Kindergartenkind auf Zeit


Mein Sohn ist jetzt 3 Jahre und 4 Monate alt. In Bayern kommen die meisten Kinder mit drei in den Kindergarten. Deshalb hatte ich auf Bali schon mal versucht, ihm das auch zu ermöglichen – mit mäßigem Erfolg. Hier auf Koh Phangan hat es nun völlig überraschend und ungeplant geklappt. Mein Kind ist, wenn auch nur für 2 Wochen, ein Kindergartenkind.

Welche zwei Dinge mich daran besonders begeistern und stolz machen, will ich heute erzählen.

Kindergarten? Ja, wenn es wirklich passt

Aber nun mal von vorne. Kindergarten? Fremdbetreuung? Wollten wir nicht eigentlich dieses ganze ortsunabhängig-Dingens, um viel Zeit gemeinsam, als Familie zu haben? Und jetzt wollen wir ihn in den Kindergarten abschieben?

Nein. Für uns ist es absolut nicht notwendig, dass er in den Kindergarten geht, damit wir mehr Zeit für uns haben. Weder zum Entspannen, noch zum arbeiten. Wir bekommen das mit abwechselnder Betreuung und gemeinsamer Zeit bestens hin, keiner fühlt sich überlastet und meine Online-Einnahmen laufen gut genug, um hier leben und reisen zu können.

Aber. Natürlich wollen wir unserem Kind verschiedene Erfahrungen mit anderen Kindern ermöglichen. Und weil wir selbst nie langfristig an einem Ort sind und auch viele der Familien, die wir kennenlernen, wieder weiter reisen, ist das manchmal schwierig. Natürlich hat er Kontakt zu anderen Kindern, aber eben nicht regelmäßig zu denselben. Auch hatte ich das Gefühl, ihm würde es vielleicht gefallen, mal ein paar Stunden ohne seine Helikoptereltern zu verbringen.

Also war unser Motto, schon beim ersten Versuch auf Bali: Wenn er Spaß daran hat und wenn er dort bleiben möchte, dann darf er das. Wir wollten keine Eingewöhnung nach irgendeinem Berliner Modell oder ein langsames Gewöhnen an die Trennung. Denn wenn er nicht alleine bleiben möchte oder noch nicht kann, dann soll er das auch nicht müssen. Keine Tränen. Kein Zwang. Nur ein Angebot. So war die Devise.


Kindergarten auf Bali vs. Thailand

Bali

Unser erster Versuch in einem Waldorfkindergarten in Ubud, hatte eigentlich ganz vielversprechend begonnen. Der Kleine war, wie ich ihn kannte: Selbständig, neugierig, vertrauensvoll. Den ersten Tag blieb ich mit ihm dort, aber er beachtete mich kaum. Als ich mit ihm besprach, dass ich beim nächsten Mal, einige Tage später, kurz weggehen würde, war er schließlich einverstanden. Er wollte es mal versuchen.

Als es ernst wurde, dauerte es aber keine zwei Minuten, bis er unberuhigbar zu weinen anfing und seine Mama wollte. Es hatte plötzlich wie aus Eimern zu regnen angefangen und alle waren hektisch nach drinnen getürmt. Es waren viel mehr Kinder und auch andere Eltern da, im Gegensatz zum ersten Tag. Alle sprachen Englisch, er verstand kein Wort.

Ich kam also zurück und er wollte sofort nach Hause und nicht mehr allein dort bleiben. Das Experiment war für mich beendet, unser Kind blieb wieder bei uns.

Koh Phangan

Insgesamt sind wir einen Monat auf Koh Phangan, bevor wir weiter nach Bangkok fliegen. Die Hälfte unserer Zeit war schon rum, als die beiden Männer loszogen, um sich mal das „Playhouse“ in der Nähe anzusehen. Bekannte von uns hatten ihm erzählt, dass sie dort täglich ihre Töchter hinbringen. Für ihn stand fest: Das kommt für ihn nicht in Frage, sein Kind da allein zu lassen. Aber er wollte mit ihm zum Spielen dort hin. Alle drei Betreuerinnen sprechen deutsch und englisch, manche Kinder sprechen ebenfalls deutsch.

Sie fuhren also los und etwa 4o Minuten später stand mein Mann wieder da, alleine. Er wollte seinen Laptop holen und im benachbarten Café ein wenig arbeiten. Ich wurde regelrecht panisch. Er hatte unser Kind einfach alleine da gelassen? Mein Baby? Nach einer halben Stunde schon? Er versuchte, mich zu beruhigen, aber ich schickte ihn sofort zurück. Was, wenn er Angst bekam? Er war doch ewig nicht ohne Mama und Papa gewesen.

Am ersten Tag (4 Stunden) sah er jede Stunde nach ihm. Es war immer alles gut. Er weinte nicht, spielte vertieft und aß beim Mittagessen richtig viel. Ich wurde zwar per Kurznachrichten auf dem Laufenden gehalten, war aber erst beruhigt, als ich meinen kleinen wieder bei mir hatte. Und tatsächlich, er sprach die nächsten 24 Stunden von nichts anderem, als dem Kindergarten. Wollte am liebsten sofort wieder hin, konnte den nächsten Tag kaum erwarten. Er erzählte mir von jedem Spielzeug, jedem Buch, jedem Kind, das es dort gab.

Am nächsten Tag blieb er 3 Stunden am Stück alleine dort. Es ging ihm gut. Er verabschiedete sich kaum von seinem Papa, wollte einfach nur spielen. Als er abgeholt werden sollte, wollte er sogar noch eine zusätzliche Stunde bleiben. Durfte er auch.

Am dritten Tag ging es mir etwas besser und ich konnte selbst mitkommen, um ihn abzuholen. Er blieb die ganzen vier Stunden alleine dort und war danach super zufrieden und glücklich. Ehrlich gesagt habe ich mein Kind sehr lange nicht so glücklich erlebt, wie an diesem Tag. Er ist ja fast immer ein sehr fröhlicher Junge, aber an diesem Tag hatte er eine Art Dauerstrahlen.

Warum ich so stolz bin auf mein Kindergartenkind

Ich versuche also, ihm zuliebe meine Sorgen tagsüber wegzuschieben. Denn in meinem Kopf gibt es in diesem Garten tausend Gefahren, nicht zuletzt Schlangen und giftige Tausendfüßler. Und ich bin nicht dabei, um ihn zu beschützen. Muss mich auf mir völlig fremde Menschen verlassen.

Trotzdem bin ich unheimlich stolz, wie das ganze klappt, wie gut er das macht.

Die Sache mit dem Urvertrauen

Natürlich kenne ich meinen Sohn. Ich weiß, wie vertrauensvoll und angstfrei er durch die Welt geht. Trotzdem ist es erstaunlich, wie problemlos er ohne seine Eltern bleibt. Woran das liegt? Ich denke, zu einem Teil ist es einfach Charaktersache. Aber es ist auch ein Charakterzug, den wir in ihm bestärkt haben in den letzten drei Jahren.

Er hatte in seinem kurzen Leben noch nie einen Grund, an uns zu zweifeln (zumindest hoffe ich das). Wir oder andere Bezugspersonen waren immer da, wenn er etwas gebraucht hat. Er wurde gestillt, getragen, getröstet, und geliebt. Der Bindungstheorie zufolge konnte er also ein gesundes Urvertrauen aufbauen und es fällt ihm entsprechend einfach, neuen Bezugspersonen zu vertrauen. Warum sollte er auch nicht?

Die Sache mit den Regeln

Immer wieder führte ich in den letzten Jahren Gespräch mit Lesern, Verwandten, Zwiegespräche mit mir selbst, zum Thema Erziehung. Natürlich erziehen wir unseren Sohn, irgendwie. Aber unsere Art von Erziehung scheint viel weniger Regeln, Grenzen und Zwang zu beinhalten als die von anderen Menschen. Das führte manches Mal zu dem (impliziten und manchmal auch explitziten) Vorwurf, wir würden ihn zu sehr verwöhnen, nicht auf das spätere Leben vorbereiten. Wenn er sich zu Hause nicht an alle möglichen, und den späteren möglichst ähnliche Regeln halten würde, dann könnte er das auch in Kindergarten, Schule und anderen Gemeinschaften nicht.

Auch, wenn ich eigentlich anderer Meinung bin, gehen solche Diskussionen nicht spurlos an mir vorbei. Es bleibt immer die Frage: Was, wenn das Gegenüber recht hat? Die Antwort darauf, das ist mir klar, kann nur die Zeit bringen.

Und nun scheint die Zeit reif gewesen zu sein, ein erstes Mal diese Frage zu beantworten: Unser Kind kann sich an Regeln halten. Und zwar ohne Probleme. Im Kindergarten gilt er nicht, wie vielleicht manch einer erwartet hätte, als wild und ungestüm. Er rennt nicht kopflos herum und hört auf niemanden. Im Gegenteil. Die Betreuerinnen beschreiben ihn dort als sehr ruhig, ja manchmal sogar schüchtern. Er macht alles super mit, isst mit Messer und Gabel und hört darauf, was ihm gesagt wird.

Das macht mich unheimlich froh und stolz und bekräftigt mich, ihm auch weiterhin zu vertrauen. Darin, dass wir ihn nicht verbiegen und ausschimpfen müssen, sondern dass es reicht, ihm das richtige Verhalten immer wieder zu erklären und vorzuleben.


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