Von Verantwortung und Entscheidungen in der Schwangerschaft


In einer Schwangerschaft ist nichts wie vorher. Ab dem ersten Moment trage ich als Mutter nicht mehr nur für mich alleine und meinen Körper Verantwortung. Es ist jetzt noch jemand auf mich angewiesen – mit allen Konsequenzen. Weil leider nicht in allen Bereichen absoluter Konsens herrscht darüber, was richtig und was falsch ist, stehen viele Entscheidungen an. Manche der Entscheidungen, die ich in den letzten Wochen für mich und mein Kind getroffen habe, würden einige als verantwortungslos bezeichnen.

Das ärgert mich.

Zeit für mich, etwas tiefer auf das Thema „Verantwortung für das ungeborene Leben“ einzugehen.

Was bedeutet Verantwortung?

Der Duden definiert Verantwortung als

  1. [mit einer bestimmten Aufgabe, einer bestimmten Stellung verbundene] Verpflichtung, dafür zu sorgen, dass (innerhalb eines bestimmten Rahmens) alles einen möglichst guten Verlauf nimmt, das jeweils Notwendige und Richtige getan wird und möglichst kein Schaden entsteht
  2. Verpflichtung, für etwas Geschehenes einzustehen [und sich zu verantworten]

Ich als werdende Mutter übernehme also Verantwortung, indem ich dafür sorge, dass die Schwangerschaft einen möglichst guten Verlauf nimmt und kein Schaden für mein Kind entsteht. Ich muss Entscheidungen treffen. Möglichst die richtigen. Ich habe außerdem die Verpflichtung, mit diesen Entscheidungen und den Konsequenzen zu leben. Dafür einzustehen.

Wie nehme ich diese Verantwortung in der Schwangerschaft wahr?

Übernehme ich also Verantwortung, wenn ich alles tue, was die Schulmedizin für richtig hält? Übernehme ich Verantwortung, wenn ich allein auf eine bestimmte Philosophie, z.B. die Anthroposophie oder eine alternative Medizinrichtung vertraue?

Ich für mich denke, ich werde dieser Verantwortung gerecht, indem ich mich informiere und bewusste Entscheidungen treffe. Entscheidungen, mit deren Konsequenzen ich dann lebe.

Meine Entscheidungen während der Schwangerschaft

Pränataldiagnostik

So haben mein Mann und ich uns relativ früh gegen eine Pränataldiagnostik im Rahmen der Nackenfaltenmessung entschieden. Eine Diagnostik, die herausfinden soll, ob unser Kind am Down-Syndrom leidet, um uns dann eine Abtreibung möglich zu machen. Wir haben uns vorab Gedanken darüber gemacht, was so eine Diagnose für uns und meine Schwangerschaft bedeuten würde. Wir übernehmen die Verantwortung für unser Kind – egal, ob mit extra Chromosom oder nicht. Es ist unser Kind. Unsere Entscheidung.

Dabei fiel mir zum ersten Mal auf, dass meine Entscheidung nicht auf das Verständnis des uns gegenüber sitzenden Arztes traf.

Ist es unverantwortlich, unser Kind in jedem Fall groß ziehen zu wollen? Ich denke nicht.

Krankenhausaufenthalte

Das nächste Mal, dass ich diesen kritischen Blick sah, war bei meiner Gynäkologin. Ich war unangemeldet zur Untersuchung gekommen, weil tagsüber eine stärkere Blutung eingesetzt hatte. Sie wollte mich ins Krankenhaus einweisen – nachdem sie mich mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln untersucht und festgestellt hatte, dass weder für mich noch für das Baby akute Gefahr bestand. Einen „Tanz auf dem Vulkan“ nannte sie mein Vorgehen.

„Unverantwortlich“, sagte ihr Blick.

Dabei ist in meinem Kopf genau das Gegenteil der Fall. Krankenhaus bedeutet für mich Stress. Schlechte Ernährung. Unangenehme Untersuchungen. All das wirkt sich auch auf mein Baby aus, da bin ich sicher. Solange keine akute Gefahr bestand, war für mich (und damit auch für mein ungeborenes Baby!) das Krankenhaus das größere Übel. Ich hatte mich ausführlich über die Risiken informiert, um möglichst gut vorbereitet zu sein.

Innerhalb von 10 Minuten wären wir im nächsten Krankenhaus.

Das weiß ich, weil wir eine Woche später genau den Fall hatten: Eine stärkere Blutung setzte ein. Um zwei Uhr morgens wurde ich davon wach. Um 2:15 Uhr waren wir in der Notaufnahme.

Lungenreifemittel

Im Krankenhaus wurde wieder alles untersucht. Eine Randsinusblutung der Plazenta. Mir und dem Kind ging es gut, aber das Risiko einer Plazentaablösung steigt durch so eine Blutung wohl an – solange es blutet. Also Krankenhausaufenthalt und Bettruhe. Überwachung per CTG. Als „Maßnahme“ schlugen die Ärzte folgendes vor: Daumen drücken.

Erst nach mehr als einem halben Tag fiel ihnen noch etwas ein: Sie würden gerne eine Spritze zur Lungenreifung geben. Irgendetwas in mir, mein Bauchgefühl, sagte sofort NEIN. Ich bat um Bedenkzeit. Und informierte mich. Die Hormone, die zur Lungenreifung gespritzt werden, bewirken nicht nur eine vorzeitige Reifung der Lungenbläschen – sondern auch eine vorzeitige Reifung des Gehirns. Mit möglichen Spätfolgen wie ADHS oder Depressionen. Es gibt also auch unerwünschte Nebenwirkungen und Risiken.

„Nicht jede 5 in Mathe kann man später auf das Lungenreifungsmittel schieben“, so die Meinung des Chefarztes, der mich ausführlich aufklärte mit dem Ziel, mir die Spritze zu geben.

Ich wägte für mich ab und entschied, sie nicht zu nehmen. Vorerst. Und die Verantwortung für mögliche Folgen zu übernehmen.

Wehenhemmer

Zwei Wochen nach meiner Entlassung standen wir erneut in der Schwangerschaftsambulanz im Krankenhaus. Wieder Blutungen. Wieder stationärer Aufenthalt. Es stellte sich heraus, dass ich schon beim letzten Mal Infusionen mit wehenhemmendem Mittel hätte bekommen sollen. Toxolyse. Obwohl ich vor zwei Wochen definitiv keine Wehen hatte.

Diesmal hatte ich tatsächlich recht starke Kontraktionen. Beim Ultraschall war der Gebärmutterhals davon aber unbeeinflusst. Nicht einmal eine Einkerbung war zu sehen und er war mehr als ausreichend lang. Offenbar keine muttermundswirksamen Wehen also. Vermutlich Übungswehen. Weil sich aber theoretisch auch echte Wehen entwickeln könnten, wieder die vorgeschlagenen Vorsichtsmaßnahmen: Wehenhemmer und Lungenreife.

Ich wünschte mir wirklich, solche Entscheidungen nicht treffen zu müssen. Doch als Mutter muss man das eben und so entschied ich mich erneut, auf mein Bauchgefühl zu hören. Das sagte mir, dass die Kontraktionen zwar stark, aber schmerzlos waren und auch von selbst wieder nachlassen würden.

Ich vertraute darauf, dass mein Körper die Vorgänge selbständig regulieren kann und wollte so lange wie möglich vermeiden, mit Medikamenten oder Hormonen einzugreifen – weil ich Bedenken habe, welche Kettenreaktionen solche Eingriffe auslösen können. Und Wehenhemmer sind wohl keine harmlosen Medikamente, das Baby müsste am Anfang auf jeden Fall überwacht werden, weil es dadurch manchmal zu Komplikationen kommt. Für mich kam das nicht in Frage, solange ich keine echten Wehen habe.

Die Ärztin war natürlich nicht begeistert. Aber schon zum Abend ließen die Kontraktionen auch ohne Medikamente nach.

Was mich am Vorwurf der Verantwortungslosigkeit am meisten ärgert

Ich sage nicht, dass meine Entscheidungen immer richtig sind oder waren. Vielleicht hatte ich aus medizinischer Sicht auch einfach Glück. Aber es sind meine Entscheidungen. Ich drücke mich weder vor den Entscheidungen, noch vor der daraus resultierenden Verantwortung.

Meiner Lebenserfahrung und meinem Wissen nach handle ich so, dass es für mein Kind ein möglichst geringes Risiko gibt.

Doch was mich eigentlich noch mehr an dem Vorwurf der Verantwortungslosigkeit ärgert, ist folgendes:

Wenn ich mich in den ersten Schwangerschaftswochen gegen mein Kind entschieden hätte und die Schwangerschaft abgebrochen, einfach so, dann wäre das „meine Entscheidung“ gewesen. Es herrscht anscheinend Konsens, dass es das Recht jeder Frau ist, diese Entscheidung zu treffen. Es würde weder von Ärtzen, noch von Laien als verantwortungslos bezeichnet werden.

Wenn ich mich für die Pränataldiagnostik entschieden und nach einem positiven Befund mein Kind mit Down-Syndrom abgetrieben hätte, dann wäre das mein gutes Recht. Meine Entscheidung, für die mich niemand verurteilen darf. Verantwortungslos? Nicht die Spur.

Wenn ich aber nun mein ungeborenes Kind austragen möchte, dann ist sein Leben plötzlich schützenswert – in einem Maße, dass mir selbst die Verantwortung abgesprochen wird. Selbst, wenn ich sie sehr wohl wahr nehme und meine Entscheidungen wohl durchdenke. Selbst, wenn ich mit den Konsequenzen meiner bewussten Entscheidungen, die ich für das beste halte, zu leben bereit bin. Wenn ich die Risiken und Konsequenzen vorab aus bestem Wissen und Gewissen und im (meiner Meinung nach) Sinne meines ungeborenen Kindes abwäge.

Hier wird offensichtlich mit zweierlei Maß gemessen.

Das ärgert mich.


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Alle Kommentare (7)

    Sorry aber das ist doch krank. ‚du übernimmst die Verantwortung mit allen Konsequenzen‘. falsch! So falsch!
    Das baby trägt im schlimmsten Fall alle Last, wenn es durch dein unverantwortliches Handeln zu früh mit starken Komplikationen auf die Welt kommt. Die Konsequenzen hast nicht du, sondern das Baby!! Wenn es dumm läuft sein Leben lang.

    Jetzt kannst du so ein Schlaumeier Text schreiben. Möchte sehen, was passiert, wenn das schief gegangen wäre. Das Baby jetzt ein Extremfrüchen auf der Neo. Dann wären wahrscheinlich die Ärzte schuld.

    Lieber Hubert,

    ich wünschte, Du würdest mit der gleichen energischen Wut für ungeborene und geborene Kinder kämpfen, bei denen es wirklich angemessen ist. Würdest Du so etwas auch zu jemandem sagen, der sein Kind nicht möchte? Der nicht selbst für seine Gesundheit einsteht, so wie ich?

    Oder hast Du nur einen schlechten Tag und Lust, irgendwen anonym im Internet mit Deinen Worten zu verletzen?

    Findest Du es dann auch unverantwortlich von allen werdenden Müttern, die zufällig nie im Krankenhaus waren und deshalb keine Medikamente zur Lungenreifung und Wehenhemmung bekommen haben? Die haben nämlich ein ebenso hohes Risiko für das Szenario, das Du beschreibst, wie ich. Sollten die sich dann auch Vorwürfe machen, wenn Sie einer dieser Fälle sind? Oder übernimmst Du das dann?

    Wer übernimmt die Verantwortung, wenn mein Kind später kognitive Beeinträchtigungen hat? Wer übernimmt die Verantwortung, wenn meine Wehen bei der Geburt nicht richtig in Gang kommen, weil meine Übungswehen durch Medikamente gehemmt wurden? Wer muss das Baby Tag und Nacht trösten, weil es durch die Wehenhemmer im Mutterleib unglaublichem Stress ausgesetzt wurde? Die Ärzte in der Klinik wahrscheinlich nicht…und Du ebenso wenig. Das ist MEINE Aufgabe als Mutter.

    Du hast völlig recht, lass dich nicht kränken. Der Mensch ist ein Teil der Natur und mit großartigen Instinkten ausgestattet, die ihm leider allzu oft abgesprochen werden!
    Ich kann aus eigener Erfahrung und aus den vielfältigen Erfahrungen befreundeter Frauen sagen, dass das Bauchgefühl der beste Ratgeber der Mütter (und auch Väter!) ist. Ich hatte das Glück Hebammen und auch Ärzte zu haben, die mich in meiner Schwangerschaft und auch danach immer bestärkt haben, auf meinen Körper und mein Bauchgefühl zu hören. Man spürt als Schwangere (lieber Hubert), ob das eigene Kind Stress hat und muss dann reagieren. Jemand der noch nie selber schwanger war, kann dass oft nicht nachvollziehen. Selbst viele Ärzte warnen vor dem leider vorherrschendem blinden Aktionismus vieler Kollegen, gerade in vermeintlichen „Notsituationen“, der oftmals mehr schadet als nützt!

    Liebe Steffi,

    ich danke Dir von Herzen für Deinen Zuspruch. Ich wusste das natürlich auch vorher, aber gerade, wenn einem jemand versucht, bewusst eins reinzudrücken, ist es mit den Schwangerschaftshormonen und auch so manchmal nicht so einfach. Dann tut es gut, so etwas zu hören.

    Viele liebe Grüße,
    Hanna

    Ich finde es bewundernswert, dass es noch Menschen wie dich, mit einem Bauchgefühl gibt.
    Man lässt sich heute schnell verunsichern und vertraut viel zu wenig auf sich selbst.
    Du machst alles super, ich wünsche Dir noch eine tolle und restliche Schwangerschaft.
    Genieße Sie solange du kannst.
    Dein Kind entscheidet, wann es kommen möchte 🙂

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