„Ist der jetzt noch fetter geworden?“ – Bitte denk nach, bevor Du sprichst!


„Jetzt hat er schon kein Doppelkinn mehr, das ist schon ein Dreifachkinn!“

„Was gibst Du ihm zu trinken, Sahne?“

„Ist der jetzt in den letzten 2 Wochen noch fetter geworden?“

Aus zart wird knuffig

Sätze wie diese durfte ich mir vor allem in den ersten Lebensmonaten meines Babys oft anhören. Mit 3300 Gramm und 54 cm kam er zur Welt. Ganz winzig und zart war er damals, wir mussten sogar Frühchen-Windeln kaufen, weil ihm die anderen zu groß waren und ausliefen. Nach den ersten schläfrigen Tagen wollte er vor allem eins: Trinken und wachsen. Teils verlangte er tagsüber alle 15 Minuten nach der Brust und man konnte förmlich von Tag zu Tag beobachten, wie er Fettpölsterchen bildete.

Fettpölsterchen sind das Thema Nr. 1

Und mit jedem Gramm und jedem Millimeter wuchs auch die verbale Aufmerksamkeit für sein Gewicht und seine Größe. Wenn jemand zu Besuch war, aber auch in der eigenen Familie, schien das das wichtigste Thema, wenn mein Baby anwesend war: Wie dick will er noch werden, wie viel schwerer ist er als gleichaltrige (oder viel ältere) Babys und immer wieder auch: Muss ich was tun, weil er so schnell zunimmt?

„Vielleicht solltest Du ihm lieber mal Wasser geben, statt Milch. Ich glaube, der hat genug.“

Verletzende Kommentare

Ach, wirst Du jetzt vielleicht denken, das meint doch niemand so. Niemand hat es böse gemeint, das glaube ich auch. Bin ich also zu empfindlich? Ich denke nicht. Denn auch, wenn es niemand böse meint, glaube ich doch, dass viele der Kommentare genau so gemeint waren. Dass sie mir sagen sollten, dass mein Kind dick ist. Zu dick für die Norm. Manche denken sich dabei nichts, andere sind wirklich besorgt oder schockiert. Aber meinen tun es viele genau so.

Was mich daran stört, außer dass es verletzend ist?

  1. Warum ist „schlank“ schon bei Babys gleichbedeutend mit „besser“? Diese Schönheitsnorm bekommen wir später im Leben eingeimpft und sie macht bis zu einem gewissen Punkt auch Sinn. Denn echte Fettleibigkeit ist tatsächlich ungesund. Alles andere ist Geschmacksfrage und vor 200 Jahren war das, was wir heute als stemmig oder pummelig bezeichnen das Schönheitsideal.
    Dass es bei Babys nicht um echte Fettleibigkeit geht, sondern um Babyspeck, der auf spätere Fettpölsterchen keinerlei Einfluss hat, dürfte sich größtenteils herumgesprochen haben. Sollten Menschen wirklich noch Angst haben, dass dicke Babys zu dicken Kindern werden, sei an dieser Stelle gesagt: DAS. STIMMT. NICHT. Dazu gibt es nicht nur ausreichend Erfahrungen, sondern auch Untersuchungen.
    Das heißt, hier wird tatsächlich ein Schönheitsideal für Erwachsene auf Babys übertragen?!?!
  2. Warum ist es erlaubt, Babys mit abwertenden Begriffen wie „fett“ zu beleidigen? Weil sie offensichtlich ohnehin unheimlich süß und geliebt sind? Weil sie es noch nicht verstehen?
    Dazu möchte ich an dieser Stelle sagen: Wir Mütter verstehen es! Und wir fühlen uns beleidigt!

Bitte denk nach, bevor Du sprichst!

Ja, im Wochenbett war ich wahnsinnig empfindlich. Hormonchaos lässt grüßen. Mittlerweile geht es besser. Mein Baby hat außerdem seit einiger Zeit sowohl Wachstum als auch Gewichtszunahme verringert.

Und natürlich weiß ich, dass niemand solche Dinge über mich oder mein Baby gesagt hätte, wenn er / sie wüsste, wie es mich verletzt hat. Ich will also niemanden anprangern oder Schuldgefühle einreden.

Vielmehr möchte ich eine Bitte an jeden richten, die das liest: Bitte denk nach, bevor Du „witzige“ Kommentare über das Aussehen oder Verhalten eines Babys abgibst. Die meisten Mütter lächeln dann höflich. Das heißt nicht, dass es in Ordnung ist und sie nicht innerlich verletzt sind. Niemand möchte von anderen „fett“ genannt werden – und die meisten möchten das auch nicht über ihr Baby hören. Wir Mütter sind doch anfangs ohnehin über jede Kleinigkeit besorgt und verunsichert. Kommentare, die uns suggerieren, wir würden vielleicht etwas falsch machen beim Füttern der Winzlinge, können wir da wirklich nicht gebrauchen.

Ich weiß noch, wie traurig ich jedes Mal war, wenn ich den Eindruck hatte, mein Gegenüber sieht nicht dasselbe entzückende, knuffige und liebenswerte Wesen wie ich, sondern einfach nur einen Dickklops, den er auch als solches bezeichnen möchte. Jedes Mal, wenn ich den Eindruck hatte, jemand sieht mich beim Stillen schief an, weil er denkt „Jetzt füttert sie ihn schon wieder, dabei ist er doch schon viel zu schwer“ und sagte „Der suppelt* immer, wenn ich ihn sehe!“

(*suppeln: Verb mit der Bedeutung „gerne Suppe essen“, Muttermilch wird im Bayerischen auch als „Busensuppe“ bezeichnet)

So geht es im übrigen auch Eltern mit sehr kleinen, dünnen Kindern. Denen verbal implizit unterstellt wird, ihre Milch sei zu dünn, sie würden das Kind nicht genug füttern, sie sollten ihm mal „was richtiges zu essen“ geben usw.

Wir reden hier nicht darüber, dass jedes Kind einen individuellen Bauplan hat. Ich glaube, das wissen wir alle. Wir reden darüber, wie man verbal damit umgehen kann, ohne Eltern vor den Kopf zu stoßen.

Wenn Du also das nächste mal ein sehr dickes, dünnes, großes kleines, dickköpfiges oder segelohriges Baby vor Dir hast, denk nach, bevor Du sprichst. Es ist nicht in Ordnung, Späße unter der Gürtellinie zu machen oder beleidigende Worte zu benutzen. Auch nicht und gerade nicht über Babys.

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2 Kommentare zu „„Ist der jetzt noch fetter geworden?“ – Bitte denk nach, bevor Du sprichst!“

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