Der Trotz der Eltern oder warum strenge Erziehung nicht unser Weg ist


Dieser Beitrag enthält Werbung – unbezahlt, aber durch ein Rezensionsexemplar unterstützt.


Wir sind sicherlich nicht die ersten Eltern, die zum Anfang der Trotzphase etwas ratlos waren. Wütend wurden. Und ungeduldig. Und drauf und dran waren, ihrem Kleinkind etwas abverlangen zu wollen, was er noch gar nicht leisten konnte.

Falls es Dir vielleicht irgendwann genauso geht, möchte ich heute berichten, wie wir uns in den ersten Tagen auf Bali gegenseitig das Leben schwer machten und wie uns ein Buch aus der Misere half.

„Der muss doch jetzt langsam mal…“

Wahrscheinlich waren wir einfach zu locker in den letzten Monaten, in der Zeit bei meinen Eltern. Immerhin ist der Kleine jetzt schon 2,5 Jahre alt und könnte langsam mal ein wenig kooperativer werden. Sich benehmen. Auf uns hören vor allem. Einfach ein bisschen weniger anstrengend sein.

Wir möchten ihm nicht immer alles durchgehen lassen. Unser Ortswechsel nach Bali ist die ideale Gelegenheit, mehr Regeln einzuführen. Unsere Bedürfnisse etwas strenger durchzusetzen. Da muss er halt dann einfach…

Ungefähr so oder so ähnlich waren unsere Gedanken, als wir Deutschland verließen. Vor allem meinem Mann war daran gelegen, etwas mehr „Erziehung“ walten zu lassen. Hohe Erwartungen in einer Situation, in der plötzlich alles anders ist und die für uns alle drei die größte Herausforderung sein wird.


Der große Krach

Stress war natürlich vorprogrammiert. Denn es kam, wie es kommen musste: In einer Situation, in der er sehr verunsichert war, klammerte sich der Kleine umso mehr an seine Mama – und lehnte den Papa einmal mehr ganz explizit ab. Weil der eigentlich ein ganz ganz toller, fürsorglicher und verständnisvoller Papa ist, setzte ihm diese Art der Ablehnung in den letzten Jahren immer wieder sehr zu – und triggerte ihn diesmal umso mehr. Denn je aufgedrehter und „unartiger“ unser Kind war, desto mehr fühlten wir uns in dem Gedanken bestätigt, dass ein bisschen Erziehung das lösen könnte. Und zwischen den beiden Männern schaukelte sich binnen weniger Tage eine Art Dauerkonflikt hoch. Mit mir genau dazwischen.

Ich hatte das Gefühl, von jeder Seite zerrt und schubst jemand. Der eine will 24 Stunden am Tag alles nur von mir und macht ein riesen Theater wegen jeder Kleinigkeit, der andere erwartet, dass ich genau da nicht nachgebe. Ihm den Rücken stärke. Das Kind soll doch nun im Café endlich mal am Tisch sitzen bleiben, ordentlich an der Hand laufen, wenn wir an der Straße unterwegs sind, in der Unterkunft nicht ständig überall hochklettern, an allem ziehen, alles durcheinander bringen.

Versteht mich nicht falsch, ich hätte auch oft gern so ein Musterkind, aber nicht um jeden Preis. Denn der Junior fand das so gar nicht in Ordnung, flippte noch viel mehr aus als sonst und die Situation war wirklich zum zerreißen gespannt. Rückblickend kann ich sagen, nicht das Kind, sondern wir Eltern trotzten.

Wir wollten nicht akzeptieren, dass unser Kind nicht „nach unserer Pfeiffe tanzt“. Dass er nicht „gehorcht„. Dass er trotz unseren Erwartungen an den neuen Lebensabschnitt zappelte, rannte und brüllte. Scheinbar ohne jede Regel anzuerkennen. Wir hatten uns etwas in den Kopf gesetzt, was der Kleine einfach nicht konnte und wurden umso wütender, weil er „nicht mitspielte“.

Wenn er mit mir alleine war, benahm er sich meist recht erträglich – weshalb mir sein Verhalten wahrscheinlich weniger schlimm erschien, als meinem Mann. Denn sobald sein Papa auch nur den Raum betrat, drehte unser Sohn durch. Tat mit Absicht genau das, was seinen Vater auf die Palme bringt. Und der spielte das Spiel jedes Mal mit – und erwartete implizit von mir dasselbe.

Der Tiefpunkt

Schließlich knickte ich ein. Ich musste mich für eine Seite entscheiden. Welche das war, ist wahrscheinlich jeder Mutter klar.

Auf Dauer kann und will ich mich nicht gegen mein Kind stellen. Auch wenn ich selbst sehr stur und trotzig sein kann, aber wenn jemand mein Kind angreift, werde ich zur Löwin. Er soll nicht in dem Gefühl leben, dass mit ihm etwas nicht in Ordnung sei, dass er lieber anders sein sollte. Und genau so sagte ich das meinem Mann.

Die letzten Jahre waren für mich hart genug. Weil unser Sohn sehr aktiv, laut und wild ist, geriet ich im Alltag häufig in Situationen, in denen mein Kind in den Augen anderer „falsch“ war. Ich hasse dieses Gefühl und möchte mich nicht mit Menschen umgeben, die dieses unangenehme Gefühl auslösen. Zumindest in meinem engen Familienkreis möchte ich in dem Vertrauen leben, dass mein Kind richtig ist. Dass alle sehen können, wie wundervoll er ist und sie seine Schwächen genauso akzeptieren, wie sie an seinen Stärken Freude haben. So möchte ich mit meiner Familie leben. Nicht in einer dauerhaft angespannten Situation mit im Grunde sinnlosem Erziehungsauftrag.

Ein letzter Versuch

Für Bali hatten wir nur sehr spärlich und minimalistisch gepackt. Aus irgendeiner Eingebung heraus hatte ich allerdings das Buch von Danielle und Katja Seide eingepackt: Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn. Der entspannte Weg durch die Trotzphase. (Affiliate Link)

Weil ich sah, dass mein Mann in seinen Emotionen ebenso hilflos war, wie mein Sohn, ich aber selbst nicht wusste, was ich sagen oder tun sollte, um es besser zu machen, drückte ich ihm einfach das Buch in die Hand. Ich hatte selbst erst wenige Seiten gelesen, fand diese aber sehr stimmig und hilfreich. Ich wollte den liebevollen und konstruktiven Vater meines Kindes zurück. Nicht den, der sich selbst phasenweise aufführt wie ein stures Kind.

Er, der Mann der sonst nur im Internet stöberte, setzte sich also abends hin und schlug das Buch auf. Las etwa 120 Seiten. Und war am nächsten Tag ein neuer Mensch.

Verständnis siegt über Trotz

Gleich nachdem unser Sohn aufgewacht war, entschuldigte sich mein Mann bei ihm für die letzten Tage. Er war sehr liebevoll und ich konnte sehen, dass bei ihm etwas geschehen war. Dass sich in ihm etwas verändert hatte. Seine Sturheit der letzten Tage, sein innerer Ärger, alles, was sich da aufgestaut hatte, war wie weggeblasen. Nachdem ich dieselben Seiten des Trotzphasen-Buches auch gelesen hatte, verstand ich, was es war.

Danielle und Katja gelingt es, absolut einleuchtend, nicht das Verhalten der Kinder während der Trotzphase, sondern das der Eltern zu erklären. Satz für Satz fühlt man sich in seinem eigenen Verhalten, der eigenen Denk- und Handlungsweise in Bezug auf das eigene Kleinkind ertappt, erklärt und verstanden. Und dieses Verständnis hilft so sehr, selbst nicht mehr so wütend und trotzig dem eigenen Kind gegenüber zu sein. Und nicht mehr so hilflos. Einfach ruhig zu bleiben und zu durchdenken, warum man jetzt so reagieren möchte – und es immer öfter einfach nicht zu tun.

Denn wenn wir es mal mit Abstand betrachten, geht es in der Trotzphase unserer Kleinkinder nicht immer nur um deren Wut und deren Durchsetzungsversuche. Ganz viele Situationen entstehen primäre deshalb, weil wir Eltern trotzen. Weil wir auf Verhaltensweisen oder Erziehungsweisheiten bestehen, die vielleicht gar nicht unsere eigenen sind. Und nicht mehr zeitgemäß. Weil wir, anstatt hinzusehen und festzustellen, dass unserem Kind etwas wirklich wichtig ist, aus Prinzip nein sagen oder ihm Absichten unterstellen, die es gar nicht hat. Die Situation wäre vielleicht ganz einfach beigelegt, wenn wir nicht nur von unseren Kleinkindern Kooperation und Einsicht erwarten würden, sondern selbst auch kooperativ wären.

Wenn wir es schaffen, unsere dahinter stehenden psychologischen Beweggründe zu verstehen, können wir anfangen, auch unsere Kinder zu verstehen. Und nur noch jene unserer eigenen Bedürfnisse durchsetzen, die echte Bedürfnisse sind – und nicht irgendwelche Ängste oder anerzogenen Verhaltensweisen aus unserer eigenen Kindheit. Wir Eltern können aufhören, zu trotzen.

Es dauerte etwa einen halben Tag, bis auch mein Sohn sein „trotziges“ Verhalten einstellte. Er versuchte noch ein paar Mal, seinen Papa wie in den letzten Tagen mit seinem Verhalten zu triggern. Doch als dieser jedes Mal liebevoll und geduldig reagierte, beruhigte sich die Situation innerhalb kürzester Zeit und dafür bin ich bis heute noch sehr dankbar. Damit ist das Buch Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn. Der entspannte Weg durch die Trotzphase. (Affiliate Link) für mich zum absoluten Must-Have für Kleinkind-Eltern geworden und ich empfehle es laufend weiter. Es erklärt so vieles und bewahrt uns vor so vielen Fehlern, vor so vielen Ungerechtigkeiten gegenüber unserem Kind. 

Lernen passiert auch ohne Erziehung

Heute, mehr als 3 Monate später, stellt unser Sohn übrigens immer wieder unter Beweis, dass er all die Dinge, die wir damals von ihm verlangten, auch ohne unseren Druck kann. Wir können mittlerweile, einfach weil es viel häufiger tun als früher, meist völlig stressfrei im Restaurant essen. Er hat ein sehr sicheres Verhalten im Straßenverkehr erlernt und passt sogar auf andere Kinder auf. Und er versteht mittlerweile ganz genau, wenn wir Nein sagen. Alles ist viel stressfreier geworden mit ihm. Das hat die Zeit gebracht und die Übung. Unsere Erziehungsversuche eher nicht.



Alle Kommentare (5)

    Ist doch kein Wunder wie das Kind geworden ist nachdem es so verzogen wurde die ersten Jahre. Und jetzt merkt ihr was ihr verbockt habt u wollt es auf einmal doch erziehen. armes kind

    Lieber Leser, der anonym bleiben möchte.

    Ich weiß jetzt ehrlich gesagt gar nicht wo ich anfangen soll. Bei der Frage, wie genau Deiner Meinung nach das Kind „verzogen wurde die ersten Jahre“? Oder bei dem Hinweis, Texte, über die Du Deine Unzufriedenheit mit was auch immer auslässt, bis zum Ende zu lesen, um festzustellen, wie er wirklich geworden ist? Denn dann hättest Du auch bemerkt, dass von „verbockt“ leider nicht die Rede sein kann, sondern das arme Kind ganz von selbst gelernt hat, sich ziemlich gut zu benehmen und auf seine Eltern zu hören.
    Oder soll ich anfangen, mit Dir darüber zu diskutieren, ob und inwiefern Eltern, die sehr streng erziehen, mehr oder weniger Konflikte mit ihren Kindern in der Trotzphase auszutragen haben?
    Wie gesagt, es fällt mir schwer, da irgendwo konstruktiv auf solche Kommentare einzugehen. Ich werde es trotzdem mal versuchen: Wow. Vielen Dank für das Kompliment. Scheinbar folgst Du uns schon seit geraumer Zeit (die letzten Jahre, wenn ich nach dem Kommentar gehe?), obwohl Du mit unserem Lebensstil so gar nicht einverstanden bist. Und das nur, um in dem einen Moment, in dem wir von Problemen in einer extremen Stressituation sprechen, einen blöden Spruch abzulassen? Das zeugt entweder von enormer Frustration und zeitlicher Freiheit Deinerseits oder mein Blog scheint echt interessant zu sein! Zu meinen und Deinen Gunsten nehme ich zweiteren Fall an und bedanke mich für das Kompliment.
    Wenn Du mal wieder einen schlechten Tag hast, schau vorbei! Bestimmt hat unser Kind irgendwann auch wieder einen und das könnte DEIN MOMENT sein!
    Viele Grüße aus Bali, wo Menschen sich mit einem freundlichen Lächeln begegnen.
    Hanna

    Hallo,
    Solche Antworten kann man nur geben, wenn man zwar merkt dass in seiner eigenen Erziehung was schief gelaufen ist, es aber nicht reflektieren will oder nicht dazu bereit ist.
    Ach, Erziehung oder Nicht-Erziehung, wir haben hier auch so einen verzogenen Minimenschen, der von ganz alleine alles lernt und richtig ist, einfach nur weil wir es ihm ordentlich vorleben und es auch im Sinne des Kindes ist sich „richtig“ zu verhalten.

    LG
    Nadine

    Liebe Hanna, ich kann nur sagen: „Daumen hoch“ zu deiner Antwort! Ich hab mich kaputt gelacht…“schau vorbei, wenn du mal wieder einen schlechten Tag hast“…“…es könnte dein Moment sein!“ Großartig.
    Macht weiter so!
    Liebe Grüße, Steffi

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