Verurteilung oder Meinung? Ein wichtiger Unterschied!


Seitdem ich schwanger bin, verfolgt mich eines immer wieder: Andere Eltern, die sich durch das, was ich sage oder schreibe, angegriffen fühlen. Warum ist das so? Warum darf ich meine Meinung zu Kinderthemen nicht sagen, ohne dass irgendjemand das Gefühl hat, verurteilt zu werden, weil er eine andere hat? Weil er es anders macht oder gemacht hat?

Was regt die Menschen daran auf?

Das Baby Stillen

Ich habe für das Rubbelbatz Magazin gerade einen Artikel zum Thema Darmgesundheit veröffentlicht. Darüber, wie sich die frühe Besiedelung des Darms als Baby auf unser gesamtes Leben auswirkt. Auf die körperliche Gesundheit, auf das Körpergewicht, aber auch auf die psychische Gesundheit, die Intelligenz, sogar auf Wesenszüge. Nun ist es so, dass Stillen, und zwar mindestens 12 Monate lang, den aktuellen Erkenntnissen zufolge einen ganz wesentlichen Einfluss auf eine gesunde und stabile Darmflora hat.

Und während ich das schreibe, überlege ich schon, wie ich es formulieren kann, damit sich möglichst wenig Mütter angegriffen fühlen. Ich lese innerlich schon Kommentare oder Nachrichten, die mir vorwerfen, dass ich mit meiner Meinung (die zwar auf wissenschaftlichen Ergebnissen beruht, aber ja trotzdem eine Meinung ist), die ich da ins Internet poste, all jene Mütter verurteile, die sich freiwillig gegen das Stillen entschieden haben. Und jenen ein schlechtes Gewissen mache, die aus irgendeinem Grund, sei es körperlich oder psychisch, nicht stillen konnten.

Reisen mit Kind

Jetzt denkst Du vielleicht, dass das ganz einfach für mich ist, weil ich ja lange gestillt habe. Drehen wir den Spieß einmal um. Es gibt sicherlich triftige Gründe und auch Untersuchungen, die belegen, dass Babys und Kleinkinder sich besser entwickeln, wenn sie in einem stabilen, gleichbleibenden häuslichen Umfeld aufwachsen. Auch darüber könnte ich beizeiten etwas schreiben. Nun haben wir uns trotzdem dazu entschieden, mit unserem Sohn um die Welt zu reisen. Wenn nun jemand kommt und sagt, er würde das mit seinem Kind nicht tun, weil er es für falsch hält, was sagt das über mich und meine Familie aus? Überhaupt nichts! Es sagt lediglich aus, dass das Gegenüber großen Wert darauf legt, mein Weg aber ein anderer ist.

Niemand verlangt von uns Eltern, alles perfekt zu machen. Wir machen so vieles gut, wir geben so oft unser bestes. Aber wir sind auch Menschen. Haben ganz eigene Erfahrungen, ganz eigene Bedürfnisse. Manchmal entscheiden wir uns gegen das Wohl unserer Kinder und für unser eigenes oder das der Ganzen Familie. Obwohl wir wissen, dass, isoliert betrachtet, etwas anderes besser wäre. Aber ist es deshalb verboten, dass jemand anderes sich danach richtet? In diesem Bereich das beste für sein Kind tut und das auch so sagt?

Ich gönne jedem Kind sein stabiles Umfeld und weiß trotzdem, dass mein Sohn auch ohne eine glückliche Kindheit haben kann. Weil es noch so viel anderes gibt, das wir richtig machen. Ich muss nicht jedes „Oh, das könnte ich mir aber nicht vorstellen“ auf dem kritischen Ohr hören.


Der Unterschied zwischen „verurteilen“ und „nicht gutheißen“

Ich finde es schrecklich, wenn jemand ein weinendes Baby oder Kind einfach ignoriert oder allein lässt. Ich würde mir wünschen, dass kein Baby dieser Welt sich in den Schlaf weinen muss. Dass es keine Schlaftrainer gibt. Aber ich weiß auch, dass es viel, viel schlimmeres gibt, was Babys passiert und ich kann gut verstehen, dass es Situationen gibt, in denen eine Mutter das Gefühl hat, nicht mehr anders zu können. Ich erlebe diese Situationen selbst jeden Abend. Und bevor diese Gefühle von Hilflosigkeit und Wut einen übermannen und etwas Schlimmeres passiert, finde ich ein Schlaftraining immer noch das geringere Übel. 

Aber nur, weil ich ein Schlaftraining für falsch halte, heißt es nicht, dass ich die gesamte Person für falsch halte, die das tut. Eine gute Bekannte hat vier Kinder und hat mit allen „geferbert“ (d.h. ein Schlaftraining nach der Ferber-Methode durchgeführt). Das finde ich nicht gut. Aber in so vielen anderen Dingen bewundere ich sie für die Mutter, die sie ist. Für jeden Tag, den sie trotz vieler widriger Umstände für ihre Kinder da ist, für sie sorgt, sie respektvoll behandelt und liebevoll mit ihnen umgeht. Kurz, ich halte sie für eine gute Mutter und würde sie nicht verurteilen dafür, dass sie ihre Babys schreien ließ. Trotzdem würde ich mir wünschen, sie hätte es nicht getan.

Diesen Unterschied verstehen manche Eltern nicht. Vermutlich immer dann, wenn sie selbst mit ihrer Entscheidung nicht im Reinen sind und ohnehin ein schlechtes Gewissen haben. Jeder Mutter und jedem Vater, die sich manchmal angegriffen fühlen, weil andere scheinbar alles richtig machen, mehr Geduld aufbringen, ihr Kind länger stillen, gesünder ernähren, weniger anschreien, liebevoller erziehen, weniger vor den Fernseher setzen, Tragen, im eigenen Bett schlafen lassen oder was auch immer es ist, was Dich triggert, möchte ich deshalb sagen:

Schau doch mal darauf, was DU alles besser machst. Wie viel Du jeden Tag gibst, damit es Deinen Kindern gut geht!

Wie Du in jede Entscheidung das Wohl aller Familienmitglieder einbeziehst, wie Du Deinen und Euren Weg gehst, nicht den der anderen.

Niemand verurteilt Dich, weil der eine oder andere Punkt nicht perfekt ist. Und wenn ich Dir sage, wie ich es mache, wie ich es am besten finde und welche wissenschaftlichen Erkenntnisse dafür sprechen, dass ich damit richtig liege, dann bedeutet das nicht, dass dich verurteile, weil du es trotzdem anders machst.

Ich würde mich freuen, wenn meine Meinung oder meine Vorgehensweisen manchmal dazu führen, dass das eine oder andere Kind liebevoller und geduldiger behandelt wird, dass es gesünder aufwachsen und leben darf – aber den Anspruch auf absolute Wahrheit habe weder ich noch irgendjemand anders. Du bist der einzige Mensch, der für Dein Leben entscheiden kann. Und wenn Du das aus bestem Wissen machst, fühl dich nicht verurteilt, wenn jemand anders die Entscheidung nicht versteht.



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