Neurodiversität: (K)ein Platz für wilde Jungs?


Wenn sie meinen Sohn beobachten, höre ich Eltern oft sagen: „Meiner war genauso in dem Alter.“ Auch wenn meine Wahrnehmung manches Mal eine andere ist, scheint es viele Jungs zu geben, die sehr aktiv, aufgeschlossen und „wild“ sind. Zu wild? Über sein Mädchen hat bisher nie jemand gesagt „Meine ist genauso furchtlos und ungestüm“.

Und noch etwas teile ich mit all den anderen Eltern wilder Jungs: Sie sind gestresst. Nicht von dem Verhalten ihrer Kinder per se, sondern von dem Versuch, den Bedürfnissen ihrer Kinder und der umgebenden Menschen gerecht zu werden. Sie sind angespannt, weil ihre Kinder teilweise unberechenbar scheinen. Alles ausprobieren. Die Eltern nie wissen, was den Kleinen als nächstes einfällt. Wütend, weil sich diese ständige Überaktivität einfach nicht unter Kontrolle bringen lässt. Uns Eltern beansprucht. Auslaugt.

Ich kenne dieses Gefühl gut. Den Dauerstress im Restaurant. Das angespannte Beobachten beim Spielen im Park. Das bange Hinterherlaufen in der Wohnung anderer, die scheinbar nicht im geringsten kindersicher scheint, obwohl sie selbst Kinder im gleichen Alter haben. Da gewöhnt man sich schnell an, lieber zu Hause zu bleiben und den Stress zu umgehen. Eigenen Platz zu schaffen, wenn das Kind in der Gesellschaft scheinbar keinen Platz hat.

Doch warum ist das eigentlich so? Sind wilde Jungs in unserer Gesellschaft unerwünscht? Haben sie keinen Platz? Ist diese Überaktivität unnormal? Ein Fehler der Evolution? Oder ein Ergebnis unserer Unfähigkeit als Eltern? Unserer Erziehung?

Ich habe mich auf die Suche nach Antworten gemacht.

Bei meiner Recherche bin ich auf den Begriff der Neurodiversität gestoßen. Dabei geht es darum, dass von der Norm abweichende Gehirnstrukturen so natürlich sind wie biologische Abweichungen der Genetik. Sie sind Teil der menschlichen Evolution, die sicherstellt, dass wir bestmöglich an unsere Umwelt angepasst sind.


Was Neurodiversität genau ist und wie wir meiner Meinung nach mit diesen „anderen“ Kindern, egal welcher Art von Andersartigkeit, umgehen sollten, darüber habe ich mir ausgiebig Gedanken gemacht.

Was ist Neurodiversität?

Der Begriff der Neurodiversität (engl. neurodiversity) bezeichnet die endlose Vielfalt neurokognitiver Strukturen beim Menschen. Während in der Evolutionsbiologie die Diversität der genetischen Merkmale eines Menschen als Grundlage und Normalität gilt, wurde das Thema Diversität im Bereich der Neurobiologie erst in den letzten Jahren aufgebracht. Genau wie unsere restlichen körperlichen Merkmale ähneln sich Aufbau und Entwicklung unseres Gehirns zwar zu großen Teilen, aber eben nicht ganz – sie variieren doch von Mensch zu Mensch. Während manche Menschen vom Durchschnitt, der als „Norm“ wahrgenommen wird, nur ein wenig abweichen, gibt es andere Gehirnstrukturen und Funktionsweisen, die eher selten sind.

Traditionell bezeichnet man stark abweichende neurologische Strukturen mit verschiedenen Krankheitsbildern wie Autismus, ADHS, oder Lernstörungen. Im Diskurs der Neurodiversität würde man sagen, diese Menschen sind nicht krank, sondern neurodivergent.

Gibt es eine Autismus-Epedemie?

Seit den 70ern werden mehr und mehr Kinder mit Autismus diagnostiziert. Die Vermutung liegt nahe, dass dieser besondere neurologische Zustand immer häufiger auftritt. So scheint es auch im direkten Umfeld, Asperger und Autismus scheinen in aller Munde zu sein. Jeder schiebt es auf eine andere Ursache. Impfgegner auf Impfungen, Medien-Skeptiker auf Fernsehen, Ernährungsbewusste auf Lebensmittelallergien, Alternativmediziner auf Antibiotika und sogar Viren waren schon im Verdacht, Autismus zu verursachen.

Dabei ist die Wahrheit, dass in den 1970ern lediglich die Diagnoserichtlinien und genaue Definition von „Autismus“ geändert wurden. Eine aktuelle Studie zeigt, dass bei Beibehaltung der Diagnosekriterien die Zahl der Autismus-Fälle seit 1990 nicht angestiegen wäre. Auch die Aufklärungsarbeit bezüglich autischtischer Verhaltensauffälligkeiten hat dazu beigetragen, dass Diagnosen schneller und häufiger gestellt werden können, als früher. Denn während man heute weiß, dass Hilfe und die richtige Förderung viele Probleme Lösung können, wurden Kinder, die anders sind, früher gerne versteckt und irgendwie durchgemogelt.

Mit ADHS verhält es sich angeblich ähnlich. Die immer häufigere Diagnose ADHS ist womöglich nicht einem ansteigen dieser Auffälligkeit geschuldet, sondern dem Bewusstwerden in breiten Bevölkerungsschichten. Früher waren die Kinder einfach ein Zappelphillip, Störenfried oder schlicht schlecht erzogen. Heute weiß man, dass möglicherweise mehr dahinter steckt.

Eine „Krankheit“ nämlich. Eine Störung. Eine behandlungsbedürftige Norm-Abweichung. Und genau da setzt die Neurodiversitätsbewegung an: Bei diesen neurologischen Besonderheiten handelt es sich nicht um Erkrankungen! Kinder werden so geboren und bleiben so, ihr Leben lang. Es handelt sich um eine Dimension von Neurodiversität, nicht um einen neurologischen Fehler!

Nick Walker, Autismuswissenschaftler und Professor für Psychologie am California Institute of Integral Studies gibt eine aktuelle Definition von Autismus:

Die komplexen und miteinander zusammenhängenden Charakteristika, welche die autistische Neurologie von der nicht-autistischen Neurologie unterscheiden, werden noch nicht vollständig verstanden, aber aktuelle Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass der wesentliche Unterschied ist, dass autistische Gehirne durch einen besonders hohen Grad an synaptischer Konnektivität und Reaktionsvermögen gekennzeichnet sind. Das führt dazu, dass die subjektive Erfahrung der autistischen Personen intensiver und chaotischer ist als die nicht-autistischer Personen: Sowohl auf sensorisch-motorischer als auch auf kognitiver Ebene neigt der autistische Verstand dazu, mehr Informationen aufzunehmen, und die Auswirkungen von jedem bisschen Information tendieren dazu sowohl stärker als auch weniger vorhersehbar zu sein.

Autismus ist ein Entwicklungsphänomen, was bedeutet dass es im Mutterleib beginnt, es angeboren ist und während der gesamten Lebensdauer einen tiefgreifenden Einfluss auf die Entwicklung auf verschiedenen Ebenen hat. Autismus verursacht charakteristische, untypische Arten des Denkens, der Bewegung, der Interaktion, sowie der sensorischen und kognitiven Verarbeitung.

Das Umfeld macht den Unterschied: Mit wilden Jungs leben

Ist es mit den „wilden Jungs“ vielleicht ähnlich? Wurden solche Verhaltensweisen in den vergangenen Jahrzehnten vielleicht mehr versteckt, zurechtgebogen und umerzogen als heute? Ich glaube, dass Eltern von hochaktiven Kindern früher vor weniger Problemen standen, weil sie weniger darüber nachgedacht haben, ob diese unangepassten Verhaltensweisen vielleicht einfach berechtiger Teil des Kindes sind, das man nicht verbiegen sollte. Heute schrecken Eltern wie ich davor zurück, unsere Kinder mit Strafen und anderen Erziehungsmaßnahmen gleichzuschalten.

Ist der Drang, sich zu bewegen, die Welt zu erkunden und sich auszuprobieren nicht auch eine Verhaltensweise, ein Charakterzug (oder gar eine neurologische Struktur?), mit der manche Kinder eben geboren werden? So glaubt Autorin und Schulrektorin Birgit Gegier Steiner zum Beispiel, der „unterschiedliche biologische Bauplan von Mädchen und Jungen sei der Grund für ihr Verhalten und ihre Vorlieben.“

Mein Sohn hat (Stand jetzt) weder ADHS noch Autismus. Trotzdem ist passt er häufig nicht in unsere Gesellschaft. Ich kann also in Ansätzen nachvollziehen, wie es Eltern mit Kindern gehen muss, die noch stärker von der Norm abweichen. Denn das ist kein Alles-oder-nichts-Problem, sondern ein Spektrum an gesellschaftlich unerwünschten und unpassenden Verhaltensweisen, auf dem sich jedes Kind bewegt. Darum betrifft diese Frage nicht nur Eltern von Kindern mit diagnostizierter neurologischer Abweichung, sondern eigentlich fast alle Eltern. Wie gehen wir damit um, wenn unser Kind nicht in die Gesellschaft passt? Passend machen?

Für mich lautet die ganz klare Antwort: Nicht das Kind sollten wir passend machen, sondern die Gesellschaft! Hört sich radikal an? Zu groß gedacht? Nicht machbar? Ich denke nicht. Bezüglich meines Sohnes habe ich die Erfahrung gemacht, dass sein Verhalten bei anderen Menschen und Kindern Reaktionen hervorruft, die meist in eine dieser beiden Richtungen geht:

  1. Vielen missfällt es, dass er so laut, aktiv und wild ist. Vor allem Mädchen wollen nach dem ersten Kontakt lieber nicht in seiner Nähe sein, ziehen sich zu den Eltern zurück. Ein absolut verständliches und natürliches Verhalten. Mir gibt es allerdings das Gefühl, dass mit meinem Kind irgendetwas nicht stimmt. Instinktiv versuche ich, ihn zu gesellschaftskonformeren Verhaltensweisen zu bewegen. Das einleitend beschriebene Gefühl des Dauerstresses stellt sich ein. Bei mir und bei ihm. Wir befinden uns in einem Abwärtskreislauf aus Maßregelung und für mich unangenehmen Verhaltensweisen.
  2. Es gibt Kinder und mit ihnen auch deren Eltern, sowie auch kinderlose Erwachsene, die beinahe in Begeisterung ausbrechen, wenn sie mein Kind zum ersten Mal erleben. Die etwas ganz besonderes in ihm sehen, mitgerissen werden von der Lebensfreude und exzessiven Begeisterung für alle Dinge, die er an den Tag legt. Kinder, die ihm sofort nacheifern, die sich anstecken lassen und fröhlich mit ihm spielen. Eltern, die sich genau diese Inspiration häufiger für ihre Kinder wünschen. In dieser Umgebung fühle ich mich sicher und wohl, entspanne mich. Entsprechend angenehm ist auch das Verhalten meines Kindes.

Nun ist, wenn ich die Tatsachen auf diese Weise darstelle, die sinnvolle Konsequenz wahrscheinlich recht deutlich. Ich selbst habe aber viele Monate bis Jahre gebraucht, um sie zu verstehen. Natürlich ist es für alle Beteiligten das Beste, wenn wir uns vor allem mit Menschen umgeben, die mit dem Aktivitätslevel meines Kindes klarkommen. Die ihn als Bereicherung sehen und uns als Eltern ein gutes Gefühl geben. Mit Kindern, die sich schütteln und weiterspielen, wenn sie beim wilden Toben mal hinfallen und es nicht vorziehen, nicht weiter zu spielen.

Neben der Entspannung und den positiven Erfahrungen für mich hat das vor allem für die Entwicklung meines Sohnes große Vorteile. Denn er wird in seinem Leben noch früh genug an den Punkt kommen, an dem er dieses Verhalten zumindest vorübergehend kontrollieren muss. Doch jetzt, mit seinen drei Jahren, muss er erst einmal die nötige Reife dazu entwickeln.

„Für die Persönlichkeitsentwicklung ist ein vorurteilsfreies soziales Umfeld die erste Voraussetzung.“Soziologin Prof. Petra Lucht

Gilt das auch für Kinder mit Autismus und ADHS?

„Aber“, denkst Du jetzt vielleicht, „du hast ja leicht Reden, dein Kind hat weder ADHS noch Autismus“. Ja, das ist richtig. Trotzdem weicht sein Verhalten, seine Interaktion mit anderen und sein Aktivitätslevel von der Norm ab. Natürlich ist es für mich weniger anstrengend, weniger anspruchsvoll, zeitintensiv, als für Eltern von Kindern mit Autismus. Ich habe wahrscheinlich weniger Ängste bezüglich seiner zukünftigen Entwicklung. Das Grundprinzip ist in meinen Augen trotzdem dasselbe.

Anstatt zuzusehen, wie ein Kind an der Erwartung scheitert, in unsere Gesellschaft passen zu müssen, sollten wir lieber seine Besonderheiten anerkennen und stärken. Unsere Kinder brauchen eine Umgebung, in der sie sich richtig fühlen. Anerkannt. Bewundert. Egal, ob autistisch, hochsensibel oder hyperaktiv. Egal, welches Label, oder ob überhaupt ein Label, Ziel sollte immer dasselbe sein:

Ein Kind und später auch ein Erwachsener sollte sich seiner Disposition, seinen Begabungen gemäß entwickeln und einbringen können.


Hier noch ein, wie ich finde, wirklich schön gemachtes Video zum Thema:

Human Neurodiversity Should Be Celebrated for Its Strengths, Not Treated as a Disorder

It’s time that we stop thinking about conditions like ADHD and autism as ‘disabilities’ and recognize them as valuable pieces of humanity’s neurodiversity

Gepostet von NowThis Opinions am Montag, 23. Juli 2018


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Alle Kommentare (7)

    Hanna, vielen Dank für deinen Artikel. Danke für die tolle und hilfreiche Informationen und hast mich wieder zum Nachdenken bezüglich meinen kleinen gebracht. Ganz besonders deine beiden Szenarien, diese könnten von uns sein. Habe mich gerade reflektiert und festgestellt, dass ich unbewusst die Spielgruppe, Krabbelgruppe und weitere Kurse aktuell vermeide, da es für mich zu einem Stress gehört und der kleine meine Energie spürt. Denn in größeren Gruppen von Kindern und unterschiedlichen Müttern, ist der Druck so groß, dass das Kind angepasst sein muss. Da bin ich aber anderer Meinung. Ist es den nicht genau so wichtig, die Individualität einer Person zu stärken und diese bis in das Erwachsenen-Alter zu schützen. Was passiert, wenn alle Personen der Norm entsprechen würden? Wieso wird es von so einem kleinen Menschen schon so viel verlangt?

    PS. Vielen Dank für deine Seite und die Anregungen, macht weiter so?
    Lg kathrin

    Hallo Kathrin,

    vielen Dank erstmal für Deine liebe Rückmeldung.

    Ich sehe das wie Du, die Integrität und das Wohlergehen meines Sohnes stehen für mich über meinem Bedürfnis, nicht negativ aufzufallen. Meistens zumindest. Ich denke, dass so immer mehr Eltern handeln und von manchen wird es als mangelnde Erziehung wahrgenommen. Ich würde es als wundervolle Entwicklung hin zu psychisch gesunden Kindern und später Erwachsenen bezeichnen. Ist es nicht viel sinnvoller, diese Anpassungsleistung von anderen Erwachsenen, als von kleinen Kindern abzuverlangen?
    Weil ich aber auch die anderen Kinder verstehe, also die sich von so viel Energie und Tatendrang gestört fühlen, ist es glaube ich wichtig, einfach das richtige Umfeld zu finden. Wenn die Krabbelgruppe nicht passt, weil Du Dein Kind dort ständig maßregeln musst, versuch eine eigene zu machen. Eine mit „wilden Jungs“ oder wie auch immer man sie nennen will (natürlich gibt es auch wilde Mädchen). So würde ich das heute machen, wenn ich nochmal von vorne anfangen würde. Zum Glück gibt es über das Internet und die sozialen Medien dafür heute so viele Möglichkeiten!

    Hallo, ich habe Beides- einen furchtlosen aktiven Jungen und eine schüchterne, fast ängstliche Tochter. Der Junge ist 2,5 Jahre älter. Als das Mädchen ein Baby war, war es am schwierigsten, da ja Beide fast gegensätzliche Bedürfnisse hatten, denen man als Familie ja aber beiden gerecht werden wollte. Doch auch das ging irgendwie. Für mich als Mutter ist es sehr gut, dass ich beide Seiten des Elternherzens kenne, auf der einen Seite möchte ich auch nicht den Entdeckerdrang meines Jungen bremsen auf der anderen Seite möchte ich meiner Tochter den Schutzraum geben, den sie braucht. Heißt er ist wie Dein Sohn gewesen, der Aktivling jeder Kindergruppe, sie sitzt bis heute noch in lauten und wilden Situationen am liebsten auf Papas Arm sitzt. Sie sind jetzt beide 7 und 5 Jahre alt. Ich habe sehr früh begonnen mit Ihnen über Gefühle und Verhalten zu sprechen, auch was das eigene Verhalten bei anderen Menschen auslöst usw… und das jeder Mensch da auch ganz unterschiedlich ist. Dass das aber genau erst das Leben so bunt macht, all diese Unterschiede. Auch profitieren beide voneinander… Und noch zum Trost, diese angstfreie Entdeckerart lässt einen oft die Luft anhalten und hat uns auch schon so einige Aufenthalte in Notaufnahmen beschert, aber dieses ängstliche an einem klammern ist für einen als Mutter nicht weniger anstrengend, das Drama um jede noch so kleine Verletzung nicht weniger aufregend… Und von der Gesellschaft her, kann man die Erwartungen eh nie erfüllen: Mein Sohn wird oft als zu laut und aktiv angesehen während bei meiner Tochter viele meckern, dass sie nicht mit Ihnen reden würde und immer auf Papas Arm doch die Welt verpassen würde… auch verlieren selbst Verwandte schnell das Interesse an Ihr, weil sie ja sowieso nur bei Mama und Papa kleben würde! Was aber generell nicht stimmt, weil sie lediglich Zeit zum auftauen braucht! Was mir allerdings sehr positiv aufgefallen ist in meiner Zeit als Mama: Das beide Kinder inKita und Schule genau so genommen werden wie sie sind. Und das beide Kinder bei Menschen, die viel mit Kindern zu tun haben auf ihre jeweils eigene Art Begeisterung hervor rufen, weil Kinder und Menschen eben nun mal unterschiedlich sind! Und ganz ehrlich genau so sehe ich das Leben auch!

    Hallo Kathrin,

    das ist wirklich schön zu hören, dass ihr so positive Erfahrungen in Betreuungseinrichtungen und Umfeld machen konntet. Das war bei mir nicht immer so, erst seit wir auf Reisen sind. In der Kita wurde er schon akzeptiert, aber es war auch klar, dass dort jede Art von „Aggression“ (er war 14 Monate alt) sofort unterbunden würde. Ich konnte spüren, dass vor allem die ältere Erzieherin ihn nicht mochte. Ich war froh, als sie nach wenigen Monaten gegangen ist, denn ich bin mir sicher, das hat der Kleine auch gespürt. Die jüngeren Erzieher konnten besser damit umgehen.

    Ich kann ehrlich gut nachvollziehen, dass das andere Extrem – sehr schüchterne Mädchen – auch schwer ist für die Eltern. Ich schreibe nicht darüber, weil es bei mir nicht vorkommt. Aber ich habe zum Beispiel eine Freundin mit genau so einem Exemplar. Sie ist genau wie ich an den Punkt gekommen, wo sie gemerkt hat, dass manche Menschen im Umfeld bei ihr Stress auslösen, weil sie ständig von der Kleinen verlangen, mutiger zu sein, „sich nicht zu anzustellen“ usw. Aufgrund unserer sehr verschiedenen Kinder haben wir uns nicht allzuhäufig gesehen (meiner hat die Kleine vergöttert und ist dementsprechend unsanft auf sie zugegangen), aber ich hoffe, dass ich nicht zu den Eltern gehört habe, die ihr so ein Gefühl über ihre Tochter gegeben haben.
    Ja, Menschen sind unterschiedlich und das ist gut so. Ich fürchte nur, dass viel zu viele Kinder immer noch mit einem anderen Gefühl aufwachsen – und das im Erwachsenenalter abzuschütteln ist so viel schwerer, als sich an irgendwelche sozialen Regeln zu halten, stillzusitzen – oder etwas mutiger zu werden.

    Hallo Hanna,

    generell bin ich optimistisch, dass Menschen angenommen werden wie sie sind. Hier ist, was ich denke: ich glaube, als Eltern ist man nur bezüglich der eigenen Kinder unheimlich sensibel. Soll heißen, dein Wildfang ein kleines Mädchen verschreckt, das sich dann auf den Arm ihrer Eltern flüchtet, dann tut es dir um deinen Sohn unheimlich Leid, weil du für ihn das Gefühl hast, zurückgewiesen worden zu sein und nicht akzeptiert. Andersherum wird vermutlich der Elternteil, zu dem sich das Mädchen geflüchtet hat, unglaublich mit dem Mädchen fühlen, weil sie aus dieser Sichtweise eine schlechte Erfahrung mit Gleichaltrigen gemacht hat und wird eventuell schon Kino im Kopf haben, wie dieses kleine, wenig forsche Wesen auf einem riesigen Schulhof völlig einsam und verängstigt in einer Ecke steht (diese Perspektive kenne ich gut, ja ich neige zu solchen Kopfkinoszenen). Ein neutraler, entspannter Außenstehender wird vermutlich nur zwei Kinder sehen, die verschieden und noch sehr klein sind und wird weder denken, das wilde Kind leide unter der Zurückweisung oder das ängstliche unter dem Schreck.
    Ich habe das Gefühl, dass du mir in deiner Art diese Situationen mit deinem Kind zu „zerdenken“ ziemlich ähnelst. Kann es sein, dass dieser angeblich sehr negative Fokus der Gesellschaft auf dein Kind, den du wahrnimmst, eben nur dort existiert: in deiner Wahrnehmung?
    Die beiden Varianten, die du schilderst sind doch letztendlich auch – man könnte sagen – diversity in social behaviour (Flucht oder Begeisterung beim Erleben eines wilden Kindes). Ich würde das nicht so deuten, dass dein Kind abgelehnt wird…

    Liebe Grüße

    Hallo Jella,

    vielen Dank für diesen Input. Ich habe lange darüber nachgedacht. Sicherlich ist was dran an Deinem Einwand, aber leider ist die Welt nur sehr selten so ideal. So wurden wir, als wir noch in Deutschland waren, leider häufig schief angeschaut oder sogar doof angesprochen, dass unser Sohn zu laut, zu wild oder was auch immer, wäre. Eine Freundin, der ich das nicht im geringsten Übel nehme, hat mir mal erklärt, dass es für sie sehr schwierig ist, sich mit mir zu treffen, weil ihre Tochter unseren Sohn nicht sehen will. Genau genommen ist das schon zwei mal passiert. Bevor wir in unserer Zeit in Ubud Freunde gefunden haben, die genau zu seinem Verhalten passten, hat er eine Phase entwickelt, in der er keine anderen Kinder mehr sehen wollte. Nur Mama und Papa seien seine Freunde. Das passte so gar nicht zu ihm. Auf Nachfrage kam heraus, dass er der Meinung war, einige Kinder, mit denen wir uns treffen wollten, mögen ihn nicht. Da ist bei mir zum ersten Mal die Frage im Kopf aufgetaucht, wie diese Situationen eigentlich für ihn sind. Vorher hatte vor allem den Stress für uns als Eltern wahrgenommen.

    Ein sehr interessantes Thema. Ich glaube, meine Mama hätte vor 30+ Jahren tatsächlich so was in der Art wie „Meine Tochter ist/war auch so.“ sagen können. Ich war auf jedem Baum, immer in Bewegung und hab hinten im Klassenzimmer Rad geschlagen. Zum Glück war das Thema Hyperaktivität damals noch nicht so groß. Irgendwann hat es sich bei mir dann gelegt.

    Mein Kleiner ist ziemlich im Mittelfeld auf einer Skala zwischen hyper und phlegmatisch, was es mir im Alltag natürlich einfacher macht.

    Aber ich muss bei so was immer an diese Geschichte denken: https://www.youtube.com/watch?v=HpCIQKSqDd4 „She’s not sick, she’s a dancer.“
    Nicht jeder ist dafür gemacht, still zu sitzen. Manche verarbeiten Informationen mit dem ganzen Körper. Oder auf eine Art und Weise, die für uns Durchschnittsgehirnige schwer nachvollziehbar ist.

    Ich wünsche einfach allen Kindern, dass sie die Chance haben, ihren passenden Weg im Leben zu finden. Egal, ob es einer mit viel Bewegung ist oder aber eine Nische in der ihre Art zu denken genau das richtig ist.

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