Ja, ich bin ein Schlafneider – und ein Vergleichsopfer!


Pünktlich um 5.30 Uhr macht der Sohn die Augen auf. Nach 10 Stunden Schlaf ist er ausgeschlafen. Mittagsschlaf macht er schon seit einigen Wochen keinen mehr. Ich bin schwanger und habe mal wieder schlecht geschlafen. Bin nachts lange wach gelegen. Habe auf jedes unruhige Herumwälzen von ihm reagiert. 10 Stunden reichen mir nicht. Dem Sohn ist das egal. Er will kuscheln. Und zwar nur mit seiner Mama und sofort.

Ich bin frustriert. Viele Jahre schon. Beim Sprichwort „Schlafen wie ein Baby“ möchte ich jedes Mal in hysterisches Gelächter ausbrechen. Wie ein Baby? Bitte nicht!

Zwanzig Minuten kuscheln und etliche Knie-Tritte in den Unterleib später erbarmt sich sein Papa und steht mit ihm auf. Ich versuche nochmal einzuschlafen. Klappt natürlich nicht. Handy an, Internet auf. Ich entdecke einen Artikel mit dem Titel „Bist du auch ein Schlafneider?“. Bingo. Genau so ist es.

Guten Tag, mein Name ist Hanna und ich bin ein Schlafneider. 

Doch damit nicht genug. Ich bin nicht nur ein Schlafneider, ich bin auch ein Vergleichsopfer. Ich vergleiche. Mich mit anderen Eltern, mein Kind mit anderen Kindern. Ich bekenne mich schuldig. In jedem Eltern-Ratgeber und sicherlich auch etliche Male hier auf dem Blog kann  man es lesen: Vergleicht eure Kinder nicht mit anderen. Wie soll das gehen? Um nicht mehr zu vergleichen, müsste ich mich von allen gleichaltrigen Kindern fernhalten. Vergleichen ist für mich wie ein Reflex. Eine Selbstverständlichkeit.

Guten Tag, mein Name ist Hanna und ich bin ein Schlafneider und ich vergleiche. 


Natürlich weiß ich, so rein rational, dass jedes Kind anders ist. Ich liebe meinen Sohn und würde ihn gegen nichts und niemanden eintauschen wollen. Trotzdem beneide oft ich andere Mütter, deren Kinder einfach schlafen. Und zwar dann, wenn sie müde sind. Einfach, indem man sie hinlegt.

Auch beim Ausdruck „ein Kind hinlegen“ lache ich innerlich hysterisch und reiße mir dabei ein paar Haarbüschel aus. 

Hinlegen. Das suggeriert, das Kind würde liegen bleiben. Und einschlafen. Ohne stundenlange Begleitung.

Ich beneide Mütter von Kindern, deren Babys schon nach einigen Wochen durchgeschlafen haben. Mütter, die nicht viele Monate, nicht jahrelang fast stündlich zum Stillen geweckt wurden. Ich beneide Eltern, die aus dem Schlaf ihres Kindes kein großes Bohai machen müssen und abends ihre Ruhe haben. Weil das Kind eingeschlafen ist und eingeschlafen bleibt. Schon immer.

Manchmal rede ich mir gerne ein, dass uns das zu guten Eltern macht. Die Geduld mit dem Einschlafen. Dass unser Sohn deshalb so schwer einschläft, weil wir uns jederzeit von Praktiken wie Schlaftrainings ferngehalten haben. Weil er zum Einschlafen alle Geborgenheit erhält, die er braucht. Er schläft in unserem Bett, von der ersten Nacht an. Immer dicht an Mama oder Papa.

Wenn der Neid zu groß wird, dann rede ich mir ein, dass es daran liegt. Dass wir ihn nie gezwungen haben, gut zu schlafen.

Natürlich mache ich mir da etwas vor. Denn das würde bedeuten, dass all die Mütter mit gut schlafenden Kindern, die ich kenne, es anders gemacht hätten. Dass sie weniger gute Eltern wären. Und das ist nicht die Wahrheit. Alle haben ihren Kindern die Zeit und Geborgenheit gegeben, die sie brauchten, um ruhig einschlafen zu können. Diese Gutschläfer wurden weder geferbert noch sonst irgendeiner Konditionierung unterzogen. Sie sind einfach das, was sie sind: Gute Schläfer.

Und mein Kind ist das Gegenteil davon. Er schläft nicht gerne und braucht nicht viel Schlaf. Das ist hart, aber so ist die Realität.

Diese Realität anzuerkennen, schützt mich nun leider nicht davor, ein Schlafneider zu sein.

Aber sie schützt mich davor, irgendwelche Urteile über das Schlafverhalten von Kindern abzugeben. Und es ist übertragbar auf so viele andere Bereiche des Lebens. Die Wahrheit ist immer dieselbe: Unsere Kinder sind verschieden. Sie kommen nicht als unbeschriebenes, normiertes, weißes Blatt zu uns, sondern als kleine Individuen. Mit einem eigenen Charakter. Mit manchen Eigenschaften, die für uns Eltern schwer zu ertragen sind und mit anderen, auf die wir sehr stolz sind. Und auch wenn wir manchmal dazu neigen, die Individualität unserer „Erziehung“ zuzuschreiben, so ist es am Ende doch das Kind, das den Unterschied macht. Nicht wir.

An der Realität ändert auch das vergleichen und neiden nichts. Aber vielleicht an der Sichtweise?

Alles, was uns bleibt, ist auch das Positive zu sehen. Wenn ich also meinen Schlecht-Schläfer mit den Gutschläfern vergleiche, dann versuche ich das nicht nur in dieser einen Dimension zu tun. Ich vergleiche nicht nur das Schlafverhalten. Immer dann, wenn ich unter akuter Form des Schlafneides leide, versuche ich, das „Gesamtbild“ zu sehen.

Ja, mein Sohn ist ein schlechter Schläfer. Dafür ist er ein guter Esser. Er ist immer gesund und stark. Ein guter Läufer. Ein fröhlicher Spielkamerad. Er ist unwahrscheinlich besonnen, selbst in richtig trotzigen Phasen. Mit seiner Aufgeschlossenheit und seiner Neugier erreicht er Menschen jeden Alters. Auch mit seinen fast 3,5 Jahren hat er noch die Unschuld eines Babys. Er kennt keine Berechnung, keine böswillige Aggression und ist niemals nachtragend. Er ist selbständig und mutig wie wenig andere Kinder in seinem Alter. Er ist vertrauensvoll und baut schnell Bindungen auf.

Wenn ich all diese Dimensionen mit den Gutschläfer-Kindern vergleiche, dann sind mindestens ein paar dabei, in denen er besser abschneidet. Im Vergleich, von dem uns Müttern immer abgeraten wird und den wir trotzdem laufend vornehmen.

Denn wenn Du mal ganz ehrlich bist: Bist Du nicht auch manchmal ein Vergleichsopfer?


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Alle Kommentare (1)

    Hallo Hanna,

    Du hast mich voll erwischt 🙈. Wie du ja weißt, ist unser Großer beim Schlafverhalten sehr ähnlich. Genau wie du, habe ich mich in den schlimmen Phasen (also noch anstrengender als sonst) immer damit getröstet, dass wir einfach gute/bessere Eltern sind, die ihrem Kind nun mal das geben was es braucht und keine Schlaftrainings etc. Machen. Nur so konnte ich es ertragen, wenn andere mich völlig entgeistert ansahen, wenn ich von seinem Schlafverhalten erzählte.
    Andererseits gab es dann Phasen, in denen ich mich fragte, ob wir den alles falsch gemacht haben, beim Thema Schlafen. Was wir verbockt haben,.dass es wieder schlimmer wird. Ob ich das nächtliche Stillen untersagen sollte, ob er ein eigenes Bett braucht etc..

    Inzwischen ist es aber wirklich gut, nur lange Schlafen ist leider nicht sein Ding. Und bei seinem Bruder sehe ich nun, dass es tatsächlich nicht nur „Erziehung“ ist, sondern dass er bisher tatsächlich ein besserer Schläfer ist.

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