Erdbeben auf Bali: Solche Angst hatte ich noch nie


Ich habe noch nie in meinem Leben ein Erdbeben erlebt und mir ehrlich gesagt nicht so viele Gedanken gemacht, wie sich das eigentlich anfühlt. Ja, natürlich, Indonesien liegt auf dem Pazifischen Feuerring, der geologisch aktivsten Zone der Erde. Und ja, natürlich gibt es hier Vulkane und Erdbeben. Trotzdem bin ich kein Mensch, der ständig mit allen Gefahren im Hinterkopf durch’s Leben geht. Dementsprechend kalt hat es mich vor zwei Tagen erwischt, als plötzlich die Erde bebte.

5. August, 19:44 Uhr

Unser Sohn hatte heute ausnahmsweise keinen Mittagsschlaf gemacht und war deshalb gerade neben mir eingeschlafen. Verhältnismäßig früh. Ich wartete noch kurz, um sicher zu gehen. Plötzlich spürte ich etwas. Hörte ein rhythmisches Geräusch. Ich konnte das alles nicht zuordnen im Halb-Dunkeln, sprang auf und lief zur Schlafzimmertür, die durch einen Holzriegel geschlossen war. Der Riegel schwankte auf und ab. Ich öffnete ihn, mein Mann stand auf der anderen Seite und sah mich mit großen Augen an.

Plötzlich begriff ich. Ein Erdbeben!

Was wusste ich über Erdbeben? Der Türrahmen war angeblich der sicherste Ort. Ich stand im Türrahmen. Aber mein Sohn? Lag da ungeschützt im Bett. War so müde. Gerade eingeschlafen. Sollte ich ihn in den Türrahmen tragen? Ich überlegte nicht länger. Ging eilig zurück zum Bett und legte mich über ihn. Schützend. Ihm sollte nichts passieren. Dann lieber mir. Ich legte zusätzlich Kissen über mich und ihn.

Die Erde bebte weiter. Alles wackelte. Ich wusste nicht, dass ein Haus so sehr schwanken kann, ohne einzustürzen. Würde es einstürzen? Ich bekam Panik. Wann würde es aufhören? Würde es noch stärker werden? Waren wir sicher? Würde das Haus einstürzen? Das Dach? Oder würden uns nur ein paar Ziegel treffen? Würde mein Sohn überleben? Ich überleben? Ich atmete schnell. Lag über ihm. Schützend. Ihm sollte nichts passieren. Dann lieber mir. Atmete schnell. Mein Mann stand immer noch im Wohnzimmer. Warum kam er nicht zu uns? Hauptsache meinem Sohn passiert nichts. Ihm soltle nichts passieren. Dann lieber mir. Atmete schnell.

Noch nie hatte ich solche Angst gehabt

Dann wurde es endlich leichter. Angeblich waren das keine zwei Minuten. Für mich könnte es alles zwischen zehn Sekunden und einer Stunde gewesen sein. Mein Mann kam nun zu uns. Ich blieb über meinem Sohn. Schützend. Wer wusste, ob es schon vorbei war. Einige weitere Minuten brachte ich so zu. War es vorbei? Anscheinend war es vorbei. Mein Atem wurde langsamer. Ich zitterte.


Noch nie im Leben hatte ich solche Angst gehabt. Zumindest nicht, soweit ich mich erinnere. Ein Erdbeben ist eine Naturgewalt, die man sich nicht vorstellen kann, bis man sie selbst erlebt hat. Man kann nirgends hin, es ist überall. Auf der Nachbarinsel Lombok sind durch diese Naturgewalt viele Menschen ums Leben gekommen. Und das, obwohl sie auf solche Ereignisse vorbereitet sind. Obwohl die meisten wissen, wie man richtig reagiert. Dass etwas ähnliches auch auf hier auf Bali passieren könnte, ist schon enorm beängstigend.

Die Angst sitzt tief

Heute, zwei Tage später, spüren wir immer noch Nachbeben. Das letzte größere gestern Abend. Der Kleine und ich haben schon geschlafen, aber mein Mann saß wieder vor vibrierenden Fensterscheiben. Hatte Sorge um seine Familie. Diesmal war es nur etwa halb so stark wie den Abend vorher.

Häuser hier auf Bali sind nicht wie bei uns. Der Wind zieht überall durch, die Fenster sind locker. Manchmal vibrieren sie also, weil ein Zug entsteht. Man hört Geräusche von draußen, weil das Dach rundum offen ist. Geräusche von Menschen, Geräusche von Türen. Bei jedem rhythmisch sich wiederholenden Geräusch zucke ich zusammen. Halte inne. Geht es wieder los? Müssen wir uns in Sicherheit bringen? Oder schlägt nur ein Zweig gegen eine Mauer? Jedes Knistern am Dach lässt mich prüfen, ob die Lampenschirme wackeln.

Denn diesmal wäre ich vorbereitet. Würde mit meiner Familie nach draußen laufen. Oder unter das Bett.

Trotzdem auf Bali bleiben?

Viele Reisende überlegen jetzt, angesichts der vielen Todesopfer, ihren Aufenthalt auf Bali zu beenden oder abzusagen. Natürlich haben uns die Ereignisse auch nicht unberührt gelassen. Trotzdem wollen wir bleiben. Gefahren gibt es überall auf der Welt. Auch eine Flugreise kann tödlich enden. Oder ein Ausflug in den bayerischen Wald, wo eine Zecke uns mit einer Gehirnhautentzündung infizieren könnte. Ja, wir sitzen auf dem Pazifischen Feuerring. Erdbeben stehen hier nun mal an der Tagesordnung, wenn auch sonst weniger häufig. Das Haus, in dem wir wohnen, steht hier seit 20 Jahren. Die Wahrscheinlichkeit, dass es in den nächsten zwei Monaten durch ein Erdbeben einstürzt, ist gering. Hoffentlich. Denn ein mulmiges Gefühl bleibt. Natürlich.



Alle Kommentare (3)

    Was für ein Schrecken. Zum Glück geht es euch gut. Wir waren ja auch noch vor gar nicht langer Zeit in Bali und ich denke oft an die Menschen dort, die mir ans Herz gewachsen sind.
    Ich verstehe es, dass ihr bleiben wollt. Wahrscheinlich hätte ich das ebenso gemacht.
    Alles Gute für euch drei.

    Liebe Hanna,
    Ich habe tatsächlich an euch gedacht, als ich von den starken Beben mit Todesopfern gehört habe. Ich bin froh, dass es euch gut geht. Ein mächtiger Schreck so ein Beben. Ich habe zum Glück nur leichte Beben mitbekommen. In Kanada und Chile hatten die Menschen immer in jedem Raum Wasserflaschen deponiert. Vielleicht hilft das bis die empfundene Gefahr nachlässt. Beste Grüße aus Süddeutschland

    Liebe Lorelayh,

    vielen Dank für Deinen Kommentar. Uns geht es gut. Ich denke nicht, dass nochmal viel passieren wird hier, auch wenn wir natürlich wachsam sind. Wir haben eine Konstruktion aus leerer Plastikflasche und Topfdeckel, um uns im Ernstfall nachts schnell aus dem Schlaf zu reißen. Tagsüber ist der Weg zur Tür niemals weit, auch wenn wir vorher noch eine Treppe überwinden müssen.

    Viele Grüße,
    Hanna

Sag uns, was Du dazu denkst

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.