Keine Angst vor Tränen – warum mein Kind auch in der Öffentlichkeit trotzen darf


Die Frau in der Bäckerei hat die Tüten gerade fertig gepackt, da fällt meinem Kleinkind ein, dass er das kleine Croissant will. Nicht das mit den Körnern, das er vor einer Minute wollte, sondern das kleine weiße. Ohne nachzudenken sage ich: „Schatz, wir haben das jetzt schon gekauft, beim nächsten Mal kannst Du Dir das andere aussuchen.“

Die Verkäuferin, etwa im Alter meiner Mutter, strahlt mich an. „Eine Mutter, die konsequent ist. Das finde ich toll.“ Ohne, dass ich groß reagiere, fährt sie fort. Sie komme gerade aus Deutschland zurück und ihr würden die „Helikopter-Eltern“ dort ziemlich auf die Nerven gehen. Ich vermute, sie meint nicht Helikopter-Eltern, sondern Eltern wie uns, die auch mal zu Kompromissen bereit sind und mit ihrem Kind kommunzieren, statt alles zu bestimmen.

„Naja, solche Eltern sind wir auch oft genug“, falle ich ihr ins Wort. Ich zucke mit den Schultern: „Und es kann gut sein, dass er sich jetzt gleich auf den Boden wirft und brüllt.“ – „Ach, das macht nichts,“ erwidert die Verkäuferin und erzählt von einem Facebook-Video, in dem sich eine Mutter im Supermarkt neben ihr trotzendes Kleinkind wirft und auch laut brüllt.

Mein Mann bezahlt. Das Kleinkind sinkt derweil langsam zu Boden und aus dem Genörgel wird ein lauteres Gebrüll. Wir tauschen das Croissant trotzdem nicht um. Im Nachhinein frage ich mich, warum eigentlich nicht. Vermutlich die kleine Stimme in meinem Hinterkopf, die sagt: Du musst konsequent sein, damit das Kind Dir nicht auf der Nase herumtanzt.

Keine Angst vor der Wut in der Öffentlichkeit

Was mir aber in dieser Situation an unserer kleinen Familie auffällt, ist folgendes: Wir haben keine Angst vor seinem Wutanfall. Das wäre für mich kein Grund, das Croissant auszutauschen. Der einzig valide Grund wäre, dass er sich eben umentschieden hat und es ganz einfach machbar ist.

Das tolle an unserem Kind ist, dass man ihn bei Wutausbrüchen in der Öffentlichkeit trotzdem gut erreichen kann. Ich beuge mich also zu ihm hinunter und erkläre ihm, dass wir das jetzt nicht umtauschen, aber dass ich verstehe, dass er das andere wollte. Beim nächsten Mal kann es sich das kleine weißte aussuchen.


Ich bitte ihn, mit uns zum Roller zu gehen. Er kommt mit. Weinend. Ich merke, dass er sich große Mühe gibt, sich zusammen zu reißen. Als wir auf dem Roller sitzen, er zwischen uns, sage ich ihm nochmal, dass es okay ist, wütend zu sein und dass er ruhig weinen darf. Er hält sich an seinem Papa gut fest und brüllt aus Leibeskräften. Mir ist es nicht unangenehm. Ich sitze auf dem Roller, halte mein Kind gut fest und warte, dass er sich beruhigt. Streichle manchmal beruhigend über seinen Rücken. Irgendwann fängt es aus Strömen an zu regnen und wir müssen uns unterstellen. Der Regen ist interessant und der Ärger vergessen. Wir sitzen im Regen, er ganz dicht bei mir und isst seinem Körner-Croissant.

Weil Kinderfreundlichkeit eine Selbstverständlichkeit sein sollte

Und noch etwas fällt mir auf: Früher wäre es für mich in Frage gekommen, das Croissant umzutauschen, nur um den Wutanfall zu verhindern. Ich weiß noch, wie unangenehm mir solche Situationen gewesen wären. Vor einem Jahr. Vor unserer Reise. Vor unserem Leben in einer Kultur, in der Kinder willkommen sind und Kinder sein dürfen, wie sie sind.

Auf Bali mussten wir uns daran erst einmal gewöhnen. Dass unser Kind im Restaurant kein Störfaktor für andere ist, sondern willkommen. Vielleicht sogar ein bisschen mehr willkommen als wir selbst. Auch, wenn er sich „daneben benahm“, über jede Bank klettern und jede Tischdeko auseinander nehmen wollen. Kein Kopfschütteln. Kein Augen verdrehen. Keine Kommentare. Nur freundliche Gesichter. „It’s okay,“ hieß es dann meist nur zu unserem Erstaunen, wenn wir ihn davon abhalten wollten.

Aus dieser Kultur der Kinderfreundlichkeit ist für mich allmählich eine Selbstverständlichkeit geworden. Ein Selbstbewusstsein. Ich weiß, dass zurück in Deutschland wieder Menschen die Augen verdrehen werden. Dass Menschen tuscheln werden, wir hätten das Kind nicht unter Kontrolle. Aber ich habe keine Angst mehr davor, dass mein Sohn sich auf den Boden wirft und seinem Ärger Luft macht.

Wer so viel Verständnis für einen 3-jährigen nicht aufbringen kann, für den habe ich auch keines. Jeder Erwachsene hat die Möglichkeit, sich über die Entwicklung von Kindern zu informieren und Eltern und Kind in so einer Situation mit Empathie und konstruktiven Kommentaren zu begegnen. Kein 3-jähriger hat die Möglichkeit, die Situation und sein eigenes Verhalten mit so viel Weitblick zu betrachten. Das muss er auch gar nicht, denn er ist ein 3-jähriger. Ein Kind. Mitten in der Entwicklung. Und diese Entwicklung ist mir wichtiger als das Vermeiden von ein paar unangenehmer Momente.


Auf Pinterest merken: 



Sag uns, was Du dazu denkst

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.