Abgestillt. Jetzt doch.


Am 19. April habe ich meinen Sohn das letzte Mal gestillt. Ausgiebig. Ich wusste nicht, dass es das letzte Mal sein würde. Wir waren im ICE auf dem Weg nach Berlin, zurück vom Osterurlaub bei meinen Eltern. Es war Mittagszeit und der Rubbelbatz konnte nicht schlafen. Auch mit fast zwei Jahren ist er noch kein Kind, das sich einfach hinlegt und schläft, wenn es müde ist. Er muss getragen, gefahren – oder eben gestillt werden. Tragen kam nicht in Frage, weil ich mir nur 3 Wochen vorher mein Sprunggelenk gebrochen hatte. Schieben war im ICE unmöglich – also blieb nur das Stillen. Er lag auf mir und schlief und stillte abwechselnd, etwa 2 Stunden lang. Für mich gefühlt eine Tortour – hätte ich gewusst, dass es das letzte Mal ist, hätte ich seine Nähe genossen.

Aber nun mal von vorne.

Stillen reduzieren: Nur noch einmal am Tag stillen

Schon länger ging mir das Stillen auf die Nerven. Nicht, die Tatsache, dass er in seinem Alter noch gestillt wurde oder dass Leute das mitbekamen. Vielmehr die Häufigkeit und Vehemenz, mit der er es einforderte. Und die schlechte Laune und Anhänglichkeit, die mir begegnete, wenn ich ihm die Brust verweigerte. Ich wartete ab, ob das „nur eine Phase“ war. War es nicht. Also beschloss ich irgendwann, etwa 2 Monate vorher, nur noch einmal am Tag zu stillen. Weil er in der Kita nur mit der Brust einschlief (oder ich ihn mitnehmen musste), entschied ich, dass das mittags sein würde. Unser aller Nerven tat das gut. Er verstand ziemlich gut, wenn ich ihm erklärte, dass wir erst mittags wieder stillen – oder schon gestillt hatten und es erst am nächsten Tag wieder Milch geben würde. Wenn er nun nach der Brust fragte, war das ohne dieses energische zerren an meinem Oberteil. Ein „Nein, wir stillen doch erst mittags,“ wurde mit einem verschmitzten Grinsen statt mit Gebrüll quittiert. Auch der Papa war plötzlich in.

Warum nicht gleich abstillen?

Ganz Abstillen brachte ich trtozdem nicht über’s Herz. Auch wenn viele in meinem Umfeld meinten, er sei ja jetzt schon so groß. Für mich ist er immer noch so klein. Und immerhin wollen wir bald umziehen und reisen. Ich dachte mir, bei so viel ungewohnter Umgebung würde es uns allen helfen, wenn ich ihn im Notfall stillen könnte. Außerdem war mir ein „ganz abstillen“ irgendwie zu radikal. Ich war noch nicht so weit. Ehrlich gesagt blutet mir jetzt noch die Seele und ich bin mindestens einmal am Tag kurz davor, mich zu entschuldigen und ihm die Brust wieder anzubieten.

Mit dem reduzierten Stillen gab es noch ein Zurück, ich konnte ihn auch zu anderen Gelegenheiten stillen. Wenn er krank war zum Beispiel oder wir gerade nichts zu trinken zur Hand hatten. Da wusste ich ja noch nicht, dass mein Körper auch Wochen später noch allzeit bereit sein würde, Milch zu geben. Ich dachte, nach ein paar Tagen wäre die Milch weg.

Endgültig abgestillt mit 22 Monaten

Wie gesagt, ich dachte, auf Reisen wäre Stillen hilfreich. Dann fuhren wir über Ostern zu meinen Eltern. Nur er und ich. Die ersten zwei Tage waren noch in Ordnung. Doch dann fing er an, wieder immer häufiger nach der Brust zu verlangen. So wie früher. Mit T-Shirt-Zerren, Nörgeln und Weinen. Das nervte mich unheimlich, aber natürlich gab ich immer wieder nach. Ich wollte ja, dass alle Beteiligten, oder dann zumindest alle außer mir, die Zeit genießen konnten. Doch mit jedem Nörgel-Tag festigte sich in mir ein Entschluss: Das war’s. Ich muss ihn abstillen. Ich kann das nicht mehr und das würde in den nächsten Monaten und Jahren nur zu Stress für alle Familienmitglieder führen: Bei mir, weil ich nie Ruhe habe, bei ihm, weil er so oft nicht das bekommt, was er will – Milch – und bei seinem Papa, weil er hilflos daneben steht, obwohl er doch unterstützen will.

Ich wollte also warten, bis wir wieder in Berlin waren und etwas Ruhe und Alltag eingekehrt war. Doch dann kam es irgendwie anders. Als er mich zu Hause nach Milch fragte, sagte ich ihm, dass wir das jetzt nicht mehr machen und ich das nicht mehr will. Wir könnten gerne in die Küche gehen und Milch aus dem Becher trinken. Das war für ihn okay. Abends brachte ihn sein Papa ins Bett, auch ohne Milch. Denn gleichzeitig mit der Brust wollte ich auch Milch aus der Flasche, die er manchmal statt dem Stillen vom Papa bekommen hatte, abschaffen. Er hätte sonst wirklich literweise Kuhmilch getrunken.

Am nächsten Tag ging es so weiter. Immer, wenn er mich fragte, ob er wir stillen können, sagte ich Nein. Ich erklärte ihm immer ruhig und freundlich, dass wir das in Zukunft nicht mehr machen und ich das nicht mehr möchte. Immer bekam er als Ersatz Milch aus dem Glas oder Becher angeboten. Wenn er nach der Flasche fragte, gab es Wasser bzw. Tee aus der Flasche. Ich sagte ihm auch, dass wir gerne einfach so kuscheln können oder ich ihm den Kopf kraule. Aber stillen tun wir nicht mehr. Es gab nie längere Diskussionen oder Geschrei. Es war einfach so. Stattdessen wollte er immer mehr „kusseln“, auch nachts, wenn er wach wurde.

Was hat sich durch das Abstillen geändert?

Eigentlich nicht viel. Am liebsten ist ihm immer noch Mama, aber Papa darf jetzt noch mehr machen und ist manchmal, ganz selten, sogar gleichwertiger Ersatz. Das heißt, manchmal geht er jetzt mit Büchern oder Spielzeug direkt zum Papa. Oder nimmt es mir sogar weg, um mit Papa zu spielen.

Er schläft schlecht ein und schläft nicht durch. Er schläft viel besser, länger und ist weniger wach, wenn ich in einem anderen Zimmer schlafe. Das hatte mit Stillen und dem Geruch von Muttermilch also gar nichts zu tun. Die nächtliche Milchmahlzeit haben wir abgeschafft. Wenn er, was immer seltener vorkommt, nachts wirklich Hunger hat, kann er eine Banane essen. Manchmal auch zwei.

Er ist ein guter Esser und er isst gerne. Wahrscheinlich jetzt etwas mehr als vorher. Er frühstückt jetzt jedenfalls mehr, weil er nachts keine Nahrung mehr bekommt.

Für mich hat sich eigentlich auch nicht viel geändert. Ich könnte jetzt theoretisch auch länger ohne ihn sein. Aber das kann ich mir gar nicht vorstellen. Wenn ich ihn ein paar Stunden nicht sehe, will ich zurück zu meinem Kind. Ehrlich gesagt fehlt mir die Nähe durch das Stillen. Ich habe den Prozess des Saugens immer als unangenehm empfunden. Aber der Moment, wenn er kurz loslässt und mich so vollkommen glücklich und strahlend ansieht, den vermisse ich unglaublich. Die Tatsache, dass dieser sonst ununterbrochen aktive kleine Junge auf diese Weise zur Ruhe kommen kann, und dass das in meiner Hand liegt, ist ein wunderschönes Gefühl. Diese Ruhe überträgt sich auf mich und es fühlt sich alles richtig an in diesem Moment. Es fühlte sich alles richtig an. Das vermisse ich jetzt.

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Alle Kommentare (3)

    Du sprichst mir aus der Seele. Mein aktives Hüpferlein ist jetzt 28 Monate alt. Wir stillen noch Abends vor dem Einschlafen. Ich hätte nicht gedacht dass ich so lange stillen würde. Immer mal wieder ist es ambivalent, z.B. weil so nur ich ihn ins Bett bringen kann. Aber ich vertraue darauf, dass ich merke wenn die Zeit kommt dass es Zeit ist Abschied zu nehmen. Danke für den schönen Artikel und das Pro-Langzeit-Stillen

    Ich habe meinen Sohn (2012 geboren) 20 Monate gestillt.
    Sylvester 2013 hab ich ihn zum letzten Mal gestillt – zu dem Zeitpunkt hatte ich schon reduziert auf nur noch Abends vor dem Schlafen gehen.
    Leider hatte ich starkes Sodbrennen und meine Ärztin wollte mir Säureblocker verschreiben… Dafür musste ich leider aufhören zu stillen…
    Mein Sohn hat danach noch ein paar Mal nach der Brust gefragt.
    Ich habe ihm dann erklärt das es nicht mehr geht weil ich Medizin nehmen muss die für ihn nicht so gut ist.
    Das hat er ohne Probleme angenommen.
    Ich habe die Zeit im großen und ganzen genossen.

    Hach,so schön:-) wir haben drei Kinder, zwei schon im Teenager Alter und unsre Püppi,ein Nachzügler,ich habe alle drei lang gestillt,die Püppi genießt mit ihrem Jahr noch und Mama auch:-) Es stimmt,es fällt einem als Mama echt schwer diese intensive,innige aber dennoch auch anstrengende Zeit hinter sich zu lassen….noch genießen wir es beide,wann der Zeitpunkt kommt an dem sie oder ich entscheiden das entgültig Schluss ist,wird sich zeigen…. unsere Große hat sich selbst abgestillt,mit knapp drei,beim mittleren wollte Mama nicht mehr,weil er wie oben beschrieben dauernd gefordert hat…..das war kurz nach dem zweiten Geburtstag,ging ganz schnell und unkompliziert und bei der kleinen Maus werden wir sehen wo es uns hin bringt…. vielen Dank und viele Grüße

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