Die Zukunft nach dem Traum vom Ausland


Mit Träumen ist das ja so eine Sache. Sie sind nur so lange Träume, bis man sie zur Realität macht. So war das mit unserem Traum vom Reisen durch die Welt und Leben als Digitale Nomaden. Mit fast zwei Jahren Vorarbeit haben wir unseren Traum wahrgemacht und sind 2018 zu dritt in die Welt hinausgezogen. 2019, etwa neun Monate später, kamen wir zu viert zurück – auch wenn unsere Nr. 4 noch in meinem Bauch wohnt. Was sich in dieser Zeit verändert hat und wie wir uns jetzt unsere Zukunft vorstellen? Natürlich wieder ganz anders.

Was mir den Abschied vom Reisen leicht gemacht hat

Unsere Zeit in Bali war sehr vieles. Herausfordernd, lehrreich, anspruchsvoll, wunderbar, traumhaft, lebensverändernd. So gut wie in unserer kleinen Wohnung in Ubud ging es mir lange nicht. Das Leben war leicht und ohne viel Belastung. Ich freute mich morgens auf den Tag, der vor mir lag und schlief abends zufrieden ein. Unser Kleinkind entwickelte sich prächtig und ich fühlte mich angekommen.

Ein richtig guter Start in unser neues Leben. Und irgendwie dachte ich, es könnte auch in anderen Ländern so schön werden. In Thailand zum Beispiel. Unserem nächsten Reiseziel. Doch die drei Monate, die wir in Phuket, Koh Phangan und Pattaya / Bangkok verbrachten, lehrten mich wirklich das fürchten. Plötzlich was unterwegs sein eine regelrechte Zumutung. Nichts mehr von Leichtigkeit und Entspannung. Alles war laut, voll, teuer, kompliziert und unfreundlich im Vergleich zu unserem Paradies in Ubud. Wir hatten schnell keine Lust mehr und harrten eigentlich nur noch aus, bis wir uns wie vereinbart mit meiner Familie trafen, um einen gemeinsamen Urlaub zu verbringen.

Danach ging es noch für zwei Wochen nach Kuala Lumpur. Auch wenn es uns dort besser gefiel, kamen wir aufgrund von Schwangerschaftskomplikationen aus der Stadt nicht raus und es war einfach eine Zumutung.

Als wir die Reise schließlich abbrachen und zu meinen Eltern nach Deutschland zurückkehrten, hatten wir alle genug. Genug von Wohnungswechseln, Koffer packen, sich neu orientieren. Genug von Bussen, Flugzeugen und Fähren. Genug von Abschieden, genug von Kennenlernen. Wir alle sehnten uns nach Ruhe.

Als wir Ubud verließen, weinte ich heimlich hinter meiner Sonnenbrille. Ich weine sonst sehr selten.

Als wir drei Monate später Südostsasien verließen, fühlte sich das an, als wären wir gerade noch mit dem Leben davon gekommen. So groß war für mich der gefühlte Unterschied zwischen Bali und Thailand.

Angekommen in Deutschland

Mein Papa holte uns vom Flughafen ab und brachte uns nach Hause. In das Haus meiner Eltern, wo wir auch vor unserer Reise schon neuen Monate gelebt hatten. Es war Winter und kalt, aber das machte uns irgendwie nicht viel aus. Wir waren große Temperaturunterschiede dank Klimaanlagen gewöhnt und das Niedrigenergiehaus meiner Eltern lässt sich sehr schnell auf fast 30 Grad aufheizen.

Alles war so ruhig. Die Straßen. Die Felder. Der Garten. Das Haus. Wir fühlten uns, als wäre unser Leben mal eben von 180 auf 0 km/h zurückgefahren worden. Wir waren müde, auch unser Kleiner. Er war im Auto eingeschlafen und dann auf der Couch im Haus wach geworden. Ungläubig und ungewöhnlich ruhig rieb er sich die Augen und sah sich um. Konnte nicht glauben, dass wir zurück waren.

So verbrachten wir die ersten Tage zurück. In völliger Ruhe. Unser Sohn untersuchte in einem für ihn sonst undenkbaren Schneckentempo jede Ecke des Hauses. Entdeckte jedes Spielzeug wieder neu. Erkannte eins um das andere wieder. Und ich lag einfach nur auf der Couch und entspannte. Schlief viel. Mein Papa war zu Hause und kümmerte sich um alles. Ich musste nicht kochen und niemand musste Essen von irgendeinem Imbiss oder Take-Away holen.

Auch jetzt, über einen Monat später, haben wir keinerlei Freude daran, auswärts zu essen. Davon sind wir wohl erst einmal gesättigt. Stattdessen haben wir fast geweint vor Freude, als wir das erste Roggen-Vollkorn-Brot mit normaler Butter und richtigem Käse gegessen haben. Im Gemüsekeller meiner Eltern gibt es immer noch frische Kartoffeln, Sellerie, Zwiebeln, Äpfel und Birnen aus eigenem Anbau. Ich bekomme alle Zutaten, die ich zum kochen brauche und habe wirklich Spaß daran, zu kochen.

Abschied vom ortsunabhängigen Leben?

Von Südostasien (nicht Ubud!) habe ich definitiv genug. Auf Dauer genug vom Reisen habe ich wahrscheinlich kaum. Doch aktuell rufen die Schwangerschafthormone nach Nestbau, Sicherheit und Zuhause. Auch für unseren Mini-Weltenbummler wäre das Leben als Digitale Nomaden auf Dauer denke ich nicht fair. Wir dachten immer, dass er erst ein festes Umfeld bräuchte, wenn er etwa im Schulalter wäre. Doch einige Monate vor unserer Rückkehr hat sich allmählich bemerkbar gemacht, dass er jetzt schon nach Freunden und Stabilität abseits von Mama und Papa sucht.

Wir werden uns also irgendwie sesshaft machen.

Das bedeutet allerdings nicht, dass wir keine längeren Reisen mehr unternehmen können. Denn ortsunabhängig Geld zu verdienen hört nicht damit auf, dass eine Reise endet. Nach wie vor habe ich die Freiheit, von überall aus arbeiten zu können. Nur haben wir jetzt eben entschieden, dass das nicht unbedingt tropische Strände sein müssen, sondern eben dort wo wir uns wohl fühlen.

Und aktuell fühlen wir uns in Bayern bei meinen Eltern wohl. Sehr wohl sogar.

Fester Wohnsitz in Bayern

Und so passiert, was ich viele Jahre kategorisch ausgeschlossen habe: Ich kehre zurück in meine Heimat. Genau an den Ort, wo ich aufgewachsen bin. Ich hatte hier eine wundervolle Kindheit, die ich auch meinen Kindern von Herzen wünsche. Trotzdem wurde mir nach dem Abitur das Landleben zu klein. Ich wollte Städte und andere Länder kennen lernen.

Zudem hatte ich hier dank Fönwetter viele Tage im Jahr starke Kopfschmerzen. Schon allein deshalb schloss ich aus, jemals wieder hier zu wohnen. Dass sich die Wetterfühligkeit durch die Schwangerschaft ändern würde, hätte ich nie erwartet. Aber genau so ist es wohl.

Und so kamen wir also zurück zu meinen Eltern in der Absicht, zu bleiben. Nicht unter deren Dach, wo wir momentan „hausen“ – der Platz ist sehr begrenzt und das Dachgeschoss eigentlich nicht als Wohnraum gedacht. Vielmehr werden wir im alten Haus gegenüber, meinem Elternhaus, wohnen. Dort sollte ohnehin renoviert werden, um es dann zu vermieten. Nun wird ein Teil des Hauses eben für uns renoviert und von uns gemietet.

Das ganze wird nicht von heute auf morgen passieren, weil mein Papa neben seinen Renovierungstätigkeiten auch noch einen richtigen Job hat, aber die Pläne in unserem Kopf stehen. Und so werden wir hoffentlich bis zum Herbst dort drüben eine Küche und ein Schlafzimmer renoviert haben, sodass wir vorerst eigene vier Wände haben. Nach und nach folgt dann der Rest.

Meine Vorstellung von der Zukunft

Wenn ich dann so an die nächsten Jahre oder Jahrzehnte denke, tue ich das ehrlich gesagt mit gemischten Gefühlen. Für mich ist es ziemlich schwierig, mich auf etwas so Verbindliches einzulassen. An einem Ort zu bleiben und dann auch noch fernab von einer Stadt wie Berlin, für die mein Herz schlägt. Es macht mir Angst und ich fühle mich eingeengt. So ein bisschen.

Doch dann versuche ich die Sache positiv zu sehen. Denn bei all der Auswahl an Orten, wo wir leben könnten oder gerne würden, ist das trotz allem noch der beste. Wie mein Papa sagt: „Wo würdet ihr denn sonst hin wollen?“. Denn auch wenn dieser Ort im bayerischen Nirgendwo denkbar abseits und ungünstig für meine Bedürfnisse liegt, der Rest daran ist einfach toll.

Allem voran haben wir meine Eltern. Die Großeltern meiner Kinder. Ich könnte mir meine Kindheit schwer vorstellen, ohne die Selbstverständlichkeit, Großeltern zu haben. Meinem Mann geht es genau so. Meine Eltern sind für uns Eltern eine große Entlastung und gleichzeitig Familie, die wir gerne um uns haben. Und für den Rubbelbatz sind sie einfach nur großartig. Sie zeigen ihm Dinge, die wir gar nicht können oder für die wir zu ungeduldig sind. Sie sind nachsichtig und fröhlich, wenn wir es mal nicht sind.

Und dann ist da das Landleben mit Kindern. Wir waren jetzt in genug verschiedenen Bleiben um das wertschätzen zu können. Freiraum draußen. Platz zum toben, erkunden, laufen. Der Luxus, das Sandspielzeug einfach liegen zu lassen bis zum nächsten Tag. Eigene Fahrräder, Laufräder, Traktoren und sonstige große Spielzeuge. Eine eigene Schaukel. Eine Spielküche. Ein Badesee vor der Haustür. Ein Leben mit Kind ist auf dem Land einfacher – und fairer.

Würde ich es wieder so machen?

Auch wenn ich wüsste, dass wir am Ende hier landen, wäre ich vor einem Jahr trotzdem weggegangen? Auf jeden Fall! Allein wegen all der wertvollen Erfahrungen, die wir machen durften und wegen der wundervollen Menschen, die wir unterwegs getroffen haben. Die Zeit im Ausland hat mich stark verändert. Uns alle drei. Ich bin mir viel mehr bewusst darüber, was ich will im Leben und was nicht.

Was ich zum Beispiel definitiv nicht mehr möchte, ist mich anzupassen. Über Dinge und mit Menschen zu sprechen, die mich nicht weiter bringen. So zu tun, als wäre ich „normal“. Smalltalk um des sozialen Miteinanders willen.

Ich denke viel mehr über Umweltzerstörung, Nachhaltigkeit, soziale Gerechtigkeit und Tierleid nach als früher. Ich esse kein Fleisch mehr. Ja, das ist unbequem für Menschen im direkten Umfeld, aber wie gesagt, ich passe mich da nicht mehr an.

Das ist die eine Seite. Ich habe viel darüber gelernt, was ich nicht mehr möchte.

Doch mindestens genauso wertvoll war die Erfahrung im Ausland, um das, was ich möchte und was ich habe, mit anderen Augen zu sehen. Es gibt so viele kleine Dinge, die hier in Deutschland bzw. Europa so selbstverständlich sind, dass ich sie früher gar nicht richtig wahrnehmen konnte. Erst der krasse Unterschied zu einer ganz anderen Kultur und weniger entwickelten Ländern hat mir deutlich gemacht, wie glücklich wir sein können.

So ist der größte Unterschied zwischen heute und vor einem Jahr, dass ich mich über so viele Kleinigkeiten im Alltag freuen kann. Über die Auswahl an Käse im Supermarkt, über den Sparschäler in der Küchenschublade oder über Möglichkeit, Dinge im Dachboden zu verstauen, die wir gerade nicht brauchen. Über den Luxus, ein Auto nutzen zu können, über Kindersicherheit im Kindergarten oder das Schlafen ohne Klimaanlage. Es gibt unzählige Dinge, über die mein Mann und ich täglich dankbar sind.

Den schlimmen Monaten in Südostasien sei Dank.


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Alle Kommentare (6)

    Was für ein Gedöns. Immer das als richtige und einzige verkaugen, was man gerade hat.
    War klar, dass das Reisen nicht klappt. Viel zu viel Gedöns vorherf drum gemacht. Aber schon wenn man sich wieder ins gemachte nest setzen kann und Mama, Papa und der Staat einen schön mitfinanzieren. Arme Eltern

    Oh Gott, das sind die richtigen. Menschen, die sich selber sowas nicht trauen und das lesen, um sich zu bestätigen, dass es nicht klappt. Ich frage mich immer, warum man dann solche Blogs liest?! Wir haben eine ähnliche Erfahrung wie ihr gemacht nur damals hatten wir noch kein Kind. Jetzt leben wir wieder fest in Berlin und haben unseren kleinen Mann und reisen mit ihm zusammen. Nächste Woche geht es nach Bali, aber nur 2 1/2 Wochen. Wie habt ihr das mit den Mücken gemacht? Fandet ihr es problematisch? Musste man viel aufpassen? Wir selber haben auf Gili wohl mal Dengue bekommen und ich hab etwas Sorge, dass unser kleiner es kriegt. Und seid ihr Auto ohne Autositz gefahren? War das ok? Würde mich freuen über deine Antwort. Alles Gute für euch 🙂

    Hallo Melli,

    ich habe über unsere Zeit auf Bali umfassend geschrieben, falls Du nachlesen magst:
    Bali mit Kindern
    Wir sind ohne Autositz gefahren, weil es so gut wie unmöglich ist, einen aufzutreiben. Auf Bali ist der Verkehr unheimlich langsam. Anfangs war mir trotzdem unwohl, mit der Zeit gewöhnt man sich daran.

    Wir haben sehr selten Mückenmittel mit DEET (ab 2 Jahren) verwendet. Ganz ohne Mückenstiche geht es wohl nicht, wie ich feststellen musste. Aber mich haben weitaus mehr gestochen als den Kleinen. Ich habe mich eingehend mit dem Dengue-Fieber beschäftigt, das hat mir etwas die Angst genommen.

    Ich wünsche euch eine wunderschöne Zeit und alles Gute,
    Hanna

    Das hört sich gut an und defätistische Kommentare wie den anonymen oben möge jede*r für sich behalten. Ich kann deine Gefühle und Wünsche gut nachvollziehen, habe selbst – wenn auch unter anderen Beziehungsbedingungen – 2 Mal mit Kind woanders das Leben probiert und hatte beim Zurückkommen (und davor) zunächst das Gefühl gescheitert zu sein und meinen eigenen „kosmopolitischen“ Ansprüchen nicht genügt zu haben. Und siehe da, heute lebe ich tatsächlich schon 5 Jahre in meinem Heimatdorf, nachdem ich gute 15 Jahre weg war und dachte, das geht doch nicht. Meinem großen Kind geht es besser als je zuvor in der geborgenen Freiheit hier, sinnvolle Arbeit, Kultur, intensiven geistigen Austausch und Freundschaften für uns Erwachsene gibt es auch und die 3-Generationen-Familie unter einem Dach bringt zwar Konflikte mit sich, ist aber trotzdem für uns alle eine ideale Form, von der wir alle profitieren. Und ja, ohne das „Scheitern“ vorher wäre ich nicht halb so sicher, dass das hier der richtige Weg für unsere internationale und mehrkulturelle Familie und für mich als Mensch ist.
    Ich drücke euch die Daumen für eure weiteren Pläne und Wünsche und dass der Rubbelbatz (und sein Geschwister) die Kindheit auf dem Land genauso genießen kann wie meine Kinder – und ihr als Erwachsene natürlich genauso 🙂

    Hallo liebe Magda,

    vielen Dank für diese aufbauenden Worte 🙂

    Und der Vorgänger-Kommentar…ich bin alt genug, um zu wissen, das sowas mit mir nichts zu tun hat. Menschen mit Frust versuchen diesen, irgendwo loszuwerden. Schade für den, nicht für mich.

    Ich wünsche euch auch weiterhin alles Gute,
    viele Grüße,
    Hanna

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