Warum sich jede Minute gelohnt hat

Die ersten sechs Lebensmonate konnte ich unseren Sohn nie ablegen. Nach spätestens 2 Minuten fing er bitterlich an, zu weinen. Auch danach, als er krabbeln konnte, beschäftigte er sich kaum alleine und war enorm anhänglich. Er schlief schlecht und nie alleine, stillte viel und akzeptierte nur die Trage. Die ersten 1,5 Jahre mit Kind würde ich als enorm anstrengend und zehrend bezeichnen. Vor allem, weil wir sehr hohe Ansprüche an uns selbst hatten, seine Bedürfnisse nicht zu ignorieren und unserem Baby möglichst viel Geborgenheit und Liebe zu geben.

Jetzt, 2,5 Jahre nach der Geburt, kann ich sagen: Jede Minute hat sich gelohnt. Jede Träne, jeder Schweißtropfen, jeder wache Moment.

Bedürfnisstarke Kinder brauchen viel Zuneigung

Als Erstlings-Mama ist es nicht immer einfach, auf seine Intuition zu hören. Zu verstehen, dass das eigene Kind nicht “funktioniert”, wie man sich das naiverweise vor der Geburt vorgestellt hatte. Wie man es in Filmen sieht oder auf der Straße. Zu verstehen, warum das Kind einer Freundin zufrieden im Kinderwagen schläft, während das eigene aufwacht und protestiert, wenn man nur versucht, sich mit ihm in der Trage hinzusetzen. Zu akzeptieren, dass Außenstehende meinen, der müsse “doch jetzt mal xyz lernen”, aber das eigene Kind sich mit Händen und Füßen dagegen wehrt.

Weil es für uns nie in Frage kam, ihn schreien zu lassen, gab es am Ende nur eine mögliche Option: Seine Bedürfnisse ernst nehmen und (größtenteils) erfüllen. Das bedeutete viel Stillen, viel Tragen, rund um die Uhr zusammen sein. Sehr anstrengend. Aber auch sehr schön, dieses “Eins-Sein” mit so einem kleinen Wesen. Im Nachhinein würde ich sagen, dass er das einfach gebraucht hat, um sicher in dieser Welt anzukommen, Selbstbewusstsein zu entwickeln und Grundvertrauen aufzubauen.

Später, als er krabbeln (6 Monate) und laufen (10 Monate) konnte, war er zusätzlich enorm aktiv. Den ganzen Tag war er in Bewegung, vorwärts immer, rückwärts nimmer. Um entsprechende Regeln zu kennen, schien er noch zu klein und zu abgelenkt von allem anderen. Aus dem ständig-Tragen war ein ständig-Hinterherlaufen geworden, sobald wir die Wohnung verließen. Zu Hause war er dafür umso anhänglicher und fordernder.

Bedürfnisstark ist nicht für immer

Ehrlich gesagt hatte ich gedacht, dass aus unserem sehr anhänglichen und bedürfnisstarken Baby ein sehr schwieriges und bedürfnisstarkes Kleinkind werden würde. Dass er auch weiterhin viel Begleitung und Unterstützung und Verständnis brauchen würde. Und wir waren bereit, ihm diese zu geben. Diese Erwartung war mit ein Grund, der uns von einer zeitnahen zweiten Schwangerschaft abhielt.

Tatsächlich aber hörte er vor einigen Monaten, kurz nach seinem zweiten Geburtstag, einfach auf, so “anstrengend” zu sein. Etwa drei Wochen lang war er so ruhig, wohlerzogen und artig, dass ich mein Kind nicht mehr wieder erkannte. Danach pendelte er sich irgendwo zwischen aktiv und angenehm ein. Er spielt nun große Teile des Tages mehr oder weniger allein, egal ob draußen auf dem Hof oder drinnen mit seiner Eisenbahn oder seinen Autos. Er fragt, bevor er etwas tut, bleibt stehen, wenn ich STOP rufe und benimmt sich tadellos, wenn wir Verwandte besuchen. Er merkt sich auch genau, wenn Mama etwas verboten hat und tut es dann nicht, auch wenn jemand anders es plötzlich erlaubt.

Es heißt immer, Kinder wollen mit den Erwachsenen kooperieren. “Brav” sein und die Dinge richtig machen. Die ersten 18 Lebensmonate konnte ich davon ehrlich gesagt wenig erkennen. Jetzt dagegen kann ich das nur bestätigen. Dieser wundervolle kleine Mensch versucht jeden Tag sein bestes, unsere Welt und unsere Regeln zu verstehen und zu befolgen.

Natürlich gilt das nicht ausnahmslos und auch nicht für alle Situationen, aber das fände ich auch merkwürdig. Immerhin ist er ja noch so klein und muss doch auch austesten, wo die Grenzen sind und was welche Reaktionen hervorruft.

Besonders stolz auf den kleinen Mann bin ich im Umgang mit anderen Kindern. Phasenweise wollte alle anderen Kinder, egal wie klein oder groß, umschubsen und schien wirklich grob im Umgang mit anderen. Das ging so weit, dass sein Papa mit ihm nur noch auf Spielplätze ging, wo keine anderen Kinder waren. Ich weiß nicht, wie oft ich erklären musste, dass das nicht richtig ist und anderen weh tut. Jedes Mal ruhig, aber bestimmt. Ob es fruchten würde, wusste ich nicht und manchmal hätte ich ihn auch lieber angeschrien, so wie andere Eltern.

Und nun könnte ich platzen vor Stolz, wenn ich ihn mit anderen Kindern sehe. Nicht nur, dass er total offen und kontaktfreudig ist. Er ist auch der erste, der ein weinendes Kind trösten möchte oder sein Spielzeug teilt, wenn wir Besuch haben. Er schließt Kinder sofort ins Herz, nimmt sie an der Hand und umarmt sie zum Abschied.

Auch Erwachsenen gegenüber ist er wahnsinnig herzlich und liebevoll. Rücksichtsvoll. Er achtet darauf, dass wir niemanden vergessen, jeder genug zu essen hat. Sogar der Katze bringt er Autos, damit sie auch spielen kann.

Alles wird besser!

Kurzum: Ich könnte mir kein angenehmeres und liebenswerteres Kind vorstellen. Und wenn ich ihm dann so zusehe und bedenke, wie sehr sich das Mutter-Sein für mich verändert hat, dann bin ich froh, um jeden Tropfen Milch, jede Minute der Aufmerksamkeit, jedes Mal, dass ich Verständnis und Geduld mit ihm hatte. Denn, da bin ich mir sicher, auch das hat dazu beigetragen, dass nun dieses fabelhafte Kleinkind aus ihm geworden ist.

Es heißt immer, Kinder seien wie ein Spiegel. In diesem Satz steckt so viel Wahres. Kinder spiegeln unser Verhalten. Nicht nur unsere Schimpfworte und unsere schlechten Eigenschaften. Sondern auch all das Gute, was wir ihnen zuteil werden lassen. Ich bin nicht erst seit gestern auf dieser Welt und weiß natürlich, dass auch diese Bilderbuch-Phase eben genau das ist: Eine Phase. Es werden auch wieder andere Phasen kommen, in denen er trotz und für mich unangenehmere Verhaltensweisen ausprobiert. Doch auch das, was er momentan austestet, das höfliche, liebe, rücksichtsvolle Verhalten, wird letztlich ein Teil seines Charakters werden.

Eine sehr gute Freundin hat einen kleinen Jungen, der unserem ganz ähnlich ist. Ihr und allen anderen Müttern, die sehr bedürfnisstarke Kinder haben (nicht, dass es irgendein bedürfnisarmes Baby auf der Welt gäbe), möchte ich heute Mut machen: Das muss nicht immer so bleiben. Vielleicht dauert es länger, als bei meinem Kind, aber irgendwann kommt der Tag, an dem all die Mühe, all die Aufmerksamkeit und all das Verständnis zu euch zurück kommen – als gutes Benehmen, als Vertrauen auf das, was ihr sagt, als uneingeschränkte Liebe.

 

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Alle Kommentare (8)

    Sehr schön geschrieben und ein Mutmacher, wenn der kleine wieder mal den ganzen Tag am rumknausern ist und immer gleich weint. Habe mich dabei ertappt mit neidischen Augen auf eine Bekannte zu schauen, deren Baby einfach ruhig in die Gegend schaut und dann nach kurzer Zeit einfach so einschläft. Warum geht das bei uns nicht? Was mache ich falsch, anders etc.? Annehmen wie es ist, Geduld, Liebe und Vertrauen. Danke für diesen Beitrag!

    Liebe Pia,

    danke für diese Rückmeldung. Diese Gefühle von Neid kenne ich gut. Doch am Ende des Tages würde ich mein Kind mit keinem anderen austauschen wollen. Ich liebe seinen Charakter und seine aktive und aufmerksame Art. Und jedes Mal, wenn ich ihn ansehe, weiß ich, dass ich alles richtig gemacht habe.

    Kinder sind okay, so wie sie auf die Welt kommen. Und sie haben nun mal nur ihre Stimme, um sich mitzuteilen. Und es ist an uns Eltern diese interpretieren zu lernen. Ganz gleich was die vielen selbsternannten Miterzieher sagen.

    Toll geschrieben und so wahr. Bei unserem Kleinen 1 3/4 Jahre geht es gerade auch drunter und drüber. Wutanfälle, Hauen, Beißen, Schubsen… Immer wenn so eine neue Phase wie aus dem Nichts losgeht, stehen wie erst wie benommen da. So war es auch dieses Mal, es flossen Tränen der Verzweiflung bei Groß und Klein. Jetzt haben wir uns alle auf diese neue Phase eingestellt, sind ruhiger und versuchen sie als das hinzunehmen, was sie ist: Eine Phase, die hoffentlich alle stärkt und bald wieder in eine entspanntere Zeit übergeht!

    Liebe Svenja,

    genau das wünsche ich euch: Dass bald wieder eine entspanntere Zeit kommt und ihr sehen könnt, dass es sich lohnt. Dass euer Sohn das braucht, um zu einem ausgeglichenen und fröhlichen Menschen zu werden.

    Viele Grüße,
    Hanna

    Hach ja… mein erstes und mein viertes Kind erfüllten Deine Beschreibungen. Das erste ist nun fast zehn Jahre alt und tatsächlich immernoch sehr bedürfnisstark und „anstrengend“. Auch wir haben ihn nur tragen dürfen, niemals ablegen, ewig stillen und bis sieben Jahre niemals allein schlafen lassen… er ist, wie er ist – doch sichtbar ausgewirkt hat sich unser AP bei ihm noch nicht.
    Der Jüngste verhielt sich ähnlich als Baby und ist auch heute noch (4 Jahre) sehr wild und gleichzeitig anhänglich.
    Ich bin mir sicher, ein bedürfnisorientierter Umgang ist ganz ganz wichtig für alle, aber vor allem diese Kinder. Nur ist ändert es nichts am grundlegenden Wesen – jedenfalls nicht bei uns.

    Hallo Mina,

    natürlich bleibt Dein Kind immer dasselbe Kind. Aber hast Du schon einmal darüber nachgedacht, wie er sich vermutlich entwickelt hätte, wenn Du seinem bedürfnisstarken Wesen mit strenger Erziehung und Härte begegnet wärst, statt mit Verständnis und Liebe?

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