Die Angst vor dem kindlichen Tyrannen


Vielleicht kannst Du Dich noch erinnern, wie ich einmal einen Artikel mit dem Titel „Muss ich mein Kind erziehen?“ in die weite Welt außerhalb meiner Filter-Bubble hinauswarf. Die Huffington Post veröffentlichte den Text online mit dem Titel „Warum ich mein Kind nicht erziehe“ – ein reißerischer Titel, der natürlich Quatsch ist, aber für ganz schön viel Aufruhr gesorgt hat in einer Leserschaft, die von Erziehung fest überzeugt ist. Und zwar von einer Art von Erziehung, die ich für meine Familie nicht leben möchte. Weil ich sie nicht so kennengelernt habe und ich weiß, dass es anders geht. Viele der Huffington-Post Leser wurden, vor allem auf Facebook, sehr wütend. Es fiel der Begriff vom Terroristen und vom Tyrannen, den ich auf diese Weise heranziehen würde.

Diese Angst, einen kleinen Tyrannen großzuziehen, ist etwas, das tief in uns verwurzelt scheint. Also habe ich mir die Frage gestellt: Woher kommt sie, diese Angst vor dem kindlichen Tyrannen? Ist was dran, dass Kinder uns manipulieren, wenn wir zu nachgiebig sind? Oder steckt etwas ganz anderes dahinter? Ich habe mich also auf die Suche gemacht nach Antworten.

Buchlektüre: Die Geschichte der Erziehung im 20. Jahrhundert

Zunächst habe ich ein Buch (als E-Book, sodass ich es auch unterwegs lesen kann) bestellt und tatsächlich zu lesen versucht: Miriam Gebhardt: Die Angst vor dem kindlichen Tyrannen. Eine Geschichte der Erziehung im 20. Jahrhundert.

Aufgrund des Titels hatte ich mir wirklich Antworten erhofft, also konkrete Antworten auf die Frage, woher diese Angst vor dem kindlichen Tyrannen kommt. Leider ist diese während der Lektüre etwas kniffelig zu finden und man verliert die Fragestellung immer wieder aus den Augen. Denn die Abhandlung über die Geschichte der Erziehung ist wirklich sehr wissenschaftlich und unspannend gehalten.

Was ich herausgelesen bzw. als Fazit gezogen habe, ist folgendes: Es gab in unserer jüngsten Geschichte eine Phase, in der davon ausgegangen wurde, dass kleine Säuglinge keine Gefühle haben. Dass sie keinen Schmerz verspüren, weder seelisch noch körperlich und dass die frühe Kindheit nur eine Art Anpassungsphase ans Leben sei. Das Schreien eines Babys konnte man getrost ignorieren, denn es hatte nichts zu bedeuten. Das ging wohl so weit, dass Babys bis ins vorherige Jahrhundert hinein ohne Narkose sehr schmerzhaften Operationen unterzogen wurden, weil sie ja ohnehin nichts spüren konnten.

In dieser Zeit wurde, auch als Maßnahme gegen die Säuglingssterblichkeit, eine Art mechanischer Umgang mit Säuglingen eingeführt: Feste Fütterungszeiten, feste Schlafenszeiten, feste Schreizeiten. Das machte das Leben für Eltern sehr viel einfacher und für die Babys, der damaligen Auffassung gemäß, ja wirklich keinen Unterschied. Sie hatten ja keine echten Gefühle.


Und auf diese Weise wollte man die Babys bestmöglich auf das spätere Leben vorbereiten. Abhärten. In die richtige Spur bringen, damit sie im späteren Leben bestehen können. Wie genau man mit Babys und Kleinkindern umzugehen hatte, wurde zunehmend in Ratgeberliteratur vorgegeben und in Eltern-Tagebüchern nachgezeichnet.

Warum haben wir heute immer noch Angst, unser Kind zu verwöhnen?

Doch sind wir heute nicht viel weiter? Immerhin sind bereits viele Jahrzehnte, ja fast ein Jahrhundert vergangen seit dieser Zeit? So einfach ist das leider nicht.

Ich bin mir sicher, dass damals viele im besten Wissen gehandelt haben. Denn neben dem Mutterinstinkt gab es nicht viel, was darauf hingedeutet hätte, welchen Schaden Babys nehmen, wenn sie so „erzogen“ werden. Solche Erziehungsmuster, vor allem wenn sie so traumatisch sind wie der Umgang mit Babys im dritten Reich und danach, setzen sich fort. Denn nicht viele unserer Verhaltensweisen im Umgang mit unseren Kindern folgen unserer bewussten Steuerung. Die meisten Muster übernehmen wir unreflektiert und unterbewusst von unseren Eltern und Großeltern.

Wir spulen also etwa 100 Jahre vor. Heute sind wissenschaftliche Abhandlungen, pädagogische Ratgeber und medizinische Studien darüber, was mit Babys wirklich passiert, während sie noch nicht sprechen können, allgegenwärtig. Man könnte meinen, dass alle Eltern Zugang zu ihnen hätten. Doch selbst angenommen, alle Eltern würden diese lesen. Zunächst wären viele nicht bereit, überhaupt die Möglichkeit anzuerkennen, dass das, was sie selbst erfahren haben und intuitiv anwenden, falsch sein könnte. Sie werden wütend. So wie die Leser der Huffington Post.

Und selbst diejenigen, die den Fakten glauben, haben es schwer. Denn zwischen den unbewussten, über Generationen weitergegeben Erziehungsmustern und dem, was wir willentlich tun möchten, liegen oft Welten.

So steckt die Angst vor dem kindlichen Tyrannen immer noch tief in uns. Die Angst, dass unser Kind später keine Chancen in der Berufswelt, im sozialen Umfeld habe. Die Angst, dass unser Kind uns auf der Nase herumtanzt und uns nicht respektiert.

Was können wir also tun, um unser Tyrannen-Trauma zu überwinden?

Der Schlüssel im Kampf gegen das Unterbewusste ist ganz einfach und doch so schwierig: Bewusstsein. Sobald Du Verhaltensweisen und Denkweisen aus dem Unterbewusstsein benennen und im Alltag, wenn auch oft nur im Nachhinein, identifizieren kannst, verlieren sie an Macht über Dich. Das gilt nicht nur für unterbewusste Erziehungspraktiken oder Ängste, sondern für alle Verhaltensweisen. Nur, was angesprochen, laut gedacht, bewusst gemacht wird, hat überhaupt eine Chance auf Veränderung.

Wenn dieser Prozess tatsächlich geglückt ist, braucht es noch viel Zeit und vor allem Übung. Je schwieriger die Situation, desto instinktiver greifen wir auf die selbst erlebten, unbewussten Verhaltensmuster zurück. Das bedeutet, dass vor allem in Phasen, in denen Dein Kind sehr trotzig oder schwierig ist, diese Angst hochkochen wird. Immer wieder. Das tut sie bei mir auch und daran ist nichts schlimmes. Wichtig ist nur, dass ich mich nicht dauerhaft von ihr übermannen und steuern lasse.

Mir helfen dabei Bücher und Gespräche mit gleichgesinnten Müttern. Auch meine eigenen Eltern sind manchmal ein Segen, wenn sie eine vermeintlich „ungezogene“ Art meines Sohnes kommentieren mit „Ach, so sind Kinder halt. Das war bei euch noch viel schlimmer.“

Und das ist es auch, was Du für andere Eltern tun kannst, um ihnen die Angst vor dem Tyrannen verlieren zu helfen: Sie wissen lassen, dass das Verhalten ihrer Kinder ganz normal ist und kein Zeichen von „schlechter Erziehung“. Einen Trotzanfall eines fremden Kindes im Supermarkt mit einem verständnisvollen Nicken an die Mutter annehmen und irgendwas aufmunterndes sagen. Vielleicht sowas wie „Ach, ich bin froh, dass es heute mal nicht meiner ist“?

Denn am Ende des Tages sind es die kleinen Schritte, die unsere Welt verändern. Und Veränderung fängt immer bei Dir an.


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