Warum erziehen wir unsere Kinder?


Ich berichte hier auf meinem Blog immer wieder davon wie wir mit unserem Sohn umgehen und ob oder inwiefern wir bestimmte Erziehungsziele oder -methoden verfolgen bzw. ablehnen. Immer wieder muss ich mir den Vorwurf gefallen lassen, irgendwelche seiner Verhaltensweisen (und zwar immer dann, wenn es um unerwünschte geht) seien das Ergebnis mangelnder Erziehung. Dass unser Kind später mal ein Tyrann werde hieß es schon oder dass er ohne „richtige“ Erziehung wirklich Probleme haben würde.

Warum erziehen wir?

In diesem Zusammenhang stelle ich mir immer wieder eine Frage: Warum erziehen wir eigentlich? Was ist das Ziel der Erziehung?

Für mich stehen folgende Möglichkeiten im Raum:

  1. Um unsere Kinder auf das Leben vorzubereiten.
  2. Um in der Öffentlichkeit nicht unangenehm aufzufallen.
  3. Um uns Eltern das Leben zu erleichtern und ein friedliches Zusammenleben in der Familie zu ermöglichen. 

Fangen wir mal mit dem ersten Punkt an. Aus dem Kind soll später mal was werden und ohne Erziehung kommt er / sie in unserer Realität nicht klar. Das ist immer die offizielle Version. Die sich auch wirklich gut und wichtig anhört, das gebe ich zu.

Aber welche Erziehungsmaßnahmen gehören dazu wirklich? Was gibt es, was wir nachweislich unseren Kindern antrainieren müssen, weil sie es nicht von selbst lernen und verstehen werden? Und fallen darunter wirklich Verhaltensweisen wie „Am Tisch stillsitzen“ oder „Bitte und Danke sagen“? Können wir den Charakter und die späteren Verhaltensweisen wirklich durch Strafen und das berühmte „Grenzen setzen“ zum Positiven verändern?

Meiner Meinung und Lebenserfahrung nach lernen Kinder das allermeiste durch unser Vorbild. Wir können uns den Mund fusselig reden und erziehen, wie wir wollen, wenn wir uns selbst nicht an diese Regeln halten, werden die Kinder es vermutlich später auch nicht. Ein Kind, das in einer höflichen Umgebung aufwächst, wird vermutlich auch irgendwann „Danke“ sagen. Unser Kind sitzt mit 3 Jahren schon oft ruhig am Tisch, obwohl wir ihn nicht dazu „erzogen“ haben.


Wenn wir mal ehrlich hinterfragen, welche Erziehungsmaßnahmen sind dann eigentlich auf das spätere Leben hin ausgerichtet? Wie viel davon würden Kinder nicht später von selbst tun, einfach weil sie die geistige Reife dazu erworben haben und es sich bei gleichaltrigen oder älteren Kindern und Erwachsenen „abschauen“? Sind Kinder nicht von sich aus bestrebt, sich in der Erwachsenenwelt zurecht zu finden und richtig zu verhalten?

Kann es also sein, dass viele der „Erziehungsmaßnahmen“ eher unter Punkt 2 und 3 fallen? Denn wenn ich von meinem Kind verlange, dass es im Restaurant sauber isst und nicht den Kopf in die Schüssel steckt, wie ein Hund – tue ich das wirklich aus Sorge um sein späteres Leben? Habe ich wirklich Sorge, dass er das mit 18 immer noch tut? Oder passiert das vielleicht, um die unangenehmen Blicke der anderen Menschen zu vermeiden? Wenn ich nicht möchte, dass mein Kind immer wieder alle Spielzeugkisten auf einmal ausleert, hat das wirklich einen tieferen Sinn? Oder geht es vielleicht auch um den Aufwand des Aufräumens, der dahinter steht?

Versteh mich nicht falsch, ich finde durchaus, dass diese Gründe ihre Rechtfertigung haben. Für alle Eltern bedeutet es Stress, wenn das Kind sich nicht (ganz) gesellschaftskonform verhält in der Öffentlichkeit und man ständig überwachen muss, dass nichts doofes passiert. Wer damit also nicht leben kann oder möchte, der muss seinem Kind schon früh beibringen, still zu sein, still zu sitzen, ordentlich zu essen und stets freundlich zu sein – und das auch mit der nötigen Konsequenz durchsetzen. Wer es aushalten kann, der kann auch warten, bis ein Kind so weit ist und versteht, warum es das soll.

Und ja, komplett ohne Regeln steht man als Eltern vor einem großen Berg an Unordnung, Wäsche und vor allem irgendwann vor dem Nervenzusammenbruch. Es macht also Sinn, sich das Leben zu erleichtern und sich vor sozialen Unannehmlichkeiten zu schützen. Ich denke, das ist auch unser Recht als Eltern. Wir müssen uns nicht überlasten und dürfen durchaus auch etwas Kooperation von den Kleinen verlangen.

Aber dann soll mir das bitte niemand als Maßnahmen verkaufen, ohne die das Kind sich später nicht in unserer Gesellschaft zurecht findet. Und man sollte sich darüber bewusst sein, dass diese Maßnahmen nicht unseren Kindern, sondern uns Eltern dienen.

Schadet Erziehung unseren Kindern?

Wenn in solchen Diskussionen die Argumente fehlen, wird häufig das gute, alte „Uns hat es doch auch nicht geschadet“ herausgekramt. Und genau das wird, zum Glück, immer mehr in Frage gestellt. Hat es den Kindern vergangener Generationen, die heute Erwachsene sind, wirklich nicht geschadet? Der gelegentliche Klaps auf den Hintern, die strengen Regeln, die Strafen?

Unglückliche Erwachsene

Schau Dich doch einmal um auf der Welt. Was siehst Du? Ich sehe mich, vor allem in westlichen Ländern, umgeben von Menschen, die auf der Suche sind. Unsicher. Wütend. Menschen, die hassen, missgünstig oder misstrauisch sind. Ich sehe Menschen, die innerlich nach Hilfe rufen. Ich sehe Eltern, die mit ihren Kindern überfordert sind, die ihre Kinder seelisch oder sogar körperlich verletzen. Die ihre Mitmenschen seelisch oder körperlich verletzen.

Wie viele Menschen leiden, obwohl sie finanziell keinen Grund dafür hätten? Wie häufig treten Depressionen, Burnout und andere psychische Erkrankungen auf? Wie viele Menschen kennst Du, die gefühlt ständig auf der Suche sind. Auf der Suche nach Bestätigung, Selbstbewusstsein, Selbstzufriedenheit, nach Halt oder einfach nur Betäubung? Wie viele Deiner Bekannten tragen seelische Schmerzen aus ihrer Kindheit mit sich herum, die sie bis heute beeinflussen?

Psychische Gesundheit? Fehlanzeige

Wenn Du es nicht glaubst, google mal „Psychische Krankheiten Häufigkeit“. Du musst nicht lange lesen, um zu sehen, dass die Häufigkeit ansteigt. Von 33 % der Bevölkerung ist die Rede, die innerhalb eines Jahres an psychischen Störungen leiden. Angststörungen, Depressionen, Burnout. Die Zahl der Krankenmeldungen und vorzeitigen Verrentungen wegen psychischer Störungen steigt an, bei Frauen noch mehr als bei Männern.

Jetzt wirst Du vielleicht sagen, dass das ein Effekt der Diagnostik ist. Es gibt immer spezifischere Tests und immer weniger Menschen scheuen sich, ihre psychischen Erkrankungen mitzuteilen. Damit hast Du wahrscheinlich recht, aber das zeigt doch im Endeffekt nur eines: Das Problem existiert schon weitaus länger, nicht erst die letzten 30 Jahre!

Psycholanalyse und Kindheit

In der psychoanalytischen Theorie herrscht seit vielen Jahrzehnten der Konsens, dass Erlebnisse aus der Kindheit unsere psychische Gesundheit ein Leben lang beeinflussen. Für mich ist es darum naheliegend, anzunehmen, dass auch eine strenge oder eben nicht strenge Erziehung in der Kindheit großen Einfluss auf unser Leben nimmt. Und nun muss ich eigentlich nur noch sprichwörtlich eins und eins zusammenzählen. Erziehung und Kindheit, so wie sie in der Vergangenheit war, stärkt offenbar nicht unsere Kinder, sondern führt zu einer Vielzahl an psychischen Krankheiten.

Ob die neueren, bedürfnisorientierten, liebevolleren und am Kind orientierten Erziehungstendenzen es besser machen? Das kann ich nicht mit Sicherheit sagen, aber ich glaube es. Aktuelle Studien und psychologische Standards weisen stark darauf hin.

Was ich und viele andere Eltern, die ich kenne, deshalb versuchen, ist folgendes: Unsere Kinder sollen mit möglichst wenig seelischen Verletzungen aufwachsen. Sie sollen in dem Gefühl groß werden, geliebt und akzeptiert zu werden für die, die sie sind – nicht für die Leistung, die sie an den Tag legen. Ihre Integrität soll möglichst wenig verletzt werden, erwünschtes Verhalten nicht erreicht werden, indem wir unsere Kinder beschämen oder in einer erniedrigenden Weise bestrafen. Auf diese Weise können unsere Kinder hoffentlich aufwachsen, ohne später von ihrer Kinderheit bestimmt zu werden.

Erziehung ganz weglassen?

Ich kann mir nicht vorstellen, dass es ganz ohne Erziehung im weiteren Sinne geht. Denn mit jedem Kontakt, den wir zu unseren Kindern haben, jedem Gespräch und jedem liebevollen Wort nehmen wir Einfluss auf ihre Entwicklung und auf ihr Verhalten. Aber ich kann mir vorstellen, dass es geht ohne traumatische und stark negative Konditionierung. Dass wir geduldig sein können, bis Kinder von sich aus lernen und die nötige Reife entwickelt haben. Ich glaube, dass wir darauf verzichten können, unsere Kinder unter Zwang zu bestimmten Verhaltensweisen zu konditionieren im Namen der sozialen Verträglichkeit.

Und manchmal stelle ich mir vor, wie die Welt wäre, wenn alle Erwachsenen viel weniger seelische Verletzungen aus der Kindheit mit sich herumtragen würden. Wenn nicht alle auf der Suche wären, nach irgendeiner Art von Kompensation für diese Verletzungen. Nach Heilung, nach Betäubung oder nach Ersatzbefriedigung. Wie viel offener und freundlicher könnten wir Menschen miteinander umgehen. Wie viel weniger müssten wir selbst auf unsere Kinder abwälzen.

Aber das ist natürlich jetzt purer Idealismus.

Mir reicht es erst einmal, bei meinen eigenen Kindern anzufangen. Mir jeden Tag wieder Mühe zu geben, sie auf Augenhöhe zu behandeln und nicht herabzusetzen. Ihre Bedürfnisse zu achten, auch wenn ich sie nicht immer erfüllen kann oder möchte.

Mir hilft oft der innere Leitsatz: Würde ich so auch mit meinem Mann umgehen? Würde ich in so einem Ton mit ihm sprechen, ohne dass er zu Recht wütend würde?


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Quellen:

https://mobil.bfr.bund.de/cm/343/psychische-gesundheit-in-der-bevoelkerung-aktuelle-daten-und-hintergruende.pdf

https://www.aerzteblatt.de/archiv/134430/Psychische-Erkrankungen-Hohes-Aufkommen-niedrige-Behandlungsrate

https://www.dpv-psa.de/service/infos-fuer-patienten/was-ist-psychoanalyse/



Alle Kommentare (1)

    Hallo Johanna,

    interessanter Beitrag. Viele Sichtweisen teile ich.
    Ich finde das Interview in der „Eltern“ von Nora Imlau mit Aida S. de Rodrigues sehr aufschlussreich und kann mich mit dem Inhalt sehr gut identifizieren.

    Wir distanzieren uns mit Absicht von Erziehung, denn ich möchte meine Tochter nicht dazu bringen, sich bestmöglich anzupassen, sondern dazu, fähig zu werden, sich frei entfalten zu können.

    Liebe Grüße
    Isabel

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