Schöne, neue Welt – Alles Instagram, oder was?


Diesmal waren wir schlauer. Sind früh losgefahren und vor den Massen an der Touristenattraktion „Tegallagan Rice Terraces“ angekommen. Es ist fast 9 Uhr morgens. Vor uns erstreckt sich ein Tal voller sattem Grün. Ein wunderschöner Anblick. Über kleine Treppen kommt man nach unten, kann die Reisterassen in alle Richtungen erkunden. Mit unserem Kleinkind genießen wir die Atmosphäre, die Ruhe. Machen natürlich ein paar Bilder. Und ein kurzes Video. Doch wir sind nicht die einzigen Frühankömmlinge. Nur kurze Zeit später erblicken wir sie. Das erste Paar an diesem Morgen. Eine neue, einzigartige Spezies: Instagram-Touristen.

Sie trägt kurze, weiße Hotpants und ein Oberteil, das mehr zeigt, als es verdeckt. Er trägt ein Muskelshirt, sein Oberkörper frisch eingeölt. Ich bin froh, dass er sich nicht auszieht. So wie neulich jeder zweite Mann am Wasserfall. Die Frau balanciert wagemutig einen kleinen Trampelpfad zwischen den Reisterassen entlang, um eine bessere Kulisse zu erzielen. Er steht schon mit der Spiegelreflexkamera bereit. Geduldig schießt er zahlreiche Bilder, während sie posiert, was das Zeug hält. Danach tauschen die beiden. Sicherlich führt ihr Weg sie heute noch zu einer der zahlreichen „Bali Swings“, um ein wirklich tolles Bild zu ergattern. Vorher wird sie aber vermutlich das Outfit tauschen. Auf Schaukeln brauchen Frauen lange Kleider, die im Wind wehen.

Instagram-Tourismus

Wahrscheinlich ist dieser Trend in Deutschland nie so nah an mich herangetreten. Denn dort war ich selten an den Touristen-Hotspots und Monumenten Berlins unterwegs. Bei meinem Eltern auf dem Land waren solche Orte ja gleich mal Fehlanzeige. Das heißt, diese Art von Tourismus muss innerhalb der letzten vier Jahre entstanden sein – in der Zeit, in der ich wegen Schwangerschaft und Baby weniger reiste.

 

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

 

Ein Beitrag geteilt von Boyfriends Of Instagram (@boyfriends_of_insta) am

Und nun stehe ich da, an den Hotspots von Bali, und wundere mich. Anfangs noch etwas verhalten. Man will ja nicht vorschnell urteilen. Und Urlaubsfotos gab es schließlich schon immer. Doch je bewusster ich beobachtete, desto klarer wurde: Hier geht es nicht um schöne Urlaubserinnerungen – Das hier ist die Suche nach dem perfekt inszenierten Instagram-Shot!!!

Warum wir da nicht mitmachen

Natürlich kannte ich solche Bilder aus Instagram. Auf denen die Orte so unvergleichlich schön aussehen und die Personen so perfekt gestylt sind. Und natürlich war mir klar, dass das keine Schnappschüsse sind. Aber die Masse, die hat mich doch überrascht. Oft fühle ich mich als normal gekleideter Freizeit-Tourist mittlerweile fast in der Unterzahl.

Denn das sind wir, Freizeittouristen. Wir besuchen einen Ort, in ganz normaler Kleidung, sehen uns an, was es zu sehen gibt, genießen die Atmosphäre (oder versuchen es zwischen Instagram-Set und Shooting-Plattorm), machen ein paar Bilder und gehen weiter. Nur selten haben wir wirklich Lust, uns diesen Moment durch viele gestellte Fotos unnötig stressig zu gestalten. Genausowenig, wie ich in meiner Freizeit ständig ein Auge für das perfekte Motiv habe. Hab ich einfach nicht. Und es würde mich sehr anstrengen, mir solche Fähigkeiten anzueignen.

Instagram und ich…wir werden keine Freunde

Und so kommt es, dass mein Instagram Account eine kunterbunte Sammlung verschiedener Momentaufnahmen ist (solcher Momente, die nur kurz stattfinden, nicht solcher, die lächelnd und posierend so lange still stehen, bis ich zufrieden bin). Jedem „Wie-bekomme-ich-mehr-Follower“-Ratgeber würden die Haare zu Berge stehen. Kein einheitliches Design, kein Standardformat, kein Wiedererkennungswert oder roter Faden, der sich durch meine Bilder zieht.

Und ja, na klar rächt sich das in den Follower-Zahlen. So hab ich auch nach einigen Jahren noch keine zehntausend Trilliarden Follower.

Ob ich die gerne hätte? Na klar!

Ob ich mich dafür verbiege? Niemals!

Ich hab es versucht, glaub mir. Hab versucht, tolle und gestellte Bilder zu machen. Witzige oder herzzerreißende Texte dazu zu verfassen. Hab das auch bestimmt drei Bilder lang durchgehalten und trotzdem keine fünfzigtausend Follower hinzugewonnen. Und da hatte ich einfach keine Lust mehr. So ist das bei mir. Mein Bedürfnis nach Instagram-Fame ist vermutlich einfach nicht groß genug.

Woher kommt der Insta-Hype?

Doch warum ist das Bedürfnis vieler anderer so groß? So groß, dass immer wieder berühmte Instagrammer ihr Leben riskieren, um gute Bilder zu shooten? Denn was für uns als „User“ einfach nett aussieht, ist oft wirklich gefährlich. Wie der Königsbach am Königssee zum Beispiel:

 

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

 

Ein Beitrag geteilt von Sarah Cosgrove (@thebrunmacaron) am

Damit ich so etwas tue, muss der Gewinn, wie auch immer der aussieht, schon beachtlich sein. Also was haben die Menschen davon, einen Account voll solcher Bilder zu haben? Anscheinend, so ein aktueller Bericht aus der BGLand, geht es dabei um Anerkennung aus dem Umfeld. Um eine narzistische Persönlichkeit, die für ihr übersteigertes Selbstwertgefühl immer wieder Bestätigung braucht – und dafür auch bereit ist, große Risiken einzugehen.

Das trifft auf viele, die ich hier auf Bali treffe, sicherlich zu. Die Touristen-Orte scheinen hier also ein El-Dorado für Narzisten-Paare zu sein. Aber ich glaube, dass auch noch etwas anderes dahinter stecken kann.

Zum Einen genau das Gegenteil, also ein geringes Selbstwertgefühl, das sich durch positive Rückmeldung für Bilder und Videos etwas mehr Anerkennung erhofft.

Und kenne ich auch Menschen, die wirklich großen Spaß daran haben. Die mit der Unterhaltung anderer genau ihre Berufung gefunden zu haben scheinen. So wie ein Schauspieler, der endlich auf der Bühne stehen darf.

Aber was ich wirklich erschreckend finde, ist etwas ganz anderes. Ich habe manchmal das Gefühl, dass dieser Hype um die perfekten Instagram-Bilder auch etwas mit den ganz normalen 0-8-15-Menschen wie mir macht. Wir sehen all diese perfekten Bilder von perfekten, spannenden Orten. Das Wasser ist so blau und die Gesichter so glücklich. Überall und ständig. Was erwarten wir wohl, wenn wir diese Orte dann selbst bereisen? Oder eigene Bilder, nur für uns machen? Richtig, dass wir glücklich strahlen, weil der Ort so außergewöhnlich, magisch, kraftvoll oder ruhig ist – und tatsächlich sehen wir einfach nur einen Wasserfall, an dem die Menschen Schlange stehen, um allein für das perfekte Bild zu posieren.


Merken auf Pinterest:



Alle Kommentare (1)

    Hallo,
    krass, wie die Paare am Strand wie in der Reihe parkende Autos hintereinander hängen.
    Komisch, dein Text begegnet mir noch in der gleichen Woche, in der mich eine Freundin darauf aufmerksam gemacht hat, dass Eitelkeit neuerdings kein No-Go mehr ist.
    Meine Freundin (Anfang 30) fragte mich, was man in unserer Schulzeit wohl noch gesagt hätte, wenn jemand sich selbst fotografierte. Das war tatsächlich etwas Peinliches. Wenn man dabei erwischt wurde, wie man sein eigenes Spiegelbild betrachtet und Verschiedenes verändert? Total intim, peinlich. Da ist mir aufgefallen, dass ich ständig junge Erwachsene beobachte, die sich fotografieren, sich irgendwie vorher noch stylen und das in aller Öffentlichkeit ohne eine Spur von Scham. Ich bin jedes Mal etwas befremdet.
    Dann habe ich letztens auf einem Abenteuerspielplatz ein ca. 10 jähriges Mädchen erlebt, die alles was sie gemacht hat über einen Selfie-Stick aufgenommen und kommentiert hat. Manchmal hat sie ihre Freundinnen mit einbezogen. Ich meine, so schräge Leutchen gabs immer schon, aber die anderen Kinder hats gar nicht so richtig gewundert. Manche fanden es sogar voll beeindruckend.
    Der erste Schritt ins Alter: sich vor der Jugend erschrecken. Hätte nie gedacht, dass mir das vor dem ersten grauen Haar noch passiert.
    Ich hab nicht Mal ein Smartphone. Ich glaub, ich sterbe aus.

    LG 😉

Sag uns, was Du dazu denkst

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.