Du bist willkommen, mein Sonnenschein!


Bei unserem ersten Kind haben wir etwa in der 11. Schwangerschaftswoche ein Ersttrimester-Screening durchführen lassen. Die Nackenfalte war unauffällig und erst im Nachhinein wurde mir richtig bewusst, was diese Untersuchung eigentlich bedeutet. Dieses Mal haben wir uns daher bewusst anders entschieden.

Unsere erste Vorsorgeuntersuchung in SSW 14

Warum wir keine Nackenfaltenuntersuchung wollten

Mein Mann und ich sitzen beim Gynäkologen im Bangkok Hospital Pattaya. Wie bei den meisten Thais, die Englisch sprechen, fällt es uns schwer, alles zu verstehen, was er sagt. Schnell ist klar, es geht auch um ein Screening bezüglich Trisomie 21. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich in meinem Alter ein Kind mit Down-Syndrom erwarte, liegt bei 1:600 – das ist schon ziemlich hoch. Mein Mann und ich haben im Vorfeld nicht wirklich darüber gesprochen. Trotzdem sind wir uns, ohne uns auch nur einmal fragend anzusehen, einig: Das wollen wir nicht. Der Arzt fragt nach. Vermutet wahrscheinlich ein Kommunikationsproblem. Wollen wir wirklich nicht wissen, ob unser Baby das Down-Syndrom hat? Nein, wir wollen es nicht. Beim dritten Mal glaubt er uns. Sicherheitshalber fragt er dann aber nach dem Ultraschall noch einmal. Wir wollen es immer noch nicht.

Als wir allein im Untersuchungszimmer sind, sprechen wir zum ersten Mal über diese Möglichkeit. Ein „behindertes“ Kind zu bekommen. Ich will ihm erklären, dass ich ihn nie gefragt habe, weil es für mich nichts zu entscheiden gibt. Er erwidert, dass ich nichts erklären muss. Wir haben uns für dieses Kind entschieden, ohne Ansprüche oder Erwartungen. Es wird Teil unserer Familie sein. So, wie es ist, werden wir es annehmen. Beim nächsten Satz muss ich schmunzeln: „Und wenn es ein Hund wäre, dann wäre der eben Teil unserer Familie.“

Für mich ist die Sache ähnlich einfach, auch wenn aus einem anderen Gedankengang heraus. In der Grundschule hatte ich einen Freund, dessen Bruder das Down-Syndrom hatte. Seine Eltern hatten das behinderte Kind adoptiert, was ich im Nachhinein wirklich bewundernswert finde. In meinem früheren Job hatte ich immer mal wieder in einer Behindertenwerkstatt zu tun. Und nicht zuletzt gibt es ganz tolle Blogs die über das Leben mit Trisomie-21 Kindern schreiben. Ich weiß also, dass diese Kinder ganz wundervoll sind. Wenn sie erst einmal Teil der Familie sind, will sie niemand mehr missen. Wie jedes Kind eben. Menschen mit Down-Syndrom sind meiner Erfahrung nach unglaublich fröhlich und liebevoll. Sehr ehrlich und treu. Mit einem behinderten Kind kann man also gut leben.

Womit ich persönlich nicht leben könnte, wäre eine Abtreibung. Denn das müsste ich. Für den Rest meines Lebens. Jedes Mal, wenn ich in den Spiegel sehe. Jedes Mal, wenn ich ein Kind im entsprechenden Alter sehe. Jedes Mal, wenn ich das „Down-Syndrom“ oder „Behinderung“ lese.

Ich habe mir dieses Baby in meinem Bauch gewünscht und es wird in eine Familie geboren, die gut mit allen Situationen umgehen kann. Wir haben uns und wir haben Unterstützung durch unsere Familien. Es gäbe also keinen plausiblen Grund, warum ich einem kleinen Menschen – meinem kleinen Menschen – der in meinen Augen ein lebenswertes Leben führen würde, genau dieses vorenthalten sollte.

Das würde mich über kurz oder lang kaputt machen.

Ein Kind mit Down-Syndrom würde mich sicherlich nicht kaputt machen.

Keine Nackenfaltenmessung ohne Konsequenzen

Nun, haben einige zu Recht eingeworfen, vielleicht wollen viele Mütter das Baby gar nicht abtreiben bein einem positiven Befund bezüglich Trisomie 21. Vielleicht wollen wie nur wissen, was auf sie zukommt. Das kann ich gut verstehen, wobei die Realität anders aussieht. Über 95% der Babys mit Down-Syndrom werden in Deutschland abgetrieben. Hinzu kommt, dass bei einer auffälligen Nackenfalte weitere Untersuchungen auf die werdende Mutter zukommen. Eine definitive Diagnose gibt es nach wie vor nur mit einer Fruchtwasserpunktion. Diese birgt ein Risiko von 1-2%, das Baby zu verlieren. Ein Risiko, das ich persönlich nicht eingehen würde – und niemals eingehen würde, ohne dass ich das Kind in letzter Konsequenz auch abtreiben würde.

Ich selbst würde es auch nicht wissen wollen, um mich „darauf einzustellen“. Denn das würde mich während der gesamten Schwangerschaft beunruhigen. Verunsichern. Ich würde mich fragen, wie es sein wird. Ob ich damit umgehen kann. Wie ich damit umgehe. Wenn ich mein Baby dagegen im Arm halte – egal ob mit Chromosomenaberration oder nicht – dann wird alles gut sein, das weiß ich. Dann werde ich für mein Baby sorgen, es wärmen, nähren und lieben. So, wie es ist.

Der Ultraschall

Zurück zur Untersuchung. Der Arzt lässt also die Nackenfalte außen vor. Natürlich ist sie auf dem Ultraschall zu sehen, aber für uns ist es nicht möglich, zu sagen ob sie zu dick ist oder nicht.

Stattdessen ist der Moment für mich einfach magisch. Der Arzt setzt das Gerät auf das Gel und sofort ist er auf dem Bildschirm zu sehen, mein kleiner Sonnenschein. Mein Herz springt vor Freude und mir schießen Tränen des Glücks in die Augen.  Da ist er. Und zwar so detailliert, wie ich es in Deutschland noch nicht erlebt habe. Jeder Wirbel, jede kleine Hand sind gut zu erkennen.

Wir holen meine Eltern dazu. Er ist so lebendig, so aktiv. Für mehrere Minuten bewegt er sich ununterbrochen und wir können das alle vier live mit ansehen. Den Rubbelbatz haben wir diesmal mit seinem Onkel zu Hause gelassen und so können wir den Augenblick ohne Unterbrechung genießen. Auf und ab geht es, dann fängt er wie wild mit seinen kleinen Händchen an zu fuchteln und zu rudern. Schließlich hat er sich komplett gedreht.

Spätestens nach dieser Erfahrung könnte ich den kleinen Menschen ohnehin nicht mehr hergeben. Es ist so niedlich. Jeder Moment der Übelkeit, jede Beschwerlichkeit der letzten Wochen ist nichts im Vergleich zu diesem Wunder.

Der Arzt zeigt und von oben nach unten alles, was da sein soll: Gehirn, Herz, Rumpf, Arme, Beine, Füße. Es ist alles da und für ihn scheint es keinen Grund zur Sorge zu geben.

Weiter als gedacht

Zurück im Besprechungszimmer erklärt uns der Arzt, dass das Baby zu groß ist für die 13. Schwangerschaftswoche. Denn laut Berechnung, die auf dem ersten Tag der letzten Regelblutung basiert, wäre ich bei 12+3. So früh in der Schwangerschaft lässt sich die Schwangerschaftswoche noch gut an der Länge des Babys ablesen, denn in dieser Zeit wachsen wohl alle Babys noch gleich schnell. Also bin ich ab sofort bei 13+4 – in der 14. Schwangerschaftswoche.

Danach gebe ich noch Urin und Blut ab, die Ergebnisse werden mir per E-Mail zugeschickt. Kostenpunkt für diese Komplettuntersuchung in einem thailändischen Krankenhaus: 8000 baht (215 €). Das bekommen wir von unserer Auslands-Krankenversicherung nicht wieder. Für mich trotzdem jeden Cent wert.


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Alle Kommentare (2)

    Ich wünsche mir ganz ganz viele Meschen, werdende Mütter die so denken wie du.
    Ich schreibe jeden Tag gegen diese 90-95% an und es ist ein Kampf den ich als kleine Bloggerin nicht alleine gewinnen kann.
    Doch jedes Kind das ich rette ist meine Kampf wert und unser Leben öffentlich zu leben.

    Ich habe mich bei meinen beiden Kindern genauso entschieden wie du. Sobald ich von der Existenz des Kindes wusste, wollte ich es sowieso nicht mehr hergeben, das war mir und meinem Mann sofort klar. Eine Schwangerschaft lang darüber nachzugrübeln, wie das Leben mit einem behinderten Kind werden würde, kam für mich auch nicht in Frage, also hätte ich die Untersuchung auch nicht für die bloße Feststellung der Trisomie einsetzen wollen. Es kommt doch mit Kindern eh immer alles anders als man denkt.
    Ich kann Eltern verstehen, die es sich nicht zutrauen ein behindertes Kind großzuziehen. Ich muss trotzdem ganz ehrlich sagen, dass ich dieses Fahnden nach Behinderungen bedenklich finde. Eine Zahl, die in meinem Kopf herumgeistert sagt, dass die Mehrzahl der Behinderungen sowieso erst durch Unfälle oder Krankheiten nach der Geburt entstehen. Wenn man es sich so gar nicht vorstellen kann, sein Leben lang für jemanden zu sorgen, der eine Behinderung hat, kann es dann sein, dass man vielleicht auch ohne Kind glücklich werden kann?
    Ich finde auch, dass diese Untersuchungen der gesellschaftlichen Akzeptanz und der Entwicklung hin zu mehr Inklusion und Unterstützung für Eltern mit behinderten Kindern im Weg stehen. Wir könnten doch so viel mehr, als Gesellschaft. Aber das wird sich nie entwickeln, wenn wir schon so früh sortieren, vermute ich.
    Ich erinnere mich selbst immer an fanatische Abtreibungsgegner/ den Papst/ andere sehr religiöse Menschen /etc. wenn ich diese Meinung äußere, obwohl ich keinem dieser Lager angehöre… Tatsächlich finde ich eine generelle Entscheidung für einen Schwangerschaftsabbruch muss jeder Frau zustehen, aber dieses Aussortieren eben nicht.

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