Warum ich die Trotzphase mag


Manchmal mache ich mir Sorgen um meinen 3-jährigen. Neulich zum Beispiel, als wir versuchten, ihm nachts eine Windel anzuziehen. Weil er sich offensichtlich gerade in einem Entwicklungsschub befand, klappte das mit dem nachts trocken sein nicht mehr zu 100%. Und weil ich das Handtuch im Bett als Unterlage mäßig gemütlich finde, besorgte ich eine Stoffwindel. Eine mit Baufahrzeugen drauf. In blau. Wir nannten sie Unterhose für große Kinder. Er erkannte wohl trotzdem, dass es eine Windel ist und wollte sie nicht anziehen. Ich überredete ihn dazu. Aber ich konnte deutlich sehen, dass er sich innerlich gegen die Hose sträubte. Aber weil er die versprochene extra Gute-Nacht-Geschichte von Mama unbedingt wollte, behielt er sie an und unterdrückte seinen Drang, zu weinen. Auch nach der Geschichte riss er sich die Windel nicht herunter – es war ja vereinbart, dass er sie anlässt.

Das könnte man jetzt gute Erziehung nennen und zufrieden sein.

Mir gab es wirklich zu denken. Warum wehrte er sich nicht vehementer dagegen? Er konnte doch so niemals einschlafen! Er war ja total aufgewühlt!

Erst einige Minuten später, nachdem ich den Raum verlassen hatte, ging er mit seinem Papa nochmal zur Toilette und weigerte sich danach lautstark, die “blaue Unterhose” wieder anzuziehen. Sie gefalle ihm nicht. Er weinte und strampelte und wehrte sich. Sein Papa hatte wirklich eine harte Zeit. Musste schließlich aufgeben. “Puh”, dachte ich, “ist also doch alles in Ordnung mit dem Jungen.”

Das ist die Trotzphase wirklich

Trotz ist nicht negativ oder böswillig

Denn so anstrengend so ein Kind in der sogenannten Trotzphase auch sein mag, so sehr mag ich doch gleichzeitig diesen willensstarken, klugen kleinen Jungen, zu dem sich mein Sohn allmählich entwickelt. Ich bin stolz auf ihn, dass er für seine Bedürfnisse kämpft und sich nichts aufzwingen lässt.

Für mich hat die Trotzphase, zumindest in unserem Fall, wenig mit böswilligem Verhalten zu tun. “Trotz” ist ja auch nicht per se negativ. Wikipedia definiert Trotz folgendermaßen:

Trotz ist ein Verhalten des Widerstands, welches sich in hartnäckigem, oft auch von heftigen Gefühlsausbrüchen begleitetem Beharren auf einer Meinung oder einem Recht äußert.

Unser Kind ist nie einfach aus Prinzip und bösem Willen dagegen und unkooperativ. Im Gegenteil, es ist viel einfacher als früher, Regeln aufzustellen und mit ihm gemeinsam durchzuführen. Nur wehrt er sich viel vehementer dagegen, wenn nach seinem Gefühl etwas ungerechtes passiert. UND DAS IST SO TOLL!

Trotz ist so eine wichtige Eigenschaft!

Genau das ist es eine der Eigenschaften, die ich mir für meinen Sohn wünsche: Trotz!

Für seine Rechte und Interessen einstehen zu können, sich wehren, wenn etwas nicht richtig läuft. Aktuell, und das ist es, was für mich “Trotzphase” bedeutet, ist er dabei, seine eigenen Interessen abzuwiegen gegen die Interessen und Grenzen anderer Menschen.

Die Bedürfnisse anderer mit einbeziehen

Und ich kann zusehen, wie er dabei jeden Tag einen Schritt weiter geht. Am Anfang seines Lebens gab es nur ihn und seine Bedürfnisse. Mittlerweile weiß er, dass auch andere Menschen Gefühle und Grenzen haben. Er ist drei Jahre alt, natürlich stellt er seine eigenen noch häufig ganz vorne an und versteht, je nach Dringlichkeit seines Wunsches, nur schwer, warum es nicht geht.

Aber genau das ist der Weg, auf dem wir ihn begleiten: Langsam die Prinzipien und Möglichkeiten des sozialen Umgangs verstehen und doch nicht immer einfach nachgeben.

Hört die Trotzphase jemals auf?

Und auch wir sind immer noch auf demselben Weg, wenn wir mal ganz ehrlich zu uns selbst sind. Auch Eltern trotzen noch manchmal. Denn am Ende des Tages sind wir auch nur Menschen und für jeden Menschen steht das eigene Leben erst einmal im Vordergrund. Nur unsere eigenen Bedürfnisse und Wünsche können wir unmittelbar, ohne Nachdenken oder Nachfragen, ohne Empathie oder Kennen unseres Gegenübers, wahrnehmen.

Allein haben wir Erwachsenen schon mehr Strategien entwickelt, abzuwägen, ob unsere Wünsche der Situation angemessen und durchführbar sind. Ob ein Trotzen sozial verträglich ist oder uns dumm dastehen lässt.

Wir haben nun mal 30 Jahre Erfahrungsvorsprung. Haben schon viel häufiger die Konsequenzen kennengelernt, wenn wir auf Kosten anderer etwas durchsetzen. Und die Vorteile genossen, wenn wir Kompromisse schließen. Oder anderen den Vorzug geben.

Warum die Trotzphase für mich so schön ist

Es ist manchmal schwierig mit einem Kind in der “Trotzphase”, keine Frage. Erst kürzlich sprach ich mit der Mutter eines gleichaltrigen Jungen über das Thema und so meinte erstaunt: “Warum lächelst du so entspannt, wenn Du darüber sprichst? Mich treibt das Verhalten meines Kindes in den Wahnsinn!”

Der Grund ist ganz einfach. Für mich ist es trotz jeder Diskussion und jedes Wutanfalls so viel einfacher als in der Babyzeit, in der er scheinbar kopflos durch die Welt steuerte und sich nichts sagen ließ. Als dieser kleine Mensch zur Welt kam, verbrachte ich Tag und Nacht damit, ihn einigermaßen zufriedenzustellen. Sechs Monate lang trug oder stillte ich ihn. Hielt 24 Stunden Hautkontakt, auch im Schlaf. Ich hatte keine zwei Minuten für mich. Danach krabbelte er los, kurz danach lief er. Nun verbrachte ich die nächsten 2 Jahre damit, ihm hinterherzulaufen. Dafür zu sorgen, dass er sich nicht umbringt, dass er niemand anderen umbringt, dass er niemandem auf den Geist geht. An Kompromisse, an Regeln, an Diskussionen war nicht zu denken. Er verstand sie einfach nicht.

Ich war oft wütend und frustriert. Gleichzeitig wusste ich, dass er nichts dafür kann. Dass er es einfach nicht besser weiß. Dass er zu klein ist, um allein zu bleiben.

Und jetzt, endlich! Er versteht Regeln, wir können Kompromisse machen, ich kann begründen, warum er etwas nicht darf. Wenn ich wütend auf ihn bin, dann meist zu Recht! Denn dann hat er bewusst etwas gegen meinen Willen, trotz einer gegenteiligen Vereinbarung getan. Dann streiten wir, vertragen uns und alles ist gut.

Meine Reaktion auf den kindlichen Trotzkopf

Aber wie gehe ich nun konkret um mit dem Trotz? In meinen Augen können Eltern irgendwo zwischen zwei Extremen auf den immer stärker aufkeimenden eigenen Willen, den Trotz, der Kleinkinder reagieren:

  1. Dem Kind “zeigen, wo der Hammer hängt”. Auf die gute, alte hierarchische Art und Weise erziehen, in der die Kinder zu tun haben, was die Eltern sagen. Das macht das Leben für eine Weile ziemlich laut, danach eine Weile angenehm ruhig und angepasst. In meinen Augen jedoch ein Weg, der mein Kind irgendwann einholt, sei es in der Pubertät oder noch später im Leben.
  2. Begleiten. Diskutieren. Besprechen. Regeln festlegen. Regeln wieder ändern. Die Bedürfnisse des Kindes sehen. Die eigene Meinung auch mal anpassen. Die anstrengende Version in meinen Augen. Jedoch ist das Ergebnis dafür umso schöner. Ich weiß, dass mein Kind nicht aus Angst vor Strafe das tut, was ich will, sondern weil es versteht, warum es besser ist.

Rechte einfordern – sich schützen

Ein großer Schaden, der beim ersten Weg der strengen Reglementierung in der Trotzphase droht, ist, den Willen des Kindes zu brechen. So zumindest meine psychologische Leien-Meinung. Ich möchte mein Kind nicht daran gewöhnen, seine Wut zu schlucken und sich nicht zu wehren. Weil es ja zu keinem Erfolg führt oder weil schlimme Konsequenzen folgen.

Wenn mein Sohn also stillliegt und ich zusehen kann, wie er seinen Widerwillen gegen die Windel unterdrückt, wenn er sich nicht wehrt, dann bekomme ich es genau aus diesem Grund mit der Angst zu tun. Warum wehrt er sich nicht? Er hat doch aus seiner Perspektive völlig Recht, keine Baby-Windel anziehen zu wollen, immerhin ist er seit einem Jahr trocken. Habe ich ihm das beigebracht, sich zu etwas zwingen zu lassen?

Wie wird ein solches Kind, das sich wenig zur Wehr setzen durfte, reagieren, wenn ihm andere Personen unrecht antun? Wenn etwas gegen seinen Willen geschieht? Ich will, dass mein Sohn dann so laut schreit, wie er kann. Dass er sich körperlich wehrt gegen körperliche Angriffe. Dass er weiß, dass er seinem Gefühl vertrauen darf, wenn er sich unwohl fühlt. Dafür nehme ich viele unangenehme Situationen und Diskussionen in den nächsten Jahren gern in Kauf!


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Alle Kommentare (2)

    Eine ehrlich gemeinte Frage, keine Kritik: meinst Du denn, er hat den Sinn hinter der Unterhose verstanden und sie deshalb angezogen? Du hast oben geschrieben, er wollte so gern die extra versprochene Gute-Nacht Geschichte. Sind das nicht irgendwie zwei verschiedene Sachen? Also, das Fage ich mich halt oft. Wenn ich ihm irgendwas verspreche, bzw gebe zum Ablenken, ‚lege ich ihn dann nicht auch still‘?

    Hallo Christina,

    ich denke nicht, dass er den Sinn wirklich verstanden hat. Denn nachts, als das das Unglück passierte, schlief er so tief, dass er sich am nächsten Morgen nicht erinnerte und wir wollten das Thema natürlich auch nicht aufbauschen. Das heißt die Windel hat sich für ihn wahrscheinlich einfach nur ungerecht angefühlt. Immerhin ist er kein Baby mehr und sagt bewusst immer, wenn er mal muss. Deshalb fand ich es absolut gerechtfertigt, dass er sich dagegen zur Wehr setzt (auch wenn es für mich natürlich am einfachsten gewesen wäre, er hätte sie angelassen). Dass er seinen Widerwillen so stark unterdrücken kann, das hat mir Angst gemacht. Mein Verhalten war in dieser Situation, objektiv und im Nachhinein betrachtet falsch. Genau gegen sowas will ich, dass er sich zur Wehr setzt. Lautstark und mit Wutanfällen, wenn nötig.

    Ja, wenn ich mein Kind ablenke, Strafe androhe, ihm etwas verpreche etc. Dann empfinde ich das auch als “stillegen”. Genauso, wie wenn ich einfach nachgebe, nur damit er nicht ausflippt. Ich mache das manchmal, nämlich dann, wenn die Situation für mich sonst sehr unangenehm wäre. Also vor allem in der Öffentlichkeit oder wenn ich mit den Krafreserven am Ende bin. Ansonsten lasse ich ihn so oft wie möglich Erfahrungen sammeln mit der Wut. Vorgestern hat sein Papa eine Mandarine mit dem Messer geschält (MIT DEM MESSER!) statt mit der Hand und er hat sich wirklich lange gewunden vor Wut und Weinen. Irgendwann habe ich ihn gefragt, ob es etwas gäbe, was es besser macht. Antwort: Nein. Also fragte ich, ob es reiche, wenn ich einfach bei ihm bleibe. Antwort: Ja. Und ich glaube, genauso ist es. Einfach da sein und die Wut aushalten, das reicht. Je öfter wir das können, umso besser.

    Liebe Grüße,
    Hanna

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