Baby’s Schlaf (1): Schlafen lernen ohne Schreien lassen


Schlafen wie ein Baby

Schlafen lernen: Komische Vorstellung wie Babys funktionieren

Und (wie lange) schläft er schon durch?

Das ist wohl eine der nervigsten Fragen für Eltern. Denn die Wahrheit ist: Ja, es gibt ein paar wenige Wunderkinder. Aber die meisten schlafen nicht durch. Nicht nach ein paar Wochen und nicht nach ein paar Monaten. Das können nämlich die wenigsten Babys. Genau genommen kann das eigentlich niemand. Die Frage ist eigentlich nicht, wann ein Kind „durchschläft“, sondern ab wann es lernt, nachts wieder ohne fremde Hilfe einzuschlafen.

Durchschlafen ist gefährlich

Denn wie alle Menschen haben auch Babys Phasen, in denen sie tiefer schlafen und solche, in denen der Schlaf seicht wird bzw. sie kurz aufwachen. Bei Erwachsenen sind die Abstände zwischen dem Aufwachen länger als bei Babys. Evolutionär gesehen ist das richtig und gesund, dass Babys dann kurz prüfen, ob es noch „sicher“ ist, weiter zu schlafen oder ob sie nach den Eltern rufen müssen, frieren oder Hunger haben. Denn der Mensch ist ein Tragling, d.h. unsere Vorfahren haben sich wie Affen im Fell der Mutter festgehalten – auch im Schlaf und da kann es schon mal passieren, dass man loslässt, wenn man zu tief schläft. Babys überprüfen deshalb häufig, ob die Situation noch genauso ist wie vor dem Einschlafen. Manche, oder ich würde sagen viele Babys können danach nicht sofort wieder einschlafen sondern wachen auf – es sei denn, sie werden gerade im Kinderwagen geschaukelt oder im Tuch getragen. Dann ist der Schlaf sozusagen immer sicher, denn sie sind mit den Eltern in Bewegung.

Babys schlafen also nicht durch, und das ist natürlich und war mal sinnvoll. Trotzdem haben wir Europäer irgendwie die Vorstellung, dass Kinder innerhalb der ersten Lebensmonate irgendwann durchschlafen und damit auch wir Eltern wieder genug Schlaf UND genug abendliche Freizeit haben können. Diesem Trugschluss waren übrigens auch wir nach der Entbindung erlegen.

Wenn das Baby nicht durchschläft

Wenn einen die Realität einholt, sieht man oft nur zwei Möglichkeiten: entweder die Tatsache akzeptieren, dass es noch einige Zeit dauern kann, bis der erwünschte Zustand eintritt, oder dem Kind mit Hilfe von sog. Baby-Trainern „beibringen“, zu schlafen. Für meinen Geschmack wird zu oft die zweite Variante gewählt. In Europa erwarten Eltern nämlich wahnsinnig früh, dass ihre Kinder durchschlafen. Das ist in anderen Ländern anders. Auch alleine schlafen müssen Kinder in anderen Kontinenten erst viel, viel später.

Was ist falsch an Schlaflernprogramme und Babytrainern?

Denn die Wahrheit ist die: Babytrainer lernen unserem Kind nicht das Schlafen, das können sie bereits. Was sie dem Kind beibringen, ist ohne Hilfe der Eltern ein- und weiterzuschlafen, wenn sie nachts aufwachen. Traurigerweise schlafen die meisten Kinder aber nicht freiwillig plötzlich alleine ein, sondern weil sie im Laufe der Schlaf-Trainer-Prozedur aufgeben. Sie verstehen, dass Mama und Papa nicht kommen, egal wie lange und wie laut sie schreien. Dass ein Kind in dieser Phase Todesangst durchsteht, wurde bereits nachgewiesen. Dass es zu einer sicheren Bindung und zur Bildung des Urvertrauens nicht gerade beiträgt, dass in dieser Todesangst niemand zu Hilfe kommt, ebenfalls.

Was erst einmal gut aussieht für alle Beteiligten – auch das Baby bekommt ja jetzt mehr Schlaf – kann also psychologisch üble Folgen haben. Wer sein Baby auf diese Weise zwingt, schneller selbständig zu werden, als es eigentlich bereit ist, der wird die eventuell die Quittung dafür bekommen, wenn es wirklich an der Zeit wäre, selbständig zu werden. Denn sicher gebundene Kinder können sich später viel leichter von den Eltern lösen und mit einem gesunden Selbstbewusstsein die Welt erkunden. Wer allerdings frühe Verlust- und Trennungsängste durchleiden musste, der wird in dieser Phase des Lebens tendenziell anhänglich und ängstlich sein.

 

Während also alle bedürfnisorientierten Erziehungsratgeber und Psychologen vor Babytrainern dieser Art warnen, wollte ich mir erst mal sebst ein Bild machen und habe daher zwei Schlaflern-Bücher gelesen: Jedes Kind kann schlafen lernen und das DurschschlafBuch.

„Jedes Kind kann schlafen lernen!“

Was steht drin?

Der Klassiker von Annette Knast-Zahn und Hartmuth Morgenroth. Mittlerweile gibt es das Buch in der 3. Auflage. Ich habe es von einer Bekannten in die Hand gedrückt bekommen, da war ich noch schwanger mit den Worten ich solle das unbedingt machen. Erst vor kurzem habe ich es dann gelesen und muss zugeben, es ist wirklich verlockend, sich gedanklich auf die Theorie einzulassen.

Man wird regelrecht eingelullt, was man seinem Kind antut, wenn man kein Schlaflernprogramm durchzieht. Das ist in etwa so, als würde man rhetorisch gut begründet und mit semi-wissenschaftlichen „Fakten“ hinterlegt eingetrichtert bekommen, dass ein Kind, das nicht geschlagen wird, ein unglückliches Kind ist, weil es nie Grenzen kennenlernt. An irgendeinem Punkt denkt man doch mal darüber nach, ob es nicht besser wäre.

Einziger Haken: moderne psychologische Erkenntnisse sprechen eine andere Sprache genauso wie die Gefühle von Eltern, wenn das eigene Kind brüllt und nach Hilfe ruft. Um diesen Ur-Instinkt, dem Baby zu Hilfe zu kommen, auszuschalten, braucht es dann tatsächlich ein komplettes Buch. Denn das Programm selbst wäre in einem kleinen Heftchen von ein paar Seiten ausreichend beschrieben. Diese Beschreibung wird allerdings gut 70 Seiten hinausgezögert – vorangestellt wird eine eindringliche und ausführliche Rechtfertigung, warum es denn nötig ist, einem Kind das Schlafen beizubringen.

Jedes Kind kann schlafen lernen

Das „Programm“ selbst sieht kurz gefasst so aus: Das Baby wird wach in ein eigenes Bett im eigenen Zimmer gelegt. Dann verlassen die Eltern das Zimmer und kommen nach wenigen Minuten zurück zum bis dahin vermutlich brüllenden Baby. Allerdings darf das Kind auf keinen Fall aus dem Bett genommen und getröstet werden, denn dann wird es böse und berechnend und weint beim nächsten Mal wieder, um wieder aus dem Bett genommen zu werden.

Das schlimmste, was man tun kann, ist nachgiebig sein und das Programm unterlaufen, indem man sein Kind letzenendes doch auf den Arm nimmt. Dann lernen diese fiesen kleinen Wesen nämlich, dass man sein Schreien nur lange genug durchhalten muss, damit man bekommt, was man will. Manche Kinder, so beschreibt das Buch, brechen sogar absichtlich, um ihren Willen durchzusetzen. (Auf keinen Fall brechen sie, weil sie so überfordert sind und sich so aufregen müssen.) Jedenfalls muss man hart bleiben und den Willen der Kinder brechen. Denn wenn sie einmal verstanden haben, dass sie ihre Eltern nicht heimtückisch durch ihr Weinen manipulieren und steuern können, sind sie still und alle können gut schlafen. Auch das Kind. [Achtung: das ist nicht meine Meinung, sondern ein überspitzt-sarkastisches Wiedergeben des Inhaltes. Steht da aber tatsächlich drin!]

Das Buch verbieten?

Es gibt mittlerweile sogar Petitionen, die sich dafür einsetzen, dieses Buch komplett abzuschaffen. Für bedürfnisorientierte Eltern ist es sozusagen der Anti-Christ unter den Erziehungsratgebern. Für mich blieb am Ende folgendes hängen: Niemals möchte ich meinem Kind so etwas antun, nur damit ich es allein in ein Zimmer legen kann und mein Schlafzimmer wieder für mich habe. Ich habe mich für ein Kind entschieden. Mit allen Konsequenzen. Und wenn ich ganz ehrlich bin, stellt für mich das abendliche Einschlaf-Kuscheln schon ein kleines Highlight im Tagesablauf dar. Obowohl ich also mit dem Inhalt des Buches absolut nicht einverstanden bin, denke ich, dass es in wenigen Ausnahmefällen eine Daseinsberechtigung hat. Wenn die Schlafsituation eine Familie tatsächlich in einer Weise belastet, die nicht mehr tragbar ist, wenn die Eltern ihre Aufgabe nicht mehr hinreichend ausfüllen können, weil die Nerven blank liegen und der Schlafenzug zu sehr zusetzt, dann kann es meiner Meinung nach einen Punkt geben, an dem ein Schlaftraining das geringere Übel ist.

In allen anderen Fällen sollten sich die Eltern klar darüber sein, dass hier kein „lernen“ im engeren Sinne stattfindet, sondern ein Resignieren, ein konditioniert werden, wie man es mit Tieren macht. Die Folgen kann man in ihrer ganzen Konsequenz gar nicht abschätzen und beziehen sich nicht nur auf das Einschlafen.

„Das DurchschlafBuch: Die sanfte Schlafkur für dein Baby“

In einem zweiten Versuch habe ich ein unbekannteres Buch von der schwedischen Autorin Anna Wahlgren gewählt, dessen Titel vielversprechend war. Auch dieses Buch gibt es in 3 Auflagen, scheint also auch erfolgreich zu sein. Vielleicht gibt es ja tatsächlich weniger schlimme Schlafprogramme als „Jedes Kind kann schlafen lernen“? Mein ernüchterndes Fazit: Nein. Das Durchschlafbuch ist dasselbe in grün.

Die Sprache ist weicher, die Bilder sanfter, das Buch gaukelt einem vor, bedürfnisorientiert zu sein. Es kommt auf 304 Seiten, die beschreiben, wie das Kind schreien muss, um schlafen zu lernen, aus, ohne auch nur einmal das Wort Weinen oder Schreien zu benutzen. Das Kind kommuniziert nämlich, es schreit nicht. Und wenn es im Stockdunkeln weint, dann ruft es nicht um Hilfe, sondern es fragt. Und wir müssen nur die richtige Antwort geben. Trost oder Beruhigung sind nicht die richtige Antwort, denn da ist ja nichts, weswegen man trösten oder beruhigen müsste. Klingt logisch. So funktioniert das Unterbewusstsein von Kindern. Ganz bestimmt. Oder? ODER?

Das Buch stellt sogar selbst den Vergleich mit dem Pavlov’schen Hund an! Die Kinder werden also tatsächlich nur konditioniert, das gibt die Autorin zu – und das ist nach neueren Erkenntnissen der Psychologie gefährlich!

Aber was dann tun, damit Kinder Einschlafen lernen ohne Schreien?

Wenn Babytrainer also nicht in Frage kommen, kann man eigentlich nichts tun, oder? Nicht ganz! Ein wenig unterstützen kann man den Schlaf des Babys meiner Meinung nach schon. Auch ohne es alleine Schreien zu lassen. Darüber haben wir uns als Erstlingsfamilie natürlich auch Gedanken gemacht. Uns ist dabei immer wichtig gewesen, dass:

a) unser Baby keine Angst haben muss,

b) nicht unnötig schreien muss,

c) wir bei der Maßnahme unserer Intuition vertrauen und folgen können.

 

Was wir für Probleme haben bzw. hatten und wie wir das praktiziert und gelöst haben, werden wir  euch in „Teil 2“ und  „Teil 3“ vorstellen.

Wir hoffen, ihr seid neugierig und bleibt das auch bis zur Veröffentlichung der nächsten Beiträge zu diesem interessanten und wichtigem Thema.



Alle Kommentare (5)

    So. Ich kommentiere NIE, heute ist es soweit. Ich kann mich bezüglich des Schlafens euch nur anschließen. Natürlich darf ein Baby weinen – aber bitte NIE alleine. Ich verstehe nicht, wie Eltern ihr Kind mit seiner Angst alleine lassen können, insbesondere in der Nacht. Für mich gibt es da nahezu keine Grauzone. Meine Erfahrung ist: je mehr und je schneller ich auf mein Kind eingehe, desto ausgeglichener ist mein Kind. Und ein Baby kann man nicht „verwöhnen“. Das ist grober Unfug.

    Hallo ihr drei,

    freue mich sehr über diesen und die folgenden Berichte über das Schlafen und oh Wunder, wieder ein Thema das hier sehr aktuell ist :-).

    Wenn ich nur schon den Buchtitel „Jedes Kind kann schlafen lernen“ höre, rollt es mir die Fußnägel hoch. Schlimm, wie verbreitet das doch immer noch ist. Selbst im Freundeskreis (erschreckend) und man versucht, wie beim Stillthema, die passenden Worte zu finden anstatt ihnen ins Gesicht zu sagen, wie schrecklich man das findet.

    Liebe Grüße

    Verena

    Ich weiß genau, was du meinst – diese Situationen, in denen man das Gefühl hat, der andere tut etwas schrecklich Falsches mit seinem Kind, aber man gleichzeitig nicht mit dem Zeigefinger dastehen und dem anderen ein schlechtes Gewissen machen möchte…

    Sehr interessanter Artikel, ich habe bisher auch schwierigkeiten gehabt,mein baby zum einschlafen zu bringen. Wenn meine kleine dann endlich schlief, dauerte es nicht lange und sie war wieder am schreien. Für mich als alleinerziehender Vater war das nicht immer einfach.

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