Der Tag, an dem mein Baby fast erstickt wäre

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Heute will ich Dir von dem schlimmsten Moment in meinem Leben berichten. So große Panik hatte ich noch nie. Nicht, als mein Großer auf Bali potentiell von einer Schlange gebissen wurde und ich dachte, das wäre womöglich das letzte Mal, dass ich ihn bei Bewusstsein erlebe. Auch nicht, als ich aufwachte und wir mitten in einem mittelschweren Erdbeben waren. Diesmal wäre mein Baby fast an einem Radieschen erstickt und ich dachte, dass dieser panische, hilfesuchende Blick das letzte Mal sein würde, dass ich seine glänzenden Kulleraugen sehe.

Mein Baby wäre beinahe an einem Radieschen erstickt!

Was war passiert? Der Kleine hatte sich von meinem Salatteller ein recht großes Stück von einem Radieschen gemopst und in den Mund gesteckt. Weil er erst zwei Schneidezähne hat, war für mich klar, dass er das nicht essen kann und nur darauf herum lutscht. Ich hielt es für viel zu groß, um irgendwie gefährlich zu werden. Ein fataler Trugschluss.

Essen konnte er es wirklich nicht, aber hergeben wollte er es auch nicht mehr. Wir waren fertig mit essen und er wollte es im Mund behalten. Also setzten wir ihn damit auf den Boden und räumten den Tisch ab. Damit waren wir lange fertig, das Radieschen schob er wohl immer noch im Mund auf und ab. Ich dachte mir nichts dabei. Bis ich plötzlich sah, wie er, da am Boden sitzend, würgte und kämpfte. Ich hob ihn sofort hoch, legte ihn über meine Knie und klopfte, was das Zeug hielt. Mein Mann stand daneben. Wir waren beide alarmiert. Das Radieschen löste sich nicht. Er bekam keine Luft. Nicht mal ein bisschen.

Ich habe nie einen Erste-Hilfe-für-Kinder Präsenzkurs gemacht, aber online. Außerdem sehe ich mir immer wieder entsprechende Videos an, schreibe und lese Beiträge zum Thema Ersticken bei Babys und Kleinkindern. Ich weiß, dass das die zweithäufigste Todesursache bei Kleinkindern ist. Dass es wirklich passiert. Menschen wie Dir und mir. Ich weiß deshalb auch, was zu tun ist – und was nicht. Ich weiß, dass man niemals mit den Fingern versuchen darf, zu entfernen, was im Hals steckt. Dadurch würde man es nur weiter hinunter schieben. Ich weiß auch, dass der Krankenwagen es niemals rechtzeitig schaffen würde und auch eine Fahrt ins Krankenhaus zu lange dauert. Zumindest, wenn die Luftröhre, wie bei uns, komplett blockiert ist und nichts rein- und raus geht. Eine Beatmung per Mund-zu-Mund oder ähnliche Maßnahmen bringt da absolut nichts. Was dagegen etwas bringt: Übers Knie legen, mit dem Kopf etwas weiter unten als dem Popo, und von hinten unten fest auf den Brustkorb klopfen. Wenn das nicht wirkt, gibt es da noch den sogenannten Heimlich-Handgriff. Dieser ist sozusagen die letzte Chance. Mit einem kräftigen Ruck (nicht zu zaghaft!) drückt man den Brustkorb zusammen und lässt die übrige Luft aus den Lungen mit einem Stoß entweichen. Dabei, so die Hoffnung, wird herausgeschleudert, was die Luftzufuhr blockiert.

Das alles weiß ich. Auch in diesem Moment, in dem mein Baby nach Luft ringt und nicht versteht, was da gerade passiert. Er hat Panik, das kann ich in seinen Augen sehen, die mich mit diesem unsäglichen Blick ansehen. Er ist mucksmäuschenstill. Wäre er irgendwo in einer Ecke gehockt, hätten wir vielleicht gar nicht bemerkt, was passiert. Ich weiß also, wenn das Klopfen nicht hilft, muss ich den Heimlich-Handgriff probieren.

Ich nehme ihn vor meinen Bauch, den Rücken zu mir gedreht. Lege meine Hände auf seinen Brustkorb und drücke. Ruckartig und fest. Ich kann in seiner Kehle ein gurgelndes Geräusch hören. Doch Luft bekommt er trotzdem nicht. Das ist, soweit ich weiß, das schlimmste aller Szenarien. Die Luft ist raus aus den Lungen und damit die Chance, von außen zu helfen. Das war’s, da bin ich mir sicher. Ich kann nichts mehr für ihn tun.

„Der stirbt uns!“, schreie ich meinen Mann an. Als ob er das nicht sehen könnte. Wahrscheinlich spüre ich, dass er weniger panisch ist als ich und bin nicht sicher, ob ihm klar ist, was hier gerade passiert. „Mann, ich weiß!“, ruft der verzweifelt. Ratlos. Alles um mich dreht sich. Es fühlt sich an wie ein Alptraum, von dem ich gleichzeitig weiß, dass er echt ist. Ich will mein Baby nicht verlieren. Bitte nicht. Das darf einfach nicht wahr sein. Der Kleine sieht mich an, hilfesuchend. Er sieht seine Mama an und erwartet, dass sie ihn rettet. Und ich kann es nicht. Gibt es etwas Schlimmeres, was mir passieren könnte?

In meiner Verzweiflung gebe ich das Kind meinem Mann. Ich weiß, dass er viel weniger weiß über Erste Hilfe. Dass es ohnehin nichts mehr gibt, was man tun könnte. Die Erinnerung, was genau dann passierte, ist unklar. Bei uns beiden. Jedenfalls dauert es noch ein paar Augenblicke und irgendwie kommt das Radieschen plötzlich zum Vorschein. Ich hole es aus seinem Mund. Mein Mann nimmt ihn auf den Arm und geht im Zimmer auf und ab. Ich lasse mich auf einen Sessel fallen. Zittere am ganzen Körper. Hyperventiliere. Stammle irgendwas vor mich hin. Er lebt. Ich bin so unfassbar froh und gleichzeitig immer noch panisch. Wie schnell es gehen kann. Wie nah Leben und Tod beieinander sein können. Gerade noch haben wir alle zusammen gegessen, wenige Minuten später hätte mein Baby tot sein können. So schnell! So ohne Vorwarnung! Wie soll ich das jemals verdauen?

Wenige Augenblicke später bin ich wieder fähig, mein Kind zu mir zu holen. Wir sitzen auf dem Sessel. Er legt seinen Kopf an meine Brust und ist so ruhig wie sonst nie. Ich zittere und atme immer noch panisch. Aber langsam beruhigt sich meine Atmung auch. Mein Kind lebt. Ich bin so dankbar. Ich weiß nicht, ob es einen Gott gibt, ob es das Universum ist, das die Dinge passieren oder nicht passieren lässt, eine gute Fee oder einfach Glück. Es ist mir auch egal. Wer immer es ist: Danke. Danke für jede Sekunde, die mir noch bleibt mit meinen Kindern. Für jedes Mal, das ihnen nichts passiert oder es doch noch gut ausgeht. Danke.

Der Vorfall ist nun drei Tage her. Ich beruhige mich langsam. Mein Mann schneidet immer noch jedes noch so weiche Nahrungsmittel klein. Zur Sicherheit. Er war in der Situation selbst erstaunlich ruhig. Was sicherlich auch hilfreicher ist als meine Panik. Vergessen werden wir trotzdem beide lange nicht, was passiert ist.


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Wenn Du jetzt, so wie ich immer mal wieder, das starke Bedürfnis hast, das wichtigste zum Thema Erste Hilfe bei Kindern zu lernen, mach es! Wie gesagt habe ich es selbst auch noch nicht geschafft, einen Präsenzkurs zu belegen. Das wäre natürlich das beste. Die gibt es meistens beim roten Kreuz. Ruf einfach da an und frag nach.

Ansonsten kann ich zwei Alternativen empfehlen:

  1. Online-Kurs Erste Hilfe für Kinder. Hier gibt es verschiedene Anbieter, zum Beispiel Richtig-Helfen von Michaela. Hier kannst Du Dir in Deinem Tempo alle Einheiten ansehen.
  2. Lies ein Buch. Ich habe „Schnelle Hilfe für Kinder“ von Janko von Ribbeck gelesen. Das gibt auf jeden Fall auch einen guten Überblick darüber, was in wirklich gefährlichen Situationen zu tun ist.

1 Kommentar zu „Der Tag, an dem mein Baby fast erstickt wäre“

  1. Mit das schlimmste, was man sich als Eltern vorstellen kann… mit meiner Tochter ist das auch ähnlich abgelaufen… Sie hat irgendwo eine richtig große Murmel der älteren Schwester gefunden und Unbemerkt in den Mund gesteckt. Und plötzlich kam sie ganz blau im Gesicht auf mich zu getorkelt. Ich hab instinktiv reagiert, aber Klopfen und auch der Heimlich Griff hat nichts gebracht. Was bleibt? Ich hab dann das gemacht, was man nicht tun soll: Mit den Fingern in die Luftröhre und zu Gott geschrien, dass ich das Ding erwische. Und es hat geklappt. Ich hab so weiche Knie bekommen, dass ich einfach auf den Boden gerutscht bin.
    Dann ist man einfach nur zutiefst dankbar, dass man sein Kind behalten durfte. Aber Alpträume hatte ich danach noch lange und noch heut schüttelt es mich, wenn ich an diese Situation denke.
    Wie du dich gefühlt hast, kann ich voll verstehen.
    Ich wünsch dir und deiner Family auch weiter Gottes Schutz und Segen.
    Alles Liebe, Olli

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