Baby abhalten: Mein Windelfrei-Erfahrungsbericht

 Baby Abhalten und Windelfrei? Das ist doch was für Körnerfresser! Oder?

Ganz am Rande hatte ich wohl schon mal davon gehört: es soll Eltern geben, die behaupten, dass Babys keine Windeln benötigen. Dass es möglich ist, auch schon ganz kleine Babys ins Töpfchen machen zu lassen und dass das angeblich gut funktionieren soll. Weiter beschäftigt mit windelfrei habe ich mich nie, ich habe diese Leute immer für Spinner gehalten. Öko-Futzis, Körnerfresser (wie wir uns seit neuestem selbst ab und an bezeichnen), Möchtegern-Weltverbesserer. Dann habe ich auf Empfehlung das Buch “Windelfrei? – So geht’s” von Lini Lindmayer gelesen. Und plötzlich das Kind windelfrei, macht ins Töpfchen? Oder in die Toilette, Badewanne, Waschbecken – aber eben nicht mehr in die Windel? Seit einigen Tagen läuft unser windelfrei-Experiment – bisher erfolgreicher, als vermutet.

Windelfrei – die Theorie

Warum Eltern Ihr Baby ohne Windeln erziehen?

Naturverbundene, sog. “primitive” Völker machen es vor: Mütter wissen intuitiv, wann ihr Baby mal muss und ermöglichen ihnen dann an passender Stelle, ihr Geschäft zu erledigen. Ganz andere Kultur, denkt man im ersten Moment. Das geht bei uns ja gar nicht. Aber sind es nicht die gleichen Babys? Kommt nicht jedes Kind mit ähnlicher Disposition zur Welt, mit ähnlichen Kompetenzen und Grundbedürfnissen? Könnte es also sein, dass auch wir als Mütter und unsere Babys das können?

Lini Lindmayer beantwortet das mit einem klaren Ja. Windelfrei kann jeder. Ausschlaggebend dafür ist die intuitive, (non)verbale Kommunikation mit unseren Babys. Und das können nicht nur Mütter, sondern auch Väter. Die Kommunikation über das Ausscheidungsbedürfnis kann aber kaum isoliert gesehen werden, sie ist teil eines ganzen Erziehungsmodells. Denn nur, wer grundsätzlich mit seinem Baby in engem Kontakt steht und die sog. Natürliche Säuglingspflege betreibt, ist aufmerksam genug, die Signale des Babys wahrzunehmen. Und die sendet es von Geburt an, wir müssen nur aufmerksam genug sein, sie wahrzunehmen. Wie wir diese wahrnehmen können? Teilweise gibt das Kind sehr eindeutige Signale, z.B. fängt es an zu drücken, wenn es groß muss. Teilweise ist es aber auch ein instinktives Wissen der Eltern, gesteuert durch Spiegelneuronen. D.h. die Mimik und Gestik des Säuglings verändert sich, bewusst nicht wahrnehmbar, aber die Mutter oder der Vater spüren trotzdem, dass er muss. Das heißt, wir müssen nicht rund um die Uhr dastehen und unser Baby beobachten. Irgendwann pendelt sich ein Rhythmus ein und wir wissen (meistens), wann unser Kind Wasser lassen oder großes Geschäft machen muss.

Babys werden falsch konditioniert

Statt diesen natürlichen Mechanismus zu nutzen, verlassen wir uns auf relativ wasserdichte Windeln, bei denen wir nicht einmal merken, wann sie von innen nass sind.  Ich wusste zum Beispiel nicht, wie oft unser Rubbelbatz eigentlich Pipi macht. Durch dieses Missachten der (Körper)signale über viele Monate lernt das Baby, dass diese wohl nicht wichtig sind und hört irgendwann nicht nur auf, diese zu verbalisieren, sondern auch überhaupt wahrzunehmen. Es lernt, dass der richtige Ort für Ausscheidungen die Hose bzw. Windel ist. Jahre später soll es dann im Rahmen von einem Prozess, den wir trocken werden nennen, plötzlich Bescheid geben, wenn es muss. Viele Kinder wissen aber gar nicht, dass sie müssen – bis es zu spät ist – sie nehmen ihre Körpersignale gar nicht mehr wahr.

Warum wir keine Windeln mehr wollen

Windeln, egal ob Stoff- oder Wegwerfwindeln, haben noch einen anderen Nachteil: Sie hindern Babys und Kleinkinder, ihren Körper als Ganzes wahrzunehmen, sie können gewissen Körperstellen nicht berühren und nicht richtig spüren. Eine natürliche und gesunde Einstellung zu diesen Körperstellen wird dadurch erschwert.

Wer möchte das schon für sein Kind. Ein guter Kompromiss ist allerdings, das Baby zumindest mehrmals am Tag windelfrei, also “unten ohne” strampeln zu lassen, sich beim Wickeln und Anziehen Zeit zu lassen und vor allem, das Kind sich selbst anfassen zu lassen, wenn es das möchte.

Wichtig ist dabei, dass es sich NICHT um verfrühte Sauberkeitserziehung handelt. Windelfreie Babys sind nicht “trocken”. Es sind lediglich die Eltern, die im Zusammenspiel mit Signalen des Babys entsprechend handeln und verhindern, dass die Ausscheidung in die Windel geht. Das “Trocken werden” kommt frühestens mit einem Jahr. Nämlich dann, wenn Kinder anfangen, Dinge selbst tun zu wollen und bewusst Vorgänge steuern können. Erst dann, oft auch erst mit zwei Jahren, kann es passieren, dass das Kind auch den Gang zum Töpfchen selbst machen möchte.

Und “Wie” am besten mit windelfrei anfangen?

Wichtig ist, dass Mutter und Vater sich nicht unter Druck setzen und dann damit beginnen, wenn sie sich so weit fühlen. Das kann gleich nach der Geburt sein, aber auch erst einige Wochen oder Monate später. Wer mutig ist, kann gleich die Windel komplett weglassen und entweder Unterhöschen verwenden, den Nachwuchs (im Sommer) ohne Windel lassen, oder eine Mullwindel locker umwickeln. So lernt man den Rhythmus und die Signale des Babys am besten kennen, ist achtsamer, weil ja auch tatsächlich was nass werden kann. Die “Sicherheit” der Windel ist weg. Für viele ist es aber vielleicht einfacher, erst einmal nur phasenweise darauf zu achten und z.B. nachts oder außer Haus weiterhin eine Windel zu verwenden.

Welche Abhaltepositionen fürs Baby gibt es?

Wenn man dann denkt, dass das Baby ausscheiden muss, hält man es in der sog. Ausscheidungsposition über ein Töpfchen, die Toilette oder die Badewanne und sagt einen Schlüssellaut. Damit ist das sogenannte “Abhalten” auch schon in aller Kürze erklärt. Dieser Schlüssellaut stellt keine Konditionierung dar, d.h. das Kind wird nicht eines Tages ausscheiden, weil es den Schlüssellaut hört. Es scheidet aus, weil es muss. Allerdings ergibt der Schlüssellaut in Kombination mit der Ausscheidungsposition eine Art Ritual, das dem Baby Sicherheit gibt und es entspannen lässt. Die Position, in der man die Babys hält, kann übrigens entweder (bei kleinen Säuglingen und Neugeborenen) die Wiegehaltung sein, bei der man die Beine etwas mehr anwinkelt, oder das Kind liegt/hockt mit dem Rücken am eigenen Bauch an, sodass der Kopf sicher gestützt wird, die Hände fassen unter den Armen des Kleinen durch und umfassen die Knie/Oberschenkel, die dadurch automatisch zum Körper gezogen werden.

Und wie funktioniert Windelfrei? – Unsere Erfahrung

Schon nach den ersten Seiten des Buches war für mich klar: das versuchen wir! Der Gedanke, weder müllerzeugendes Plastik um seinen kleinen Popo zu schnüren, noch Stoffwindel-Wäsche in rauhen Mengen zu waschen, ist einfach zu verlockend. Dass wir uns damit in zwei oder drei Jahren noch weiteren Stress mit dem “trocken Werden” ersparen, umso besser, aber momentan nicht ausschlaggebend.

Als hochmotivierte Erstlingseltern möchten wir selbstverständlich nur das Allerbeste für unseren Kleinen und dafür ist uns kein Weg zu weit. Also fix die Windel weggelassen und drauf los probiert. Zugegeben, wenn wir nach draußen gehen und nachts ziehen wir ihm teilweise eine Pampers an, tagsüber bekommt er immer mal wieder eine Stoffwindel, aber wir achten auf jeden Fall darauf und versuchen, ihn abzuhalten, wenn er muss.

Lini Lindmayer gibt in “Windelfrei? So geht’s!” einen Zeitrahmen von ca. 2 Wochen an, in dem natürlich vermehrt Unfälle passieren, danach würde sich das Ganze einigermaßen einspielen. Die sind bei uns jetzt annähernd rum und wir können wir folgendes Fazit ziehen:

  1. Der Kleine liebt es, ohne Windel strampeln zu dürfen. Wir legen einfach ein Handtuch auf eine große Wickelunterlage und schon kann es losgehen. Unfälle einkalkuliert. Leider wird das mit sinkenden Temperaturen immer schwieriger, als es noch warm war, ging das, so lange er Lust dazu hatte.
  2. Es ist sehr, sehr selten geworden, dass ein “großes” Geschäft in die Windel geht. Dadurch müssen wir unsere Stoffwindeln lediglich trocknen – dann kann man sie mehrere Male verwenden. Wegwerfwindeln brauchen wir vielleicht 2-3 pro Tag, je nachdem, wie oft wir nach draußen gehen und wie oft er nachts wach wird. Wir können mit relativer Sicherheit sagen, wann er “drückt”und sich was anbahnt. Auch wenn er eine Pampers an hat und auch nachts halten wir ihn dann über einem Töpfchen ab. Das Töpfchen haben wir übrigens schon vor einigen Wochen besorgt. Damals ist uns aufgefallen, dass der Rubbelbatz am liebsten immer dann macht, wenn er unten ohne auf dem Wickeltisch liegt. Vorher drückt und drückt und drückt er nur. Dass er vielleicht nur darauf wartet, dass die Ausscheidung nicht direkt an seinem Hintern klebt, weil das angenehmer ist, ist uns  noch  nicht so in den Sinn gekommen. Allerdings wollten wir, sobald sein Köpfchen und sein Körper etwas stabiler ist, anfangen, das Töpchen zu nutzen. Von “windelfrei” wussten wir noch nichts. Oft halten wir ihn auch über der Badewanne ab, vor allem morgens, wenn wir ohnehin im Bad sind.
  3. Das Baby unterwegs abhalten? Kein Problem, unterwegs, wenn sich die Gelegenheit bietet, geht der Rubbelbatz mit mir auf Toilette. Das heißt, ich sitze angezogen auf der Toilette und halte ihn zwischen meinen Beinen ab. Wenn wir z.B. eine stille Parkbank finden, machen wir dasselbe dort. Keine Sorge, Neugeborenen-Kacka ist so dünnflüssig, da steigt danach niemand rein und ärgert sich. Und so muss er auch unterwegs nicht in die Windel machen.
  4. Was das Wasser lassen angeht, sind wir nach wie vor ratlos. Wir haben ein paar Ideen oder Momente, in denen wir denken, jetzt muss er. Manchmal bzw. oft stimmt es auch. Allerdings ist bei uns trotzdem alles mit Handtüchern ausgepolstern, und oft geht auch was daneben. Bevorzugt auf uns. Wenn der Kleine bei mir im Tragetuch schläft, ist die Stoffwindel danach nass. Soviel zu der Theorie, dass Babys normalerweise im Schlaf nicht pinkeln. Wenn er allerdings richtig tief schläft (also manchmal nachts), geht wirklich  nichts daneben und er wacht auf und meldet sich, wenn er muss. Aber eben nur manchmal, meistens macht er einfach in die Windel und wacht nicht mal auf.
  5. Er scheint die Abhalteposition wirklich zu mögen, wenn er groß muss. Zum Pipi machen dagegen scheint ihm das zu anstrengend zu sein. Selbst wenn ich mir ganz sicher bin, dass er mal pullern muss und ihn auch über der Badewanne abhalte, drückt er nur aber es kommt nichts. Erst, wenn er sich auf der Wickelmatte oder auf meinem Arm wieder entspannt, kommt es.
  6. Eine Frage, die mir auch Lini Lindmayers Buch schuldig geblieben ist, konnten wir noch nicht beantworten: wie in aller Welt schafft man es, dass das Pipi im Töpfchen landet, ohne vorher an seine Füßchen und/oder meine Hand zu schießen? Gibt es irgendeinen Trick, zu “zielen”?
  7. Die Beziehung zu unserem Kleinen ist durch ‘windelfrei’ auf jeden Fall intensiver und vertrauensvoller geworden. Mir war vorher nicht klar, dass wir zwar wissen, wie oft er groß macht, aber keine Ahnung haben, wie oft er eigentlich Pipi macht. Da das, wie sich herausgestellt hat, doch ziemlich häufig ist und manchmal auch mit etwas drücken und Unwohlsein einher geht, das wir uns vorher nicht erklären konnten, macht es doch einen wichtigen Teil seines Tages aus. Auch diesen Teil seiner Bedürfnisse kennenzulernen scheint uns wirklich gut zu tun. Ich werde dadurch viel ruhiger und achtsamer, was sich natürlich auch auf ihn auswirkt.

 

Unser vorläufiges Fazit über Windelfrei:

Die wahrscheinlichste Version ist, dass wir auch nach weiteren zwei Wochen immer noch im Dunkeln tappen mit dem Wasser lassen- und ihm größtenteils Stoffwindeln geben, ihn für das große Geschäft allerdings weiterhin abhalten. Teilzeit-windelfrei, sozusagen. Das erspart uns viel Stress mit saubermachen / Windeln wechseln und kann zumindest als Teilerfolg verbucht werden. Vielleicht kommt der Rest mit der Zeit, wenn er auch nicht mehr alle 15-30 Minuten pullert und er daran gewöhnt ist, abgehalten zu werden, ergo mehr entspannt und Wasser lässt.

Auch wenn ich fast nicht glaube, dass wir es 1:1 wie in der windelfrei-Theorie hinbekommen, bin ich doch sehr froh über diesen Schritt. Und für alle Eltern, die sich genau jetzt denken, sie wollen sich den Stress mit windelfrei nicht antun: probiert es zumindest aus. Ich habe nicht das Gefühl, dass das Ganze irgendwie stressig ist, weder für ich noch für ihn – es ist einfach nur eine Art, intensiveren Kontakt zum Baby zu pflegen. Wer das ohnehin schon tut, für den ist der Schritt klein. Wer bisher mehr auf die “herkömmlichen” Methoden wie eigenes Babybett, Kinderwagen & Co. baut, für den wird es eine echte Bereicherung sein!

 

Zum Weiterlesen:

Wenn ihr noch weitere Erfahrungsberichte von windelfrei-Mamas lesen möchtet, habe ich hier ein paar rausgesucht:

Gundula schreibt auf Rabeneltern.org von ihrer “Teilzeit-Windelfreiheit” mit ihrem zweiten Baby.

Die Geschichte von Freya und ihrem windelfreien Baby könnt ihr auf gewünschtestes-wunschkind.de lesen.

Auch Jule in einem Gastbeitrag zum Thema windelfrei auf stadtlandmama.de berichtet,wie die meisten, von Problemen am Anfang und mit ganz kleinen Säuglingen.

Im Beitrag zu windelfrei der Wildnisfamilie bewundere ich vor allem die Zielsicherheit auf dem Foto!

Weitere Fragen und interessante Punkte bespricht Franzi auf einfachklein.de und Julia auf ihrem Blog windelwissen.de in einem allgemeinen Interview mit Lini Lindmayer sowie einem Interview speziell zu Problemen mit Windelfreiheit.

Über eure Erfahrungen mit windelfrei – als Kommentar oder Link – würde ich mich freuen!

 

Werbung/Anzeige




Werbung/Anzeige



Alle Kommentare (4)

    Oh da bin ich ja mal gespannt, was ihr da weiter zu berichten habt. Ich stelle mir das wirklich schwierig und stressig vor. Wir hatten ja das Glück, dass unser mit 2 schon windelfrei war, von ganz alleine und ohne viel Stress…

    Windelfrei ist eine tolle Sache. Wir haben mit unserem Sohn mit ein paar Wochen angefangen und ganz schnell ging das große Geschäft nur noch in die Badewanne.
    Da Babys sehr viel Pipi machen haben wir das mal aufgefangen und mal nicht. Wir haben irgendwann den Wunsch losgelassen komplett windelfrei zu sein und ihn abgehalten wenn es gepasst hat ohne ihn zuviel zu stressen. Das hat immerhin dazu geführt dass er sich seiner Ausscheidungen immer bewusst geblieben ist und mit Ca. 18 Monaten ohne windel war. Ganz ohne Stress. Ich würde es immer wieder so mache und fand es eine super Bereicherung.
    Meine Lieblings abhalteposition war lange über der Badewanne oder über dem Kilo mit Gesuch zum Klodeckel. Da er recht schwer war konnte ich so einen Teil seines Gewichtes auf die klobrille verlagern.
    Macht ruhig weiter so, aber denkt euch nichts bei “Rückschlägen” und nehmt es einfach locker.

    Hallo liebe Ness,

    beeinflussen im Sinne von “erzwingen” sicherlich nicht. Aber richtig begleiten können wir unsere Kinder durchaus. Wenn Dich das Thema näher interessiert, lies doch mal den aktuellen Artikel zum trocken werden.

    Liebe Grüße,
    Hanna

Sag uns, was Du dazu denkst

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.