Abschied aus der Kita: Fazit nach 10 Monaten Fremdbetreuung


Heute war es so weit. Unser letzter Tag im Coworking Toddler. Denn morgen geht es schon in aller Frühe auf zum Bahnhof und ab nach Bayern. Zeit, die letzten zehn Monate Fremdbetreuung Revue passieren zu lassen und ein Fazit zu ziehen.

Abschied: Der letzte Tag in der Kita

Am Vormittag gab es für die Eltern im Coworking-Space einen Workshop zum Thema „Achtsamkeit im Netz“. Gleich im Anschluss sind wir nach drüben zu unserem Kind und haben, gemeinsam mit einer anderen Familie, Abschied gefeiert. Ein letztes Mal zu Mittag gegessen. Ein letztes Mal Tschüss gesagt. Alle Sachen gepackt, die Windeln, die Wechselsachen, die Wasserflasche. Das war wirklich ein merkwürdiges Gefühl. So oft hatte ich schon dort gesessen, für mein Kind und mich war dieser Ort so selbstverständlich geworden. Fast wie ein zweites zu Hause – für ihn auf jeden Fall wie ein zweites zu Hause. Denn auch wenn immer von Fremdbetreuung die Rede ist, fremd war für ihn hier nichts mehr. Das gleichzeitig Gute und trotzdem Tragische an der Situation war für mich die Tatsache, dass er noch nicht verstehen kann, dass er nicht wieder kommt. Nicht morgen, nicht nächste Woche, nicht nächsten Monat. Bei dem Gedanken habe ich immer noch einen Kloß im Hals. Ich glaube oder hoffe, dass Kinder in dem Alter kognitiv noch nicht in der Lage sind, richtig zu vermissen. Eben weil er nicht versteht, dass er nicht wieder dorthin kommt, wird er hoffentlich von all dem Neuen, das auf ihn zukommt, abgelenkt sein und nur in bestimmten Situationen an die anderen Kinder und Erzieher zurückdenken.

Ich werde es in jedem Fall oft. Denn die Möglichkeit, mein Kind dort in liebevolle Hände zu geben, hat mir viel Freiheiten eröffnet, die ich so nicht gehabt hätte. Auch jetzt, wo ich weiß, wie Kita ist und wie gut er sich dort zurecht findet, wäre eine andere Form der Fremdbetreuung für mich damals nicht in Frage gekommen, also eine „normale“ Kita oder eine Tagesmutter. Für mich war es außerdem bereichernd zu sehen, wie es neben dem „normalen“, neben dem, was alle machen und kennen, auch andere Formen des sozialen Zusammenlebens geben kann. Wie man mit ursprünglich völlig fremden Menschen eine super Form des täglichen Zusammenlebens finden kann. Auch wenn dafür viel Initiative und Unterstützung von Außen nötig war – es ist möglich.

So zufrieden waren wir mit der Betreuung

Nach wie vor bin ich ein großer Fan des Coworking-Toddler Konzeptes und hoffe, dass in Zukunft immer mehr solcher Möglichkeiten entstehen. In meiner Zeit im Coworking-Space habe ich auch mitbekommen, wie viel Eigeninitiative und unbezahlte Zeit die Gründer für dieses Ziel investieren. Dafür hält die Einrichtung aber auch, was sie verspricht. Als Eltern haben wir viel Mitgestaltungsmöglichkeiten und vor allem viel Einblick in den Tag unserer Kinder. Das Erzieher-Personal leistet jeden Tag Erstaunliches und mein Sohn hatte dort zeitweise zwei (von vier) männliche Bezugspersonen – mit denen er mitunter am besten klar kam.

Nach unserer Eingewöhnung dauerte es etwa 6 Wochen, bis er sich richtig gut eingefunden hatte. Von da an weinte er eigentlich nie und war fröhlich und ausgeglichen, wenn ich ihn nachmittags abholen kam. Manchmal war er nur unter Gebrüll oder Versprechungen von dort weg zu bekommen. Er erzählte immer häufiger von den anderen Kindern und Erziehern.

Auch wenn er sich dort also pudelwohl fühlte, habe ich oft gemerkt, wie wichtig das tägliche Mittagessen mit Mama für ihn war. Als ich wegen meines gebrochenen Fußes für zwei Wochen nicht mit in die Kita konnte, hat man das an seiner Laune recht unmittelbar bemerkt.

Einziger Problempunkt von Anfang an: Der Schlaf in der Kita. Obwohl alle immer sagen, in der Kita würde das plötzlich klappen, war das bei uns nicht der Fall. Auch in der Gruppe konnte er nicht einfach so zur Ruhe kommen. Dasselbe Spielchen wie zu Hause. Er weigerte sich, liegen zu bleiben, stand einfach auf uns spielte weiter. Oder zog anderen Kindern an den Haaren oder piekte ihnen ins Auge. Also gab es abwechselnd Phasen, wo wir es versucht haben und solche, in denen ich resignierte und ihn einfach mittags trug / im Kinderwagen schob, bis er eingeschlafen war. Nach dem Mittagsschlaf brachte ich ihn dann manchmal zurück, manchmal gingen wir nach Hause. Erst Mitte Mai, nach fast 9 Monaten, klappte es. Nun aber jeden Tag und ohne Ausnahme. Innerhalb kurzer Zeit lernte er auch, ohne Hilfe der Erzieher liegen zu bleiben und einzuschlafen.

Vorteile und Nachteile der Fremdbetreuung: Mein Fazit

Vorteile

Für uns war die Kita die beste Möglichkeit in einer Situation, in der ich fast immer die Hauptbezugsperson war und keine Familie zur Entlastung um mich hatte. Für uns als Familie bedeutete das in der verbleibenden Zeit so viel mehr Quality-Time, weil ich viel entspannter war.

Für ihn bedeutete Kita Spielen mit anderen Kindern. Und das liebt er. Wenn andere Kinder, egal wer und wo, laufen und toben, ist er immer mit dabei und quietscht vor Freude. Natürlich hatte er das vorher auch, wenn wir auf dem Spielplatz oder im Kindercafé waren. Was er vorher nicht hatte, war diese Regelmäßigkeit. Damit hatte ich als Mensch ehrlich gesagt Probleme. In den letzten 10 Monaten hatte er eine verlässliche Tagesstruktur, die alle seine Bedürfnisse befriedigte.

Zusätzlich konnte er natürlich die viel-beschworene Sozialkompetenz üben und hat viele andere wunderbare Dinge dort gelernt. Doch das war nicht der Hauptgrund für uns, ihn dorthin zu geben.

Nachteile

Für ihn: Meiner Meinung nach keine Nachteile. Ja, am liebsten wäre es ihm gewesen, wenn auch ich dort den ganzen Tag verbracht hätte. Doch mal ehrlich – heißt das im Umkehrschluss, dass es ihm nicht gut ging, weil das nicht der Fall war? Die Räumlichkeiten des Coworking Toddler sind zum Glück sehr offen, sodass ich jederzeit Mäuschen spielen konnte. Wann immer ich das tat, wurde ich Zeuge eines meist ruhigen, zufriedenen Kleinkindes. So, wie ich ihn zu Hause kaum kannte.

Der größte Nachteil der Betreuungssituation waren ehrlich gesagt ich und mein Gefühl. Ich versuche mal, etwas paradoxe Emotionen in Worte zu fassen: Obwohl ich wusste, dass es ihm dort gut geht, obwohl ich sogar jederzeit rübergehen und mich davon überzeugen konnte, hatte ich trotzdem immer ein schlechtes Gewissen. Kein schlechtes Gewissen ihm gegenüber, auch wenn ich das Anfangs dachte. Das schlechte Gewissen hatte ich mir selbst gegenüber. Mir tat jede Minute leid, die ich nicht mit ihm verbrachte, die ich nicht sehen konnte, wie er spielt oder was er tut. Denn im Unterschied zu mir, seinem Papa oder seinen Großeltern ist er zwar bei den Erziehern ebenso gut aufgehoben und liebevoll betreut, doch für die ist es eben ihr Beruf. Sicherlich empfinden sie ihren Job und den Umgang mit Kindern als schön und bereichernd und ich bewundere sie allesamt sehr für ihre Arbeit und ihre Art, mit meinem Sohn umzugehen. Und trotzdem: Für seine Familie ist er so viel mehr als ein Job oder ein süßes Kleinkind. Für uns ist er der tollste kleine Junge auf der ganzen Welt! Zeit mit ihm zu verbringen, ihn auf seinem Weg zu begleiten und Teil seines Alltags zu sein ist für uns eine Bereicherung, nicht nur eine Aufgabe.

Und nein, dann wäre es nicht besser gewesen, ihn zu Hause zu behalten. Denn in der Zeit, in der ich ihn alleine zu Hause betreute, ging es uns beiden nicht so gut. In der Kita kam zumindest er auf seine Kosten.

Und was kommt jetzt?

Ich wurde schon häufiger gefragt, ob wir ihn dann in Bayern auch wieder in eine Kita geben wollen. Obwohl in der Nähe meiner Eltern im September ein Waldkindergarten eröffnet – ein Konzept, das ich wirklich gut finde – möchte ich das eigentlich nur im Notfall. Geplant ist ja, dass ich mir mit meinem Papa die tägliche Betreuung teile. Und ich denke und hoffe, dass die Betreuung durch den Opa bei mir weniger widersprüchliche Gefühle hervorruft. Und hey, immerhin bekomme ich – im Gegensatz zu Berlin – in Bayern das Betreuungsgeld für die häusliche Betreuung.



Alle Kommentare (3)

    Abschiede sind oft nicht leicht, gerade für uns Erwachsene. Aber zugleich zeigt der Abschiedsschmerz eben auch, was gut war. Danke fürs Teilen und Euch einen guten Start in Bayern.
    Ein Koffer bleibt ja immer in Berlin….
    LG, Svenja

    Nur weil Du Dich nicht gut fühlst, muss Dein Sohn auf diese schöne Zeit mit anderen Kindern verzichten? Verstehe ich wirklich nicht. 100%ige Familienbetreuung ist sicherlich nicht schlecht, aber Deine Motivation dafürhalte ich für fragwürdig. „Der kleine Homo Sapiens kanns“ ist ein tolles Buch, das Dich in Deiner Rolle als Mutter stärkt und vor allem hilft zu verstehen, dass Kinder soviel mehr können als wir ihnen zutrauen. Ich glaube, dass Du Deinem Sohn keinen Gefallen getan hast, in dem Du ihn aus der Fremd betreuung (mit anderen Kindern) genommen hast, sondern eher versuchst Deine eigenen Unsicherheiten als Mutter zu behandeln. Trau Dir und Deinem Sohn mehr zu
    Ihr könnt das.

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