir NICHT auf unser Essen achten müssen. Es ist Teil unsere Geschichte. Wenn du das akzeptieren kannst, dann ist es sehr schnell, sehr viel einfacher für dich.

Bringe deine Hormone in Ordnung.

Ich bin erst gerade dabei, zu verstehen, welchen unglaublichen Einfluss Hormone auf unseren Körper und unseren Darm haben. Der Darm ist Teil des Nervensystems, unser zweites Gehirn. Die Darmbakterien sind nicht nur für die Immunabwehr verantwortlich, sondern unterstützen auch das Hormonsystem bei der Arbeit. In Zeiten von hormoneller Dysbalance kann auch das Milieu des Darms sehr darunter leiden, anders herum ist es auch so, dass eine ausgeglichene Darmflora zu einem balancierten Hormonhaushalt führt. Die Eierstöcke beispielsweise nähren die Darmbakterien und das Schleimhauthormon Estriol reguliert die Milchsäureproduktion der Darmbakterien, welche wiederum die Vaginalschleimhaut beschützt. Unser gesamter Körper ist ein großer Organismus, der auf der Suche nach stetiger Balance, Mangelzustände oder Überproduktionen ausgleicht, ein großes Wunderwerk der Natur.

Sorgfältige und langsame Entgiftung führt zum Ziel.

Entgiftung oder auch Neu-Deutsch Detox ist in aller Munde. Entgiftung ist wirklich wichtig. Unser Körper ist mit vielen Umweltgiftstoffen durchsetzt, die wir über die Nahrung oder durch die Luft aufnehmen und die dann in unserem Bindegewebe gespeichert werden. Diese Schlacken und Toxine gilt es freizusetzen, zu binden und auszuscheiden. Das Problem bei den meisten Entgiftungsprogrammen ist aber dieses: Die Schlacken werden freigesetzt und dann schwirren sich völlig allein gelassen im Körper herum. Das wichtigste beim Entschlacken (zum Beispiel auch durch Fasten) ist: Die Schlacken zu binden! Dies kann in Form von Vulkangestein, ausreichender Zufuhr von Ölen sowie Freien Radikalfängern (wie Zink bspw.) geschehen. Eine Entgiftungskur sollte niemals ohne therapeutische Hilfe durchgeführt werden, denn es kann sonst bei einer Entgiftung zu starken Vergiftungen kommen. Mit wenigen Hilfsmitteln kann man den Körper aber so optimal unterstützen, dass diese Gefahr gebannt wird.

 



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