Das Ende des Terrors: Mittagsschlaf adé


Ich habe mich ja immer gefragt, wie wir eines Tages wissen sollen, dass unser Kind keinen Mittagsschlaf mehr braucht. Schließlich hat er, abgesehen von hohem Fieber, sich noch nicht ein Mal in seinem Leben hingelegt und geschlafen. Nun war es anscheinend so weit und er macht seit einigen Wochen keinen Mittagsschlaf mehr. Wie, was, warum – lies selbst.

Der Mittagsschlaf-Terror

Terror? Für wen denn, fragst Du Dich vielleicht.

Die traurige Antwort lautet: Für alle Beteiligten!

Terror für das Kind

Unser Sohn wollte noch nie schlafen. Wenn es sich irgendwie einrichten ließ, blieb er wach. Oder wachte beim leisesten Geräusch oder der geringsten Bewegung auf. Egal, wie müde er war. Und wenn ich sage, noch nie, dann meine ich wirklich noch nie. Seit er ein kleines Baby war, mussten wir ihn zum Schlafen mehr oder weniger „zwingen“.

Ich kann mir nur annähernd vorstellen, wie frustrierend das für ihn sein musste. Jeden Mittag etwas tun zu müssen, was man nicht will. Versuchen, zu kooperieren, mal mehr, mal weniger. Mal gar nicht, weil man wütend ist. Weil man nicht schlafen möchte, sondern wach bleiben und etwas erleben. Weil man nicht verstehen kann, dass es danach besser sein wird. Dass das Leben ausgeschlafen mehr Spaß macht. Und dass es ohne nicht geht.

Terror für uns Eltern

Eine Erzieherin hat mal in sehr weisem Ton zu mir gesagt: „Zum Schlafen kann man ein Kind nicht zwingen.“


Die Wahrheit ist, man kann. Schon irgendwie. Man muss. Wenn man ein Kind wie wir hat.

Anfangs ging es für uns noch gut mit der Brust. Solange die im Mund blieb, schlief er einigermaßen. Du kannst Dir vorstellen, für wen da manchmal wirklich Terror war? Wenn die Blase voll ist oder der Rücken langsam immer verspannter wird?

Dann gab es da noch die Trage. In verschiedenen Phasen mussten da die verschiedensten Tragetechniken, Tragehilfen, Einschlafhilfen und Orte abgedeckt werden. Manchmal musste man ihm mit einem Tuch die Sicht versperren, sonst wäre er nicht eingeschlafen. Manchmal half es, bestimmte Schritt- und Wippbewegungen zu machen. Singen. Laut und sehr lange „Shhhhhh“-Töne machen. Ihn überreden. Im Innenhof immer im Kreis laufen und die Umgebung reizarm halten.

Wenn das Kind dann tatsächlich eingeschlafen war, musste man versuchen, die Situation möglichst unverändert zu belassen. Im Idealfall weiter gehen. Immer weiter. Keinesfalls jemals hinsetzen oder die Umgebungstemperatur oder Geräuschkulisse stark verändern, das wurde mit sofortigem Aufwachen bestraft.

Er war glaube ich schon über zwei Jahre alt, bis man ihn zuverlässig ablegen konnte. Ansonsten klebte das schlafende Kind halt an Dir dran, wenn Du es in den Schlaf getragen hattest. Ist ja auch nur minimal nervig, so irgendwas zu machen. Egal, ob er vorne oder hinten dran war.

Irgendwann schlief er sogar manchmal im Kinderwagen. Kein Witz. Man musste ihn nur so festschnallen, dass er sich nicht aufrichten konnte und dann jegliche Sicht mit Jacken  oder Tuch versperren. Und dann fahren, als würde es kein Morgen geben und hoffen.

Hört sich fies an? War es auch, deshalb keine sehr beliebte Variante.

In der Kita, so hieß es, können Kinder das. Da machen sie einfach, was die anderen machen. Ich hatte große Hoffnungen, als er mit 14 Monaten ins Coworking Toddler kam. Und hey, so eine Kita ist wirklich was ganz anderes. Es hat dort nur weitere sechs Monate oder so gebraucht, und dann hat er wirklich mit den anderen Kindern Mittagsschlaf gemacht. Also zumindest hin und wieder. Wenn ihn jemand fest im Arm hielt und sich ausschließlich um ihn kümmerte. Und er sehr, sehr müde war. Ansonsten hieß es für mich jeden Mittag: Abholen, Tragen.

Warum Mittagsschlaf, wenn er nicht will?

Aber warum in aller Welt, wirst Du jetzt vielleicht denken, habt ihr euch das über drei Jahre lang gegenseitig angetan? Warum habt ihr ihn nicht einfach selbst entscheiden lassen. Kinder schlafen schon, wenn sie müde sind. Oder?

Ja, warum haben wir das gemacht? Anfangs, weil es nicht anders ging. Als Baby oder Kleinkind im zweiten Lebensjahr hielt er niemals bis abends durch. Wenn wir es mal probierten, passierte folgendes:

Gegen 10 Uhr Vormittag wurde er wieder müde. Natürlich, weil er immer viel zu früh aufwachte und eigentlich nicht ausgeschlafen war. Von da an hielt er noch etliche Stunden durch, mit steigendem Alter immer länger. Aber irgendwann kam immer dieser Punkt, an dem es nicht mehr ging. Irgendwann bestand er nur noch aus Ärger, Gebrüll und Tränen. Wütende, verzweifelte, müde Tränen.

Aber niemals war seine Lösung Ruhe oder Schlaf. Niemals. Stattdessen Bewegung. Je müder er wurde, desto weniger konnte er sich still halten. Desto weniger ließ er sich beruhigen. Desto unkontrollierter wurden die Bewegungen. Ein übermüdetes Kind, das sich schnell und unkontrolliert bewegt – sehr gefährlich! Nicht nur für andere Kinder, sondern vor allem für ihn. Es gab dann Stürze und Stöße und weitere Tränen.

Ihn aus dieser Übermüdung zum Einschlafen zu bringen war schwieriger als alles vorangegangene. Das ist der Grund, warum wir ihn mehr als drei Jahre lang jeden Tag in den Schlaf trugen, stillten oder fuhren.

Woher weiß ich, dass es Zeit ist?

Trotzdem blieb für mich die Frage: Wie merke ich, dass mein Kind den Mittagsschlaf nicht mehr braucht?

Andere Mütter erzählen immer, dass ihre Kinder „irgendwann einfach nicht mehr geschlafen haben, wenn sie hingelegt wurden“. Da muss ich immer müde in mich hineinlächeln. Wenn ich darauf gehört hätte, dann hätte mein Kind seit dem ersten Lebenstag nicht geschlafen. Oder nur nach einer Stunde Brüllen.

Wenn ich ihn also seit mehr als drei Jahren mehr oder weniger unfreiwillig in den Schlaf beförderte, woher würde ich wissen, wann es wirklich nicht mehr sein muss?

Das Ende des Mittagsschlafs

Seit wir zu dritt in der Welt unterwegs sind, wehrt er sich nur noch wenig gegen den Mittagsschlaf. Seit vielen, vielen Monaten begleitet uns derselbe Trick: Sein Papa trägt ihn mittags in den Schlaf. Wenn er nicht möchte, dann tun wir so, als würde sein Papa mich oder ein anderes Kind stattdessen tragen. Und schon ist der Widerstand gebrochen und er gibt zu, dass er schon müde ist. Ich hätte nicht gedacht, dass das so lange gut geht.

irgendwann brauchte er den Mittagsschlaf nicht mehr, um bis abends durchzuhalten. Und wir wussten zwar, dass er durch seinen Mittagsschlaf, der teilweise 2-3 Stunden dauerte, abends später einschlafen würde und länger brauchen würde, aber in diesen sauren Apfel waren wir bereit zu beißen. Denn auch wenn er mittlerweile ohne größere Dramen bis abends durchhielt, so war doch klar, dass er ausgeschlafen mehr vom Leben hatte. Ohne Mittagsschlaf ist er ab etwa 14 Uhr wie so ein freudloser Halb-Zombie. Er benimmt sich tadellos, weil ihm einfach die Energie zum Widerstand fehlt. Für uns ein ganz angenehmer Zustand, aber für das Kind irgendwie nicht wünschenswert.

Und dann, eines Abends, vor etwa vier Wochen, hatten wir abends das Superdrama. Er war bis 23 Uhr wach, verbrachte drei Stunden wach neben uns im Bett. Drei Stunden! Ich war schwanger und hatte mit den ersten Begleiterscheinungen zu kämpfen. Ich war hundemüde und konnte nicht schlafen, bevor er nicht eingeschlafen war. Kurz, ich war am Ende meiner Nerven.

Am nächsten Tag beschloss ich, seinen Mittagsschlaf ausfallen zu lassen. Lebensqualität des Kindes hin oder her. Um das abendliche Drama zu umgehen. Seitdem haben wir etliche Male versucht, den Mittagsschlaf wieder einzuführen. Immer mit demselben Ergebnis: Er kann zwar den Nachmittag mehr genießen, aber Abends Einschlafen ist ein Trauerspiel. Er ist einfach nicht müde genug. Also haben wir den Mittagsschlaf ganz abgeschafft. Ein für allemal. Vermutlich.

Unser Kind ist am Nachmittag müde, war ich sehr schade finde. Dafür fällt er zwischen 19 und 20 Uhr todmüde ins Bett, dreht sich nach dem Vorlesen einfach um und schläft ein. Keine stundenlangen Ausharrespielchen bei der Einschlafbegleitung mehr, kein Nervenkrieg. Morgens steht er dann zwischen 5 und 7 Uhr auf und ist fit für den Tag. Meist schläft er komplett durch. (Paradoxerweise wacht er immer noch umso früher auf, je später wir ihn ins Bett bringen.)

Anfangs fragten wir ihn noch jeden Tag, ob er mittags schlafen will. Obwohl wir die Antwort natürlich kannten. Vielleicht wollte ich ihm so endlich das Gefühl geben, dass er selbst entscheiden darf, wann er schlafen möchte. Wäre ja auch Zeit.


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Alle Kommentare (2)

    Danke für den Beitrag. Ich habe gedacht, ich hätte als einzige nicht schlafen wollende Kinder. Ich habe zwei, aber die Große schläft mittlerweile.. Die Kleine ist drei und immer noch sehr anstrengend. Nachts muss ich immer noch aufstehen und morgens zur Arbeit gehen. Meinen Blog hab ich auf das Notwendigste reduziert, da es die einzige Ablenkung von meinem Alltag ist. Abends falle ich ins Bett wie ein Stein, aber ich bin ja eine Mutter und das ist normal… Und wenn ich von allen Seiten lese, dass die Kinder alle brav schlafen und die Mütter immer ausgeschlafen sind… Nun ja, ich göhne es denen, frage mich aber gleichzeitig, wieso meine Kinder nie wirklich schlafen wollten..
    Hoffe, es hilft dir auch zu wissen, dass du nicht allein bist <3
    Liebe Grüße
    Tanja

    Hallo Tanja,
    vielen Dank für das Feedback und ich fühle mit dir. So schwer es klingt, man darf da einfach nicht vergleichen mit anderen Müttern. Ich kenne auch diese Eltern, deren Kinder im Kinderwagen oder Kinderbett oder wo auch immer friedlich ein- und durchschlafen und alles scheint super. Aber jedes Kind ist anders. Und ich kenne auch genug Eltern, denen es so geht wie uns. Die wirklich am Limit sind, was Schlaf und Nerven für Einschlafbegleitungen und dergleichen betrifft. Vergiss nie, die Kleinen machen das nicht mit Absicht. Ich versuche, so oft wie möglich die Situationen zu sehen, in denen er kooperiert und versucht, das zu tun, was wir erwarten. Das macht die gefühlt schwierigen Situationen etwas erträglicher. Und dann das gute alte Mantra: Alles nur eine Phase 😉
    Ich wünsche Dir, dass es bald besser wird!
    Hanna

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