Von Schule, Temperament und Lernprozessen

Mein Großer ist jetzt ein Schulkind. Schon seit 2,5 Monaten. Ein Montessori-Schulkind. Gestern hatten wir das erste mal ein Elterngespräch mit seiner Lehrerin. Fazit: Nach 6 Jahren mit einem hochaktiv-gefühlsstarken, liebevoll-lauten, willensstark-aufbrausenden, wundervoll-sturen Kind können wir uns zwischendurch einfach mal auf die Schulter klopfen. Und: Die Entscheidung für die Montessorischule war goldrichtig.

Sozial, friedvoll und nicht nachtragend

Das Elterngespräch, das übrigens per Zoom stattfand, ging runter wie Öl. Unser Kind sei in der Schule ein sehr liebenswertes Kind, der im Vergleich zu Gleichaltrigen wahnsinnig viel Gelassenheit, Ruhe und Zufriedenheit ausstrahlt und innerlich im Gleichgewicht zu sein scheint. Er könne sehr bestimmt aber auch diplomatisch äußern, wenn ihm etwas ungerecht vorkommt oder nicht passt. Auf eine Weise, dass man sich auch als Erwachsener denkt “Ja, stimmt…”. Er duldet also nicht, wenn er falsch behandelt wird, bleibt aber gleichzeitig immer friedlich und ist nicht nachtragend.

Zum Beispiel sei er als einziger mit einem etwas schwierigeren Kind in der Klasse befreundet. Wenn der es übertreibt, ist er in klassischer 6-jährigen-Manier “nicht mehr sein Freund”. Am nächsten Tag aber hat das Kind wieder eine neue Chance, der alte Ärger ist vergessen. Verziehen.

So ging die Beschreibung unseres Sohnes. Mein Mann konnte sich ein ironisches “B. ist unser Kind, B.! Bist du sicher, dass da nicht noch einer mit dem Namen ist?” nicht verkneifen. Denn wir kennen da häufig ein ganz anderes Kind. Zuhause.

Anstrengende Tage

Denn hier haben wir nach wie vor Phasen, in denen unser Kind enorm anstrengend ist. Temperamentvoll. Empfindlich. Laut. Störrisch. Unkooperativ. Alles andere als friedfertig. Phasen, in denen es uns viel abverlangt, nicht genauso zu eskalieren, sondern einigermaßen ruhig und konstruktiv zu bleiben. Doch im Vergleich zu vor einigen Jahren kann ich die Sache (meistens) immer gelassener sehen.

Denn zum Glück kommen zwischen den anstrengenden Tagen mittlerweile mehr und mehr gute. Tage, an denen ich den kleinen Menschen kaum zu Gesicht bekomme, weil er bei Freunden, bei den Großeltern oder einfach beschäftigt mit irgendwas zuhause ist. Tage, an denen er fürsorglich und lieb mit seinem 4 Jahre jüngeren Bruder spielt. Tage, an denen er mithilft und wir ein Team sind.

Wir verbringen auch wirklich schöne und entspannte Zeiten, in denen er zuhört, erzählt und innerlich strahlt. So, wie seine Lehrerin es beschreibt. Dann weiß ich wieder, dass sich die Geduld an den anderen Tagen gelohnt hat. Und dass nichts falsch läuft.

Dem Kind vertrauen

Denn früher, als ich noch mehr über das Verhalten meines Großen hier geschrieben habe, musste ich mir oft merkwürdige Kommentare anhören. Darüber, dass ich mein Kind schlecht erziehen würde. Dass meine Ansicht über Kindererziehung reine Faulheit wäre. Und so weiter. Ob man will oder nicht, solche Kommentare sitzen. Zweifel kommen auf, hin und wieder. Zum Glück nur leise. Und selten.

Ob da was dran ist, frage ich mich nicht mehr eine Sekunde, seit der mittlerweile 2-jährige Sonnenschein da ist, der kleine Bruder. Er zeigt mir jeden Tag, dass es auch ganz anders sein kann. Dass nicht alle Kinder so viel brauchen und dass es allem voran nicht “meine Schuld” ist. Seitdem weiß ich umso sicherer, dass der Große einfach viel Begleitung, Zuwendung und Geduld braucht. Dass nichts davon mit mir zu tun hat oder damit, ob ich zu wenig Regeln aufstelle, ihn zu wenig ausschimpfe oder ob wir zuhause selten Strafen verhängen. Genauso, wie der Kleine ohne viel Zutun sehr umgänglich und “erzogen” ist, hat der Große eben einen wilderen, aktiveren und anspruchsvolleren Charakter. Und das ist gut so. Denn er hat uns dadurch viel gezeigt, gelernt und gegeben. Ich habe gelernt, meinem Kind zu vertrauen. Nicht anderen Menschen mit oberflächlichen Urteilen über meinen Erziehungsstil.

Nur wer sich richtig fühlt, kann sich richtig benehmen

Denn was ich da ganz klar heraus gehört und auch von der Lehrerin in anderen Worten bestätigt bekommen habe: Mein Kind kann in der Schule ein so wundervolles Kind sein, weil er zuhause uns hat. Weil es uns über die Jahre gelungen ist, ihn in all seinen Bedürfnissen, in all seinem Viel-Sein, seiner Wut, seiner starken Aktivität, seiner Lautstärke und seiner Schlaflosigkeit zu begleiten – ohne ihn zu sehr zu biegen. Ich bin mir sicher, mit genug Druck und “Erziehung” wäre aus diesem Kind kein innerlich strahlender, selbstzufriedener kleiner Mensch geworden. Sondern ein wütendes, suchendes und unsicheres Schulkind. Ein Kind, das sich falsch fühlt und darum Falsches tut. Ein Kind, das Aufmerksamkeit braucht, die es zuhause nicht bekommt. Ein Kind, das viele unerfüllte Bedürfnisse hat und seine Grenzen nicht kennt.

Stattdessen ist genau das passiert, was ich mir für ihn wünsche: Er kann kontrollieren und entscheiden, welche Verhaltensweisen in welcher Situation angemessen sind. Er findet sich in unserem System, in einem sozialen Umfeld zurecht. Und zwar mühelos. Denn Freunde (auch ältere Schüler) hat er seit seinem zweiten Schultag. Niemand findet ihn zu laut, zu anspruchsvoll oder zu viel. Den Jungen, den wir zuhause manchmal haben, kennt seine Lehrerin nicht. Sie war von unserer Beschreibung sichtlich überrascht.

Ob dieser Weg ein anstrengender war? Ob er mit Zweifeln und Fehlschlägen verbunden war? Ja, verdammt, das war er!

Ob ich den Weg wieder gehen würde, für uns mit meinem Kind? Ja, verdammt, natürlich!

Und ich würde es jedem von euch genau so empfehlen. Versucht, euer Kind nicht klein zu machen. Nicht zu einem gesellschaftskonformen, leisen Mitbürger zu erziehen. Stärkt es lieber darin, wer es ist und wer es sein kann. Seid ein gutes Vorbild und habt Geduld. Dann wird am Ende alles gut.

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