Geburtsbericht: Hausgeburt beim zweiten Kind


Heute wird mein Sohn sechs Tage alt. Seit er aus meinem Bauch gekommen ist, hat er statt Ärzten, Krankenhaus und medizinischem Personal nur zwei wundervolle Hebammen, einen entspannten und liebevollen Kinderarzt – und vor allem seine Familie gesehen.

Von seiner Geburt bei uns zu Hause möchte ich heute ausführlich berichten.

Eine Hebamme für die Hausgeburt finden

Etwa in der 26. Schwangerschaftswoche entschied ich mich, mein Kind zu Hause zur Welt bringen zu wollen. Obwohl wir in der tiefsten Provinz wohnen und es hier sehr wenig Hebammen gibt, und obwohl ich sehr spät dran war, fand ich recht schnell eine Hausgeburtshebamme. Sie hat etwa 80 km zu fahren. Mit ihren 40 Jahren Erfahrung und der Leitung eines Geburtshauses sicherlich nichts, was sie hätte tun müssen. Aber, so ihre Aussage, sie sehe nicht ein, dass die Wahlfreiheit des Geburtsortes in Deutschland eingeschränkt werde vom Wohnort. Und ihr war wohl bewusst, dass ich niemanden sonst finden würde.

Allerdings waren wir alle bis zuletzt unsicher, wie und ob es tatsächlich ablaufen sollte. Denn seit der 18. SSW hatte ich immer wieder Blutungen durch eine tief sitzende Plazenta. Die Hebamme hatte damit an sich kein Problem, aber es war unklar, ob das Baby vielleicht vorher im Krankenhaus geholt werden müsste.

Hausgeburten macht sie erst ab SSW 37. In der 34. SSW dann endlich Entwarnung: Die Plazenta war nach oben gewachsen. Dafür gleichzeitig ein neues Problem: Querlage. Die kann eine Hebamme natürlich nicht entbinden, das muss per Kaiserschnitt gemacht werden.

Verunsichernde Schwangerschaft

Für mich war dieses Hin und Her und die wiederkehrenden Blutungen wie eine innerliche Probe. Meine Intuition und sogar mein Verstand sagten mir ganz klar, dass eine Hausgeburt das richtige wäre. Dass ich auf meinen Körper und meinen ungeborenen Sohn vertrauen könnte.

Ich bin gesund und habe keinerlei Risikofaktoren. Eine gründliche Recherche online ergab dasselbe. Eine Hausgeburt unter diesen Umständen ist ungefähr ebenso sicher wie eine Klinikgeburt. Die Ärzte im Krankenhaus, wo ich regelmäßig zur Überwachung der Blutungen war, sagten mir wiederholt, dass ich eine natürliche Entbindung haben und kein erhöhtes Risiko für Blutungen hätte – vor allem nicht mehr, nachdem die Plazenta vom Muttermund weg gewachsen war.

Und doch war da noch diese andere Stimme. Die unvernünftige. Ängstliche. Die Stimme von Außenstehenden. Geschürt durch Geschichten a là Ich-wäre-bei-der-Geburt-verblutet oder Mein-Kind-wäre-jetzt-tot. Die Stimme der Gynäkologin, der ich meine Pläne angedeutet hatte. Die von einer Risikoschwangerschaft sprach, vom Gebären im Busch und von unvernünftigem Verhalten.

Rational wusste ich, dass diese Stimme Mist ist. Und trotzdem war sie immer mal wieder da, ganz leise in meinem Hinterkopf und sagte: „Und was, wenn doch?“

Letzten Endes fand ich aber immer wieder zurück zu mir, zu meinem gesunden Baby im Bauch und zu der Art, wie ich wollte, dass er in diese Welt kommt.

Vorsicht vor Außenstehenden

Deshalb mein Tipp an jeden, der eine Hausgeburt plant: Nicht jedem erzählen. Die meisten haben dazu sehr starke Vorurteile. Und selbst, wenn Du Deine Hausaufgaben gemacht hast und weißt, dass eine Hausgeburt eben kein erhöhtes Risiko für eine Säuglingssterblichkeit (je nach Studie vielleicht geringfügig mehr oder weniger) bedeutet – die kulturelle Prägung macht hier ihrem Namen alle Ehre. Selbst, wenn Dein Verstand weiß, dass es nicht wahr is: Die ängstliche Stimme im Hinterkopf wird Fragen stellen.

Deshalb habe ich mich auch dazu entschieden, hier auf dem Blog oder sonst wo im Internet nichts darüber zu sagen. Nicht, weil ich etwas zu verbergen hätte, sondern weil es viele Rückfragen und verunsichernde Kommentare aufgeworfen hätte. Die konnte ich in meinem Prozess der Geburtsvorbereitung einfach nicht brauchen.

Geburtsbeginn in der 36. SSW

Querlage bis 35+0

Bis zur 36. SSW lag mein Baby quer im Bauch. Ich musste deshalb wöchentlich zur Lagekontrolle und zur Überprüfung der kindlichen Versorgung über die Nabelschnur. Natürlich fragte ich mich, warum er sich nicht dreht. Wenn ich mich hinsetzte, mich auf meinen Bauch und meinen Körper konzentrierte und nach einer Antwort suchte, bekam ich zwei.

Erstens: Ich brauche mehr Bewegung. Durch das viele Liegen und Schonen wegen der Blutungen klappt das ganze vielleicht nicht so gut. Wie soll der Bauchzwerg auch wissen, wo oben und unten ist? Also bewegte ich mich mehr. Denn zum Glück kamen in dieser Zeit keine nennenswerten Blutungen.

Zweitens: Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass alles sehr beschwerlich werden und die Geburt zeitnah angestoßen werden würde, wenn er sich dreht – deshalb wartete er. Damit hatte ich wohl auf jeden Fall recht.

Weitere Blutungen

Mein kleiner Sonnenschein drehte sich in der Nacht zum Montag, SSW 35+0. Am Dienstag bei der Lagekontrolle war die Freude groß und alle Beteiligten hofften, dass wir uns nun eine Weile nicht sehen würden. Schon am nächsten Morgen um 5 Uhr standen wir wieder da. Blut. Allerdings konnte diesmal keine Ursache für die Blutung festgestellt werden. Sie kam nicht von der Plazenta. Ich wurde zwei Nächte überwacht und dann wieder entlassen.

In diesen zwei Tagen hatte sich der Gebärmutterhals um fast 2 cm verkürzt und das CTG zeichnete sehr regelmäßige, wenn auch weitestgehend schmerzfreie, Wehentätigkeit auf.

Rückblickend betrachtet kam das Blut also wahrscheinlich vom Muttermund, der sich langsam bereit machte und verkürzte.

Zeichnungsblutung und Geburtsbeginn – 36+0

Am Sonntag, bei 36+6, wachte ich früh morgens gegen 4 Uhr auf und spürte wieder einmal regelmäßige Wehen. Nicht viel stärker als die aus den Krankenhaustagen. Aber wiederkehrend und regelmäßig. Ich hatte mir die ganze Schwangerschaft vorgestellt, ich würde die Eröffnungswehen erkennen, wenn sie kommen. So, wie beim ersten Mal. Nun aber war ich mir nicht sicher. Alles fühlte sich so harmlos an. Kaum anders als die Vorwehen. Einige Stunden später standen wir alle auf und begannen unseren normalen Tagesablauf.

Es setzte wieder eine hellrote Blutung ein. Im Laufe des Tages wurde sie stärker. Die Wehen hielten an. Nachmittags stoppte ich sie per Wehen-App: ca. 30 Sekunden Länge, Abstand meist etwa 4 Minuten. Gefühlt aber fast schmerzfrei.

Wir gingen wählen, ich kochte Abendessen und wir aßen alle zusammen.

Danach fuhren mein Mann und ich ins Krankenhaus, um die Blutung abklären zu lassen. Das Ergebnis war dasselbe wie meine Vermutung: Eine Zeichnungsblutung vom Muttermund. Plazenta komplett in Ordnung, keine Blutung festzustellen. Der Arzt ließ uns, trotz regelmäßig aufgezeichneter Wehen, nach Hause gehen. Auf seine Verantwortung.

Da war es etwa 19 Uhr.

Von der geplanten Hausgeburt wusste er nichts. Was ich schade finde, aber ich habe gelernt, wie Mediziner darauf reagieren und wie verunsichernd das sein kann.

Die Hausgeburt meines zweiten Kindes in der 37. SSW

Auf der Rückfahrt telefonierte ich mit der Hausgeburtshebamme. Sie kommt normalerweise ab der 37. Schwangerschaftswoche, die ich am Folgetag ja erreichen würde. Als sie hörte, dass der Arzt im Krankenhaus den Kleinen auf 3500-3700 Gramm geschätzt hatte und keinerlei Bedenken hatte, uns nach Hause zu lassen, war für sie klar: Dann kommt sie, sobald ich sie brauche.

Allerdings war ich mir nach wie vor nicht sicher, ob es überhaupt schon los ging.

Zuhause legten wir uns ganz normal schlafen. Unseren fast 4-jährigen hatte seine Oma schon in unser Familienbett gebracht. Mein Mann schlief ein, ich konnte nicht schlafen. Um kurz vor 11 rief ich die Hebamme an. Sie solle doch besser los fahren, auch auf die Gefahr hin, dass es noch dauert. Ich legte mich auf die Couch und machte eine Serie an.

Wenige Minuten später dieses schnalzende Geräusch. Bevor ich begriff, was passiert war, lief das Wasser schon. Die Fruchtblase war geplatzt. Frühzeitig. Wie bei der ersten Geburt. Ich weckte meinen Mann, er holte Handtücher und rief die Hebamme an, die nun schneller fuhr. Trotzdem würde sie über eine Stunde brauchen, das war klar. Wir weckten meine Mama, die sich zu unserem Großen legte.

Dann wechselten wird das Haus. Denn unser Mehr-Generationen-Haus ist ein Holzhaus und sehr hellhörig. Hier hätte ich keine Ruhe gehabt. Deshalb haben wir im Haus gegenüber, wo wir nach der Renovierung auch wohnen werden, ein „Gebärzimmer“ eingerichtet.

Neuer Wehensturm?

Bei der ersten Geburt hatte ich keine Pausen zwischen den Wehen und die Wehen waren überaus schmerzhaft. Ein sogenannter Wehensturm, der auch für das Baby gefährlich werden kann. Vermutlich ein Resultat des frühzeitigen Blasensprungs und der sehr hohen Menge an Fruchtwasser, die ich in jeder Schwangerschaft wieder hatte. Im oberen Normbereich sagen die Ärzte.

Natürlich hatte ich vorab Angst, dass das wieder passieren würde. Aber ich wusste, die Hebamme hatte Wehenhemmer, um mich im Zweifel zu behandeln und dann ins Krankenhaus zu überweisen. Nur war die Hebamme eben noch nicht da.

Und tatsächlich dauerte es keine 10 Minuten, bis aus den gemächlichen, nicht sonderlich schmerzhaften Wehen im 4-Minuten-Rhythmus sehr heftige, lange und häufige Wehen wurden. Binnen kürzester Zeit war ich an dem Punkt, an dem ich dachte, ich schaffe es nicht. Mein ganzer Körper zitterte vor Schmerzen und ich war schweißgebadet. Ja, es gab Pausen zwischen den Wehen, aber die waren nur etwa 30 Sekunden lang. Keine Zeit für Atemübungen, Hypnobirthing oder sonst irgendwelche Entspannungstechniken.

Ich stand über die Kommode gebeugt, meine Hände daran fest verkrampft.

Mein Mann neben mir.

Wieder hilflos.

Die Hebamme würde noch brauchen. Ich war sicher, sie würde mir nur die Spritze geben und dann würden wir ins Krankenhaus fahren. Denn so hätte ich es nicht einmal die Treppe hinunter geschafft. Ich musste also irgendwie durchhalten.

Die Schmerzen ertragen

Ich habe noch nie eine andere Geburt gesehen und jeder Schmerz ist individuell. Aber meine Nachsorge-Hebamme erklärte mir, dass es schon große Unterschiede in der Intensität der Schmerzen – nicht nur der Schmerzwahrnehmung – gibt.

Meine waren wohl übermäßig stark.

Trotzdem habe ich einen Weg gefunden, damit umzugehen, mit dem ich selbst nicht gerechnet hatte. Einen, zu dem ich mich im Krankenhaus sicherlich nicht getraut hätte. Aber ich war alleine mit dem Menschen, dem ich am meisten in der Welt vertraue.

Und aus irgendeinem Grund begann ich bei der nächsten Wehe einen lauten Ton zu machen. Eine Art von Summen. Tönen glaube ich nennt man das in der Geburtshilfe. Ich hatte irgendwo davon gelesen, das für mich aber nie in Betracht gezogen.

Aber nun tönte ich.

Zunächst ganz leise.

Aber als ich merkte, dass es etwas erleichternd war, immer lauter. Am Ende so laut, dass ich die Stimme meines Mannes nebenbei nicht verstanden hätte. Mit jeder Wehe wurde das Tönen lauter, denn auch die Wehen wurden intensiver. Ich spürte diesen Druck nach unten. Presswehen.

Ich schrie den Schmerz und den Druck in die Nacht hinaus.

Hielt durch.

Unterstützung durch die Hebamme

Endlich kam die Hebamme. Mitten in einer Wehe. Sie sah mich und statt der Spritze packte sie ein freudiges Strahlen aus. Sie könne sehen, wie toll mein Körper arbeite. Sie lobte das laute Gebrumm, das würde den Druck heraus nehmen und das Baby mit Sauerstoff versorgen.

Sie ließ uns die Herztöne hören und meinte, dem Kleinen gehe es bestens und die Position sei super. Und so blieb sie die nächste Stunde direkt neben mir. Legte manchmal ihre Hand auf meinen Rücken, lobte jede Wehe.

Meine nicht gestellte Frage nach dem Muttermund oder der Geburtsphase beantwortete sie mit „Ob der Muttermund schon ganz offen ist, ist nicht so wichtig“. Denn ich hatte deutliche Presswehen.

Ich wechselte auf die Matte. Mit dem Oberkörper auf den Pezziball gelehnt kniete ich nun auf dem Boden. Meine Hand drückte die meines Mannes. Neben mir die Hebamme.

In mir eine heftige Kontraktion nach der anderen. Allerdings bemerkte ich, wie mich die Ankunft und das Verhalten meiner Hebamme weiter beruhigt hatten. Die Pausen wurden geringfügig länger und die Intensität irgendwie machbarer.

Die Geburt

Im Gegensatz zur ersten Geburt bekam ich auch in dieser Phase ganz deutlich mit, was passierte. Ich konnte spüren, wie der Kopf sich durch den Geburtskanal schob. Wehe für Wehe ein Stückchen weiter. Ein merkwürdiges Gefühl, wie das Baby mitarbeitet. Den Kopf bewegt. Sich mit den Füßen innen abstößt. All das erlebte ich jetzt zum ersten Mal. Kein schönes Gefühl und äußerst schmerzhaft. Aber auf jeden Fall intensiv und irgendwie faszinierend.

Schließlich, noch lange, lange bevor ich mich am Ende meiner Kräfte fühlte, war er da.

Ich sah zwischen meinen Beinen hindurch und hatte das Gefühl, ihn sofort zu erkennen.

Mein erster Sohn wurde mir damals auf den Bauch gelegt und ich war irgendwie irritiert davon, wie er aussah. Diesmal erkannte ich mein Kind auf Anhieb. Er bewegte sich nicht und atmete auch ein paar Momente nicht. Aber ich wusste, es geht ihm gut. Ich hatte keine Angst.

Die Hebamme blies ihn einige Zeit an, bis er das erste Mal tief Luft holte. So lange lag er da, hinter mir und ich sah ihn nur an. Sobald er dann atmete und weinte, nahm ich ihn hoch, stand mit ihm auf und wir legten uns aufs Bett, er auf meiner Brust.

Endlich dieser Moment, wie ich ihn mir damals schon vorgestellt hatte. Erleichterung, dass es vorbei ist. Liebe.

Fürsorge.

Glück.

Keine Fragen. Die Zeit steht still.

Nachts um 1:45 Uhr.

Danach

Ich hatte schon zum Ende der Austreibungsphase hin bemerkt, dass meine Hebamme es plötzlich eilig hatte. Anfangs hatte sie noch oft gesagt, ich solle langsam machen. Doch am Ende forderte sie mich wiederholt zum mitpressen auf, obwohl mein Körper das eigentlich langsamer machen wollte. Auch die Plazenta wollte sie ungewöhnlich schnell aus meinem Körper haben. Dabei ist Eile normalerweise so gar nicht ihre Art. Ich stellte also keine Fragen sondern folgte ihren Anweisungen.

Im Nachhinein weiß ich, dass zu einem Zeitpunkt der Geburt Blut kam, an dem eigentlich keines kommen sollte, nämlich noch vor der Geburt des Köpfchens. Vermutlich von der letzten Blutung der Plazenta und rückblickend auf jeden Fall harmlos, aber in dem Moment weiß das natürlich niemand.

Erst, als die Plazenta gut geboren war, vollständig und ich nicht viel Blut verlor, wurde die Hebamme ruhiger. Sie setzte sich und besprach alles Formelle überwiegend mit meinem Mann.

Ich wartete, bis mein Baby anfing, nach der Brust zu suchen. Dann bat ich die Hebamme, ihn abzunabeln und legte ihn an. Wie sein großer Bruder trank er problemlos, wenn auch etwas vorsichtiger und zögerlicher.

Nach etwa zwei Stunden verließ uns die Hebamme und wir konnten schlafen.

Ja, tatsächlich war in dieser Nacht auch noch Zeit zu schlafen.

Der nächste Morgen

Wir blieben im anderen Haus und schliefen einige Stunden. Ich wachte auf und fühlte mich zufrieden. Die Vögel zwitscherten vor dem Fenster.

Es war ein sonniger Tag.

Es gab nichts auf der Welt außer uns für einige Momente. Mich und das Baby.

Dann wachte mein Mann ebenfalls auf und die Welt drehte sich weiter. Mit einem neuen, winzigen Mittelpunkt.

Einige Zeit später holte er den großen Bruder und meine Mama, die im Haus nebenan geschlafen hatten und natürlich seit frühmorgens warteten.

Mein Großer verhielt sich wirklich vorbildlich. So süß. Zunächst sah er ganz zögerlich das Baby an, dann streichelte er meinen Arm und mein Gesicht. Er verstand wohl genau, dass es sehr anstrengend für mich gewesen war. Über seinen Bruder sagte er nur: „Der sieht ja aus wie eine Puppe.“

Das häusliche Wochenbett

Der große Bruder

Am späten Nachmittag dann gingen wir zurück in unser gemeinsames Haus. Von nun an schlafen wir gemeinsam im Familienbett, wenn auch mit einer anderen Anordnung als vorher. Der große Bruder musste Platz machen für den Kleinen und schläft jetzt ganz am Rand, neben seinem Papa. Für ihn kein Problem. Das ist jetzt die „Große-Jungs-Matratze“.

Auch alle anderen Einbußen meiner Aufmerksamkeit akzeptiert er klaglos. Er sagt zwar, er vermisst mich, aber zu keinem Zeitpunkt projiziert er irgendwas auf seinen kleinen Bruder. Im Gegenteil, er ist immer sofort zur Stelle, wenn er weint, beschützt und streichelt ihn. Ich bin wirklich stolz auf meinen Sohn.

Wochenbett mit Wohlfühlfaktor

Ansonsten sind die ersten Tage vom Wochenbett zu Hause ganz anders als im Krankenhaus. Außer meiner Nachsorgehebamme – und die kommt nach vorheriger Absprache – stört uns niemand. Keiner hat Panik gemacht, weil der Kleine in den ersten 24 Stunden wenig an der Brust getrunken hat. Niemand schiebt ihn zu Untersuchungen weg oder braucht irgendwelche Messwerte von ihm.

Einen Arzt hat er zum ersten Mal bei der U2 nach 4 Tagen gesehen. Fazit: Kerngesund.

Weil der Kleine ein so tolles Timing hatte, war seine Oma die komplette erste Woche zu Hause und hat uns wirklich mit allem unterstützt, was man sich so wünschen kann. Sie kocht, wäscht und räumt auf – und hat vor allem viel Zeit für den großen Bruder. Er durfte sich gleich am Tag der Geburt ein Großer-Bruder-Geschenk aussuchen und einige Tage später waren sie im Freizeitpark. In den Kindergarten ging er in dieser Woche nicht. Stattdessen kam am Donnerstag auch noch sein Onkel zu Besuch und so jagte für ihn ein Highlight das nächste.

Ich brauche mir also um nichts Gedanken zu machen als den neuen Erdenbürger. Ich kann ihn und mich mit all der Kuschelzeit verwöhnen, die ein Wochenbett haben sollte. Nicht einmal der Schlafmangel setzt mir irgendwie zu, weil ich mich den ganzen Tag ausruhen kann.

Dabei habe ich das so viel weniger nötig als im ersten Wochenbett. Mir geht es nicht nur seelisch sehr gut, sondern auch körperlich. Meine Gebärmutter bildet sich einwandfrei zurück und mein Bauch ist schon wieder recht flach. Der Beckenboden wurde durch die fehlenden letzten Wochen und das kleinere Baby (35,5 cm Kopfumfang und 3300 g im Gegensatz zu 38 cm und 4450 g) viel weniger beansprucht. Ich kann nicht nur aufstehen und sitzen, sondern spüre sogar meinen Beckenboden. Nach der ersten Geburt war all das wochenlang undenkbar.

Meine Nachsorgehebamme ist regelrecht begeistert, wie gut hier alles läuft und ist sich sicher, dass das ein großer Vorteil des häuslichen Wochenbetts ist.

Mein Fazit der zweiten Geburt

Natürlich hatte ich die Hausgeburt auch in der Hoffnung geplant, ein schöneres und vor allem schmerzärmeres Erlebnis zu haben als beim ersten Mal. Ich hatte mir oft die Frage gestellt, ob der frühzeitige Blasensprung und der darauf folgende Wehensturm auch passiert wären, wenn wir nicht mit Geburtswehen 20 Minuten ins Krankenhaus gefahren und dort etwas unfreundlich empfangen worden wären. Ich hatte mich gefragt, ob ich ohne medikamentöse Intervention mein Kind besser hätte zur Welt bringen können.

Durch die Geburt meines zweiten Sohnes habe ich die Antwort: Jein. Beim ersten Mal und angesichts der Größe meines ersten Kindes wahrscheinlich nicht. Mein Körper, meine Gebärmutter, meine Fruchtblase, das alles ist eben, wie es ist. Auch zu Hause ist die Fruchtblase frühzeitig geplatzt und die Wehen wurden übermäßig stark angeregt.

Aber.

Ich bin fähig aus eigener Kraft und ohne Medikamente ein Kind zu gebären. Nicht schmerzarm oder langsam, nicht als „schönes“ Erlebnis, aber ich kann es.

Vielleicht auch, weil der Kleine sich einige Wochen früher als erwartet auf den Weg gemacht hat. Aber sicherlich auch, weil ich diesmal alleine war mit meinem Mann. Weil ich vorbereitet war auf diese Art von Wehen. So fand ich einen Weg, damit umzugehen und sie nicht wieder zum Wehensturm werden zu lassen.

Diese Erfahrung, wenn auch ganz anders und weniger schön als erhofft, war heilsam für mich. Ich bin nicht sicher, ob ich sie so jemals ein zweites Mal erleben wollen würde, aber sie ist gut, wie sie war.


Geburtsbericht auf Pinterest merken: 



Alle Kommentare (1)

    Herzlichen Glückwunsch zur Geburt!
    Ich freue mich sehr für Dich, dass die zweite Geburr ein bisschen die erste geheilt hat!
    Mir ging es genauso, auch wenn es bei mir keine Hausgeburt war, aber dennoch eine nur Hebammen begleitete. Im Kopf habe ich mir eine Hausgeburt gewünscht, hatte aber nicht den Mut und die Unterstützung dafür.
    Und Du beschreibst auch genau, warum diese Geburt so anders war, als die erste: Das Vertrauen in sich selbst und das Kind (was ja perfekt gewusst hat, wann und wie es gebiren werden will), das Hören auf den eigenen Körper ( (was nur möglich ist ohne Interventionen unter der Geburt. Das muss keine PDA sein, es reichen schon fremde Personen, die die sichere Atmosphäre stören.), die 1 zu 1 Betreuung unter der Geburt mit einer Hebamme, die einem das zutraut, die einfach da ist und zu welcher man Vertrauen hat und letztendlich auch eine sichere vertraute Umgebung. So sollte Geburtshilfe eigentlich aussehen. Eigentlich ganz einfach, ohne Kreißbett, piepsende Apparate und gelegte Zugänge.
    Ich wünsche Dir und Deiner Familie ein schönes und intensives Wochenbett. LG

Sag uns, was Du dazu denkst

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.