3-Tage-Trotz oder wie wir immer noch auf die „Trotzphase“ warten


Überall und immer wieder lese ich davon. Der Horror aller Kleinkind-Eltern. Der Tod jeder guten Erziehung. Die Trotzphase. Achtsame Eltern nennen es auch Autonomiephase. So oder so scheint es sehr unangenehm zu sein. Und anstrengend. Und unvermeidbar.

Seit fast drei Jahren warte ich nun darauf. Auf die Trotzphase. Doch irgendwie scheint das Phasending bei unserem Kleinkind nicht so hinzuhauen. Oder ist das ganze Kind etwa eine einzige Trotzphase?

Trotz und Autonomie – nur eine Phase?

Das Wort Trotzphase ist wirklich fies. Denn es unterstellt dem kindlichen Verhalten ein großes Maß an Absicht und Böswilligkeit. Ich kann verstehen warum, immerhin kennen wir meist nur die Erwachsenenperspektive und manche Verhaltensweisen von Kleinkindern sind schon extrem ärgerlich. Trotzdem gelingt es mir fast immer, einen sehr verständlichen Grund zu sehen, wenn ich genauer hinschaue. Das bedeutet nicht, dass ich meinem Kind immer Recht geben kann und es alles darf, was es will. Es bedeutet nur, dass ich verstehe, warum er sich so verhält und warum er sich ärgert.

Deshalb ist das Wort Autonomiephase eigentlich schon netter. Was aber in unserem Fall an beiden Worten falsch ist, ist das Wort „Phase“. Denn dann würde diese Phase nun in etwa seit der Geburt meines Kindes andauern. Immerhin macht er seitdem einfach nicht immer das, was wir wollen. Und seit er mit 6 Monaten zu krabbeln gelernt hat, strebt er nach mehr Autonomie. Spätestens seit er 16 Monate als ist, neigt er auch hin und wieder zu Wutausbrüchen oder „trotzigem“ Verhalten.

Vielleicht hat deshalb auch keine deutlich erkennbare Verhaltensveränderung im Sinne einer „Trotzphase“ stattgefunden, weil er eben schon immer „trotzt“?

3-Tage-Trotz

Die einzigen Trotzphasen, die ich bisher deutlich beobachten konnte, nenne ich mittlerweile den 3-Tage-Trotz. Ich weiß nicht, warum es immer drei Tage sind, aber dieser Rhythmus trifft nun einmal zu. Von einem Tag auf den anderen erkenne ich mein Kind nicht wieder. Er scheint nur auf Krawall gebürstet, ist wild und überdreht, laut und aufbrausend. Wegen der kleinsten Kleinigkeit liegt er plötzlich schreiend auf dem Boden. Er schläft schlecht und ist dementsprechend schlecht gelaunt. Scheint überhaupt nicht mehr zugänglich und fordert den Ärger regelrecht heraus.

Als das kurz vor unserem Abflug nach Bali, da war er etwa 2,5 Jahre alt, zum ersten Mal passierte, war ich kurz vor der Verzweiflung. Wie sollten wir mit so einem Kind einen Langstreckenflug überleben? Doch dann hörte es einfach wieder auf und er war ganz normal.

Nach einigen Malen lernte ich, die Tage zu zählen, bevor ich mich aufrege. Manchmal ebbt der 3-Tage-Trotz auch schon am zweiten Tag langsam ab, aber nach dem dritten war er bisher immer vorbei und ich habe mein zwar wildes, eigensinniges, aber auch liebes und meist kooperatives Kind zurück.

Wie wir mit dem Trotz umgehen

Innerhalb der drei Tage, das muss ich zugeben, bin ich dafür manchmal kurz vor dem Nervenzusammenbruch. Je nach eigener Schlafmenge und Intensität eben. Aber zum Glück bin ich nicht alleine mit der Betreuung und so wechseln mein Mann und ich uns oft ab. Mal ist seine Zündschnur etwas kürzer, dann übernehme ich. Mit etwas Abstand klappt das dann auch wieder ganz gut. Und wenn wir Glück haben, können auch Opa und Oma mal aushelfen.

Ansonsten versuche ich in diesen Tagen so wenig wie möglich zu streiten. Klar, manche Dinge gehen einfach nicht, aber bei anderen kann ich nachgeben und so seinen Frust nicht noch weiter aufbauen. Das gilt übrigens auch für den nicht-trotzigen Alltag. Meiner Meinung nach hat jedes Kind eine individuelle Frustrationstoleranz. Je weniger Fremdbestimmung er erfährt, desto weniger gefrustet ist er – desto seltener kippt sein Verhalten zum unmöglichen.

Ich weiß, dass mein Kleinkind sich im Großen und Ganzen viel Mühe gibt, die Dinge richtig zu machen. Zu verstehen. Zu kooperieren. Manchmal kommt ihm sein wildes Temperament dazwischen und die Tatsache, dass er eben erst 3 ist. Aber insgesamt gibt er sich Mühe.

Trotzdem braucht er für seine Entwicklung auch Freiraum. Dinge, die nicht gemacht werden, wie wir sie vorgeben und trotzdem klappen. Selbstbestimmung. Abgrenzung von den Eltern. All das ist für mich häufig ärgerlich – aber für ihn so wichtig.

Geheimwaffen bei akutem 3-Tage-Trotz

Ansonsten habe ich zwei „Geheimwaffen“, die das unmögliche Verhalten etwas ertragbarer machen:

1. Schlaf

Ein oder zwei Stunden mehr Nachtschlaf machen während der besagten drei Tage einen himmelweiten Unterschied. Allerdings ist es gar nicht so einfach, ein Kind wie meines zu mehr Schlaf zu bewegen. Meiner Erfahrung nach klappt das nur, wenn er sehr viel früher oder sehr viel später ins Bett geht. Oder kann zumindest klappen. Denn die Kleinkind-Mathematik macht nur selten Sinn. Häufig gilt bei uns aber: Je-mehr-desto-weniger und je-weniger-desto-weniger. Wenn er also 1 Stunde später schlafen geht, kann das schnell mal dazu führen, dass er 1 Stunde früher aufsteht. Gleichzeitig führt eine Stunde früher schlafen gehen auch mal zu zwei Stunden früher aufstehen. Wer kennt’s?

2. Aufmerksamkeit und Liebe

Es gibt nichts Wirksameres bei meinem Kleinkind als positive Aufmerksamkeit. Wenn es zu schlimm wird, hilft darum nur eins: Ich muss über meinen Schatten springen und ihm genau dann möglichst viel Zeit, Liebe und Aufmerksamkeit zukommen lassen, wenn es mir am schwersten fällt. Das kann eine Unternehmung sein, gemeinsam Eis machen oder auch einfach nur mit ihm puzzlen. Hauptsache ungeteilte Aufmerksamkeit und Kuscheln mit Mama.

Warten auf die Trotzphase

Mein Kind ist jetzt fast 4 Jahre alt. Und ich frage mich: Kommt die berüchtigte Trotzphase noch? Ich habe mal gehört, je später, desto heftiger. Dann kommt da einiges auf uns zu.

Andererseits habe ich auch schon gelesen, dass es die Trotzphase in dem Sinne gar nicht wirklich gibt. Man könne sie vermeiden, indem man sein Kind nicht erzieht.

Was habt ihr für Erfahrungen gemacht? Kennt noch jemand den 3-Tage-Trotz?


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