Hausgeburt beim 2. Kind – Warum ich mich dazu entschieden habe


In dieser Schwangerschaft ist es auf dem Blog eher still – in meiner ersten Schwangerschaft habe ich fast täglich geschrieben. Das hat natürlich einen Grund. Nicht nur einen zeitlichen, immerhin habe ich diesmal schon ein Kind. Es liegt auch an meiner inneren Verfassung, an der meiner Art, diesmal mit Schwangerschaft und Geburt umzugehen.

Mein Weg zur Hausgeburt

Ich weiß noch, wie uns eine Frau im Geburtsvorbereitungskurs von ihrer geplanten Hausgeburt berichtete. Sie hatte bereits mehrere Kinder. Ich betrachtete ihr Vorhaben mit einer Mischung aus Unverständnis und Bewunderung. Für mich schien eine Geburt außerhalb des Krankenhauses als ein großes Wagnis, für das ich mich niemals bereit gefühlt hätte.

In der ersten Schwangerschaft war für mich der Geburtsort also klar: Klinik.

Meine erste Geburt im Krankenhaus

Am frühen Morgen wachte ich auf und bemerkte die ersten Geburtswehen. Ich ließ meinen Mann schlafen, doch mir war klar: Wir bekommen heute ein Baby. Den Tag verbrachte ich recht entspannt. Fühlte mich irgendwie richtig. Blieb in der Nähe der Wohnung, machte nur kleinere Spaziergänge zur Entspannung. Ich war sehr positiv der Geburt gegenüber eingestellt.

Gegen 22 Uhr abends verließen wir das Haus und mein Mann fuhr ins Krankenhaus. Ab diesem Moment lief es weniger gut. Das Autofahren war sehr unangenehm. Im Kreißsaal wurden wir nicht unbedingt willkommen geheißen, weil schon so viel los war. 10 Minuten nach unserer Ankunft platzte meine Fruchtblase und die Dinge nahmen einen unschönen Verlauf:

Ich hatte einen sogenannten Wehensturm.

Heute weiß ich, was das ist, damals wusste ich nicht einmal, dass es so etwas gibt. Von einem Wehensturm spricht man, wenn eine Frau zu starke oder ununterbrochene Geburtswehen entwickelt. Bei mir waren es Wehen ohne Pausen. Dabei hatten wir im Geburtsvorbereitungskurs gelernt, uns genau auf diese Pausen zu fokussieren.

Die Hebamme, die mich betreute, war sehr nett. Aber sie war überlastet. Kam nur hin und wieder, sah, dass ich Wehen hatte und der Muttermund sich schnell öffnete. Ging wieder. Vom Wehensturm bekam sie nichts mit. Und wir wussten nicht, dass es so nicht sein sollte. Sonst hätten wir ihr Bescheid sagen können. Mein Mann war überfordert. Ich war überrollt von den dauerhaften Schmerzen.

Heute weiß ich, dass eine einfache Spritze, gute Betreuung oder eine gute und selbstbewusste Körperwahrnehmung den Wehensturm hätten abklingen lassen können. Es hätte nicht passieren müssen, was danach passierte:

Wehenhemmer – zweimal per Injektion, dann per Tropf, weil die Injektionen nicht wirkten.

Später Wehentropf. Viel zu schwache Wehen, weil meine Gebärmuttermuskulatur ausgelaugt war.

Beinahe Geburtsstillstand mit Baby im Geburtskanal. Schlechte Herztöne.

Totale Erschöpfung.

Saugglocke.

Die Hebamme, die von oben auf den Bauch drückt.

Eine örtliche Betäubung für einen Dammschnitt. Diskussionen darum, ob ich geschnitten werden muss. Ungeahnte Kräfte. Angst vor der Schere.

Ein letztes Pressen. Ohne spürbare Wehen.

Totale Erschöpfung.

Trauma.

Hilflosigkeit.

Überforderung.

Die Aufarbeitung

Trotz allem war ich nach der Geburt nicht wütend. Auf niemanden. Dazu war ich zu überfordert. Und mein Gefühl sagte auch, dass daran nicht unbedingt jemand Schuld trägt. Mit gegenseitiger Unterstützung arbeiteten mein Mann und vor allem ich das Geburtstrauma auf. Waren damit beschäftigt, unser Baby zu versorgen und kennenzulernen.

Über das, was genau im Krankenhaus passiert war – und vor allem warum – begann ich erst in der zweiten Schwangerschaft nachzudenken.

Zunächst einmal, indem ich mich genauer mit dem Thema Wehensturm beschäftigte. Offensichtlich handelt es sich dabei um eine übermäßige Ausschüttung an Oxytocin. Das heißt, ein Wehensturm kommt eigentlich häufig vor, wenn die Geburt künstlich eingeleitet wurde. Bei natürlichen Wehen passiert so etwas, wenn das Kind sehr schwer ist (bei mir 4450g) oder sehr viel Fruchtwasser schwallweise abgeht (bei mir ebenfalls der Fall).

Lange dachte ich, ich müsste auch für meine zweite Geburt ins Krankenhaus, weil das natürlich gut wieder so passieren kann und unter Umständen gefährlich für mein Baby ist. Mit einer rechtzeitigen Gabe von Wehenhemmern wäre aber ein ganz anderer Ausgang denkbar. Dann erfuhr ich von meiner Hebamme, dass auch Hausgeburtshebammen dieses Medikament dabei haben.

Ich begann, zu lesen und mich zu informieren. Über selbstbestimmte Geburten. Alleingeburten. Hausgeburten. Über die tatsächlichen Risiken im Vergleich zu einer Krankenhausgeburt. Was das für eine Frau in den Wehen bedeutet, das Haus zu verlassen und sich an einen Ort wie eine Klinik zu begeben. Ich begann, über Hypnobirthing zu lesen. Bei „Meisterin der Geburt“ von Jobina Schenk schließlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Ich verstand, woher dieses Gefühl von Überforderung bei der ersten Geburt kam. Dieses Gefühl, dass irgend etwas falsch gelaufen war, was ich nicht benennen konnte.

Es waren so viele Kleinigkeiten, die das Puzzle zusammensetzen. Die Bevormundung, gegen die ich mich aktiv zur Wehr setzen musste. Das war anstrengend. Ich wollte nicht über den Gang laufen, trinken oder zur Toilette gehen. Ich wollte ganz bei mir sein, wurde aber vom Personal immer wieder weggeholt von meinen Wehen. Von dem, was in mir vorging. Weiter überfordert. Mein Mann wurde dazu angehalten, mir immer wieder Flüssigkeit einzuflößen. Das wollte ich nicht. Ich wollte einfach nur, dass er neben mir kniet und meine Hand hält. Und ruhig ist.

Ab dem Zeitpunkt, an dem wir unsere sichere Wohnung verließen, gingen die Dinge schief. Das hat natürlich einen Grund. Ich fühlte mich nicht mehr sicher. War nicht mehr in meiner geschützten Wohlfühl-Umgebung.

Stattdessen habe ich mich in die Verantwortung fremder Menschen begeben. Die Verantwortung für etwas abgegeben, was nur ich alleine kann: Mein Kind zur Welt bringen.

Das alles verstehe ich heute.

Eine Hausgeburt beim 2. Kind

Bei der zweiten Geburt gelten für mich andere Voraussetzungen. Die Wahrscheinlichkeit für Komplikationen ist sehr viel geringer. Es hat schon einmal ein Baby mit riesen Kopf (38 cm) den Geburtskanal passiert, das zweite Mal, da sind sich alle einig, ist es einfacher.

Ich weiß, was auf mich zukommt. Ich weiß, dass am Ende nur ich alleine die Geburt meistern kann. Ich brauche keine Hilfe. Mehr noch, mir kann niemand helfen. Beim Gebären selbst. Bei den Wehen. Beim Pressen. Und ich weiß, dass ich es schaffen kann.

Deshalb war es für meine erste Geburt richtig, in die Klinik zu gehen – beim 2. Kind wünsche ich mir eine Hausgeburt.

Und wie das Schicksal es so will, habe ich auch in der 26. SSW, auf dem Land in der Mitte von Nirgendwo und bei akutem Hebammenmangel genau für dieses Vorgehen noch eine Hebamme gefunden. Eine vom alten Schlag, die ihren Beruf mit vollem Berufsehrgeiz und Leidenschaft macht. Sie ist seit 40 Jahren Hebamme, führt ein Geburtshaus und betreut Hausgeburten. Für die Geburt wird sie zu mir mehr als 80 km zurücklegen, über eine Stunde Fahrt. Warum sie das macht?

Weil sie, so ihre Aussage, nicht einsieht, „dass die Wahlfreiheit des Geburtsortes für Frauen vom Wohnort abhängt“. Denn bei uns in der Gegend, das weiß sie, würde ich keine Hebamme für eine Hausgeburt finden.

Risiken einer Hausgeburt?

Mit ihrer Erfahrung konnte sie auch bestätigen, was ich vorher schon gelesen hatte: Komplikationen sind während einer Hausgeburt selten. Sie hat in ihren 40 Berufsjahren nicht einmal erlebt, dass die Herztöne des Babys schlechter wurden und sie darum in ein Krankenhaus hätte überweisen müssen.

Sie hat außerdem Medikamente dabei, die eine Schwangere in fast allen Fällen so weit stabilisieren und Zeit verschaffen, dass sie bei größeren Komplikationen in ein Krankenhaus gebracht werden kann. Dank unseres nächtlichen Ausflugs in der 30. SSW weiß ich, dass das nächste Krankenhaus nur 10 Fahrminuten entfernt liegt.

Geburtsort

Die Geburt meines ersten Sohnes lief nicht unbedingt optimal. Lange habe ich nicht im Detail verstanden, warum eigentlich. Was hätte anders – besser – laufen können. Heute weiß ich es.

  1. In dem vermeintlich medizinisch sicheren Ort „Krankenhaus“ war viel zu wenig Personal. Deshalb wurde stundenlang übersehen, was durch ein einfaches Medikament zu lösen gewesen wäre: Ein Wehensturm.
  2. In dem weit verbreiteten Irrglauben, dass andere Menschen wie Hebammen und Ärzte die Spezialisten für die Geburt meines Kindes wären, gab ich die Verantwortung innerlich ab. Das ist Quatsch. Niemand kann so gut wissen wie ich, was ich gerade brauche, um gut und unter möglichst geringen Schmerzen mein Kind zur Welt zu bringen.
  3. Das Krankenhaus ist für mich gefühlsmäßig kein sicherer Ort. Rational vielleicht. Aber emotional fühle ich mich dort fremd.
  4. Außerdem musste ich eine Fahrt mit dem Auto zurücklegen – unter Wehen. Das war höchst unangenehm. Bis zu dem Zeitpunkt, zu dem wir unsere Wohnung damals verließen, war alles gut. Ich fühlte mich im „Flow“, war von den Wehenschmerzen nicht überfordert. Erst, als ich in dieses Auto stieg, wurde es anstrengend.

Aus diesen und anderen Gründen habe ich mich beim zweiten Kind für eine Hausgeburt entschieden. Ich hatte das große Glück, dafür eine Hebamme zu finden. Und das große Glück, die Unterstützung meiner Eltern zu erhalten. Immerhin ist es ihr Haus, in dem mein Baby zur Welt kommen soll.

In den Augen meiner Gynäkologin eine unverantwortliche Entscheidung. „Wenn Sie die Wahl haben zwischen Busch und Zivilisation, warum würden Sie sich dann für den Busch entscheiden?“ – So ihre Aussage. Ich habe dazu nichts gesagt. Weil ich weiß, dass sie es gut meint und wirklich nur die Risiken sieht. Die Komplikationen, die sie aus ihrer Praxis kennt. Krankenhauskomplikationen – denn die allermeisten Geburten finden heute im Krankenhaus statt.

Natürlich habe ich mich informiert über die Risiken von Hausgeburten. Mit Hebammen gesprochen. Und für mich entschieden, dass das Krankenhaus nicht der sicherste Ort für meine zweite Geburt ist.

Natürlich weiß ich, dass ein gewisses Risiko bleibt. Dafür übernehme ich die Verantwortung.


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