Gute Eltern, schlechte Eltern: Der Mutterpass ist weg!


Morgen ist mein nächster Frauenarzttermin. Dazu brauche ich meinen Mutterpass, damit die neuesten Ergebnisse eingetragen werden. Dann heute Abend der Schock: der Mutterpass ist weg! Über eine halbe Stunde haben wir die – nicht gerade riesige – Wohnung auf den Kopf gestellt, um das verschwundene Ding wieder zu finden. In Herkules-Manier musste er sogar unsere Couch hochheben, damit ich mit der Taschenlampe darunter suchen konnte. Nichts. Auf die Frage hin, ob das Teil groß und lila sei, wäre ich am liebsten ausgetickt. Wir haben uns den Mutterpass doch zusammen angesehen, als ich ihn bekommen habe – wenn er nicht mal weiß, wie er aussieht, hat er ihn dann vielleicht mit dem Rest des Altpapiers entsorgt? Immerhin kam diese Möglichkeit aus seinem Munde!

Da stellt sich bei mir ganz schnell folgende Frage: wenn wir nicht einmal auf einen Mutterpass achten können, wie sollen wir auf ein KIND aufpassen!?! (Zugegeben, das verlegt man nicht so leicht wie den Mutterpass, das ist ein Vorteil.)

Diese Frage stelle ich mir oft, seit ich weiß, dass ich Mama werde: sind wir überhaupt schon reif genug, erwachsen genug, um für ein anderes Leben verantwortlich zu sein? Ich meine, mal ehrlich, bisher war unser Leben meistens so, als hätte man zwei halbstarken Teenagern eine Wohnung gegeben und Geld und gesagt „jetzt macht mal, viel Spaß“. Wir freuen uns heute noch regelmäßig, wie cool es ist, „erwachsen“ zu sein und alles so tun zu können wie wir es wollen: auf der Couch abends frühstücken; im Bad einen riesen Wäschehaufen bilden, den wir erst wegräumen, wenn man draufsteigen muss, um zur Badewanne zu kommen und wir keine Schlüpper mehr haben; zum Abendessen Käse mit Käse überbacken ohne jegliche Beilagen essen; in den Morgenstunden angetrunken nach Hause kommen und am nächsten Tag von Tiefkühlpizza und Pommes leben; mit dem Auto 1 km zu unserem Kumpel fahren, nur weil wir es können…

Kann mein Verlobter, der stolz mit quakenden Geräuschen die gebraucht gekaufte Enten-Lampe präsentiert und mir regelmäßig nur zu meiner Belustigung ein Ständchen singt, ein Papa sein? Sollten wir uns nicht langsam über Politik unterhalten und darüber, wir schlimm die Jugend heutzutage ist? Über Bausparer nachdenken und eine Lebensversicherung abschließen, unser Kind für die KiTa anmelden und uns schon mal einen Privatlehrer suchen, um unseren hochbegabten Nachwuchs zu fördern?

Werden wir also gute Eltern sein? Ich denke zumindest, es gibt schlechtere Voraussetzungen, als wir sie haben. Gemeinhin glauben wir oft, dass das wichtigste für Kinder ist, ein stabiles Umfeld mit festen Regeln zu haben, dass es wichtig ist, ihnen finanziell alles bieten zu können und eine „gute Erziehung“ zu gewährleisten. Ich glaube, auch in meinen jungen Jahren schon folgendes gelernt zu haben: Kinder brauchen vor allem Eltern, die sie in Ruhe lassen. Eltern, die da sind und sie immer und ausnahmslos lieben und unterstützen, aber eben nur dann, wenn das auch gefragt ist. Kinder sind so veranlagt, dass sie einer natürlichen Entwicklung folgen und das tolle daran ist: das geht ganz von selbst! Kinder wollen wachsen, gedeihen und lernen, ausprobieren, Fehler machen, nochmal versuchen und nach dem Hinfallen getröstet werden. Sie vor dem Hinfallen zu schützen, heißt auch, ihnen Erfahrungen vorzuenthalten.

Und manchmal brauchen Dinge eben ihre Zeit und Ruhe. Nachdem wir die komplette Wohnung auf den Kopf gestellt hatten und uns geeinigt, dass er morgen beim der Sprechstundenhilfe, die uns einen neuen Mutterpass ausstellen muss, die Schuld auf sich nimmt, habe ich mich resigniert auf die Couch zurückgezogen. Und siehe da: zwischen Polster und Lehne: der Mutterpass!

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