Intuitive Elternschaft: Erziehung nach Bauchgefühl


Intuitive Elternschaft? Noch ein Artikel über Erziehung?! Muss das sein? Will uns jetzt noch jemand, der gerade mal ein einziges Kleinkind hat, erklären, wie wir mit unseren Kindern umgehen sollen?

Keine Sorge – hier werdet ihr NICHT lesen, wie ihr euer Kind erziehen oder nicht erziehen sollt. Ich habe nicht vor, jetzt oder jemals einen Erziehungsratgeber zu schreiben oder jemanden von unserer „Erziehung“ zu überzeugen.

Vielmehr möchte ich euch teilhaben lassen an unserem Weg zu dem, was ich Intuitive Elternschaft bzw. Erziehung nenne. Nicht, weil unser Erziehungsstil der richtige ist. Sondern, weil er der richtige für uns ist. Nicht, weil jeder genauso erziehen sollte, wie wir, sondern weil es jeder so machen können soll wie wir: selbst entscheiden, auf das Bauchgefühl hören und nicht reinreden lassen.

Denn eurer Intuition könnt ihr vertrauen, habt keine Angst, etwas falsch zu machen!

Warum wir eigentlich keine Erziehungsratgeber brauchen

Aber jetzt mal von Anfang an. Der Mensch wächst mit seinen Aufgaben. So auch wir. Wir haben uns auf das Abenteuer Familie eingelassen, ohne viel Ahnung von Kindern, geschweige denn Babys und Erziehung zu haben. Über Intuitive Elternschaft oder sonst irgendein Erziehungskonzept hatten noch nie etwas gehört.

Ich war gerade ein paar Wochen schwanger, da hat mein Mann mich um etwas gebeten:

Bitte lass uns keine Erziehungsratgeber lesen, sondern einfach auf unser Gefühl hören.

Erziehungsratgeber „verkopfen“ einen natürlichen Prozess

Was er damit meinte, habe ich erst vor kurzem verstanden. Denn jedes Buch gibt doch interessanten Input zum Thema Erziehung oder Nicht-Erziehung, oder nicht?

Die Argumentation der Werke klingt meist logisch und ich komme häufig zu dem Schluss, dass der Autor Recht hat: So sollte ich mit meinem Kind umgehen! Sagt mein Kopf. Und genau das ist das Problem: diese rationalen Vorgänge können schnell unser Bauchgefühl überlagern. Sobald wir im Kopf nach Regeln und Vorgehensweisen im Umgang mit unseren Kindern suchen, handeln wir nicht intuitiv und schnell nicht mehr der Situation und unseren Kindern angemessen.

Warum trotzdem alle Erziehungsratgeber lesen

Trotzdem ist es für mich wichtig, informiert zu sein. Oft habe ich das Gefühl, nur so das „Beste“ für mich und meine Liebsten herausfiltern zu können. Also las ich trotzdem Bücher und werde das auch in Zukunft tun. Denn manche Dinge können wir nicht intuitiv „wissen“ – oder sie sind so überlagert von gesellschaftlichen Normen, dass wir Vorbilder brauchen bzw. entsprechende Informationen.

Ein Beispiel für das, was ich meine, ist windelfrei. Bevor ich dazu ein Buch las, war das Bild von Babys mit Windelpopo felsenfest in meinem Kopf verankert. Nie im Leben wäre ich darauf gekommen, dass ein kleines Baby schon ins Töpfchen oder Eimerchen machen kann. Zum Glück habe ich mich eines besseren belehren lassen.

Dass ansonsten nach vielen Erziehungsratgebern unterm Strich oft dasselbe Verhalten zustande kommt, als wenn wir uns nur auf unsere Intuition verlassen hätten, war mir lange nicht klar. Und auch jetzt gibt es mir noch ein Gefühl von Sicherheit, von „richtigem Handeln“, wenn mein Bauchgefühl wissenschaftlich belegt werden kann.

 

Intuitive Elternschaft ersetzt alte Vorbilder

Früher war alles besser? In Sachen Kindererziehung stimmt das ja leider nur manchmal. Denn auch wenn das Uns-hat-es-ja-auch-nicht-geschadet-Argument ein gern genutztes von Verfechtern der „alten Johanna-Haarer-Schule“ ist, so gibt es immer mehr Belege, dass gewisse Erziehungsmethoden Kindern eben doch schaden. Oder ihnen andere Vorgehensweisen genutzt hätten.

Viele alte Vorbilder sind also überholt – doch woher sollen wir neue nehmen? Ich bin der Meinung, viele richtige Verhaltensmuster schlummern tief in uns, wenn wir darauf hören. Das ist es, was ich mit „intuitiver Elternschaft“ meine.

Denn wenn wir es schaffen, auf unser Bauchgefühl zu hören, auf unseren mütterlichen oder väterlichen Instinkt und all die Stimmen und Leitbilder von außen auszublenden, dann tun wir so oft das Richtige.

Unsere Intuition sagt uns, dass wir unsere Kinder beschützen, unterstützen und lieben wollen. Unser Bauchgefühl sagt uns nicht, dass Babys ein Bett mit Gitterstäben brauchen und darin alleine einschlafen müssen. Das sagen uns höchstens unsere Gesellschaft und die Medien.

Wenn wir auf unseren Mutterinstinkt hören, dann wollen wir unser Baby trösten, wenn es weint. Wir wollen, dass es lacht und dass wir gemeinsam fröhlich sind. Tief in uns sitzt keine Angst, dass wir das Kind verwöhnen. Das ist eine Angst, die erst von außen an uns herangetragen wird.

Als Mutter oder Vater können wir außerdem am besten beurteilen, wann wir unseren Kindern „mehr“ zumuten kann. Wann es nicht mehr sofort gestillt werden muss, wann es sich bei kleineren Angelegenheiten selbst beruhigen kann und wann ich bestimmte Forderungen auch einfach mal verweigern darf. Woher weiß ich das? Ich würde von mir selbst sagen, ich „spüre“ es einfach. Intuitiv.

 

Echte Bindung: Für mehr Vertrauen und weniger Angst

Ohne all die vorgefertigten Bilder und Ansprüche an unser Kind haben wir auch keine Angst, dass es zu wenig lernt. Wir haben ein natürliches Urvertrauen in den Bauplan unserer Kinder. Ein Vertrauen darauf, dass sie sich richtig entwickeln, dass sie die richtigen Dinge zur richtigen Zeit lernen. Ohne dass wir ihnen das „lehren“.

Ist das wirklich Instinkt?

Warum ich glaube, dass das unser angeborener Instinkt ist und nicht einfach eine weitere erlernte Erziehungs-Ideologie? Weil wir, tief drinnen, unter all der Sozialisierung und fernab von gesellschaftlichen Zwängen immer noch biologische Wesen sind. Und als solche verhalten wir uns nicht so viel anders als andere Säugetiere. Werfen wir einen Blick ins Tierreich, finden wir bei anderen Säugetieren dasselbe Verhalten: Die Eltern kümmern sich um ihren Nachwuchs, zuverlässig und ohne Vorbehalte. Bei Affen, unseren nächsten biologischen Verwandten, bleiben die Kleinen immer ganz nah an der Mutter, werden von ihr getragen und gesäugt, gepflegt und an das Leben gewöhnt.

Keine Angst vor falscher Erziehung

Die Tiermütter haben keine Angst, etwas falsch zu machen oder ihre Kinder zu verwöhnen. Auch in weniger „kultivierten“ Kulturen gibt es dieses Phänomen nicht, es ist sozusagen ein Luxusproblem. Dabei lernen Kinder das meiste im Alltag. Durch Nachahmen, durch Vorleben, durch echte, authentische Situationen. Nicht durch abstrakte Gespräche oder erzieherische Maßnahmen wie die Stille Treppe oder ständige verbale Zurechtweisung.

Wenn es uns gelingt, diesen Alltag mit ihnen zu gestalten und zu leben, und zwar authentisch und intuitiv an die Möglichkeiten und Bedürfnisse aller Familienmitglieder angepasst, lernt das Kind ganz von selbst und im eigenen Tempo. Erziehung als „Formung“ des Charakters, als absichtliche und zielführende Maßnahme, ist dann überflüssig.

Kindlicher Individualität mit individuellem Handeln begegnen

So ist intuitive Erziehung kein Konzept, sondern passt sich immer der Situation an. Denn jedes Kind ist anders, entwickelt sich anders, hat eigene Gewohnheiten und Bedürfnisse. Diese kann uns kein Buch und kein kinderpsychologischer Experte erklären. Wir als Eltern wissen am besten, was wir unseren Kindern zumuten können und wann wir Grenzen setzen wollen.

 

Der Unterschied zwischen Intuitiver Erziehung und Attachment Parenting

Zurück zu uns. Anfangs haben wir übereingestimmt, dass Attachment Parenting „unser Ding“ ist. Das Kind tragen, Familienbett, Stillen nach Bedarf, auf die Bedürfnisse des Kleinen eingehen, aber darüber uns selbst nicht vergessen. Doch mit der Zeit wurde uns beiden klar:

 

Bedürfnisorientiert ist gut, aber nicht immer das, was wir leisten können. Und wollen.

 

Das Konstrukt des Attachment Parenting ist eben genau das: ein weiteres Konstrukt, das wir von Fremden über unser Leben stülpen lassen. Das empfinde ich als zu starr, zu regelbehaftet – auch wenn es immer wieder heißt, dass AP  das nicht sein möchte. Schnell setzt die Gedankenspirale ein, setze ich mich selbst unter Druck, alle Elemente, die dazu gehören, umsetzen zu müssen. Denn man weiß ja genau, wie wichtig all die Nähe und das Tragen und die Achtung der Bedürfnisse für den Kleinen ist. Wie kann ich da manchmal einfach nur müde und genervt sein – und dann auch ungerecht, gereizt und so gar nicht bedürfnisorientiert? Bin ich dann eine schlechte Mutter? Ich denke nicht!

Intuitive Elternschaft

Diese Gedanken und Selbstzweifel sind es, die mich daran hindern, in dem Moment intuitiv und der Situation angemessen zu reagieren! Denn wäre es nicht vielleicht ehrlicher und natürlicher, die Gefühle einmal zum Ausdruck zu bringen, statt damit zu kämpfen und zu versuchen, trotzdem die perfekte, liebevolle Mutter zu spielen? Mein Kopf versucht, etwas zu entscheiden, was er nicht entscheiden kann. Zumindest nicht alleine, nicht ohne das Bauchgefühl.

Ich denke, es gibt kein Gerüst, das auf alle Familien anzuwenden ist und für alle zu einem guten Ergebnis führt. Auch nicht Attachment Parenting. Für manche baut es einfach nur Druck auf oder führt zu Selbstvorwürfen. Oder zur Handlungsunfähigkeit aus Angst, etwas falsch zu machen. Dabei ist doch das wichtigste, eine Entscheidung zu treffen, die zur Familie passt und dann dahinter zu stehen. Ohne schlechtes Gewissen oder Selbstzweifel.

Ein Blog über Intuitive Elternschaft?

Jetzt denkt ihr vielleicht „Ja, aber das sind doch Selbstverständlichkeiten!“ Ich erlebe immer wieder, dass viele dieser Dinge eben nicht für alle selbstverständlich sind. Oft schaffen wir es nicht, die Vorbilder und Einflüsse von außen auszublenden. Genau genommen schafft das niemand ganz. Denn wir alle tragen Erlebnisse und Verletzungen aus unserer eigenen Kindheit mit uns herum und häufig fällt es schwer, zwischen Automatismen und erlernten Schemata aus der eigenen Kindheit und der sogenannten Intuition zu unterscheiden.

In diesem Prozess kann der Austausch mit dem Partner oder anderen Vertrauten sehr hilfreich sein. Letztendlich ist es vielleicht aber gar nicht ausschlaggebend, den Unterschied immer zu erkennen. Niemand wird es schaffen, seinen Kindern die perfekte Erziehung, die perfekte Kindheit, zu ermöglichen. Wir alle machen Fehler.

Kinder sind härter im Nehmen, als häufig angenommen. Mit Fehlern der Eltern können sie gut umgehen – oder lernen es eines Tages. Viel wichtiger ist das Gefühl, in dem sie aufwachsen und die Lebenseinstellung, die sie vorgelebt bekommen.

Auf unserem Blog widmen wir uns immer wieder diesem Thema: Nicht erziehen, um der Erziehung willen. Intuitiv leben und damit erziehen. Fehler machen. Echt sein.

Immer in der Hoffnung, dass wir so manchmal auch ein gutes Beispiel sein können. Nicht, damit es jemand genau macht wie wir, sondern damit ihr seht, man kann es so machen, wie man es selbst für richtig hält. Mutig sein. Selbstbewusst sein. Intuitiv handeln. Selbst Vorbild sein für die eigenen Kinder.



Alle Kommentare (2)

    Hallo Hanna.
    Sehr schöner Artikel (bzw. Pamphlet ?)!
    So versuchen wir auch unseren Kleinen zu erziehen,auch wenn man,wie du ja selbst schreibst, den Einfluss der eigenemErfahrung/Erziehung nicht unterschätzen darf. Ich hatte eine wunderschöne Kindheit, aber in den 80ern wurde natürlich anders als erzogen, wie ich mir das heute wünsche. Auch merke ich, dass ich manchmal Grenzen aufzeige,die eigentlich gar nicht aus mir selbst heraus kommen, sondern weil „man es halt so macht „. Das will ich (wo es möglich ist) durchbrechen und wirklich intuitiv handeln.
    Erziehungsratgeber oder Blogs lese ich natürlich,aber meist um mir neue Blickwinkel auf gewisse Dinge zu holen. Witzigerweise hat die mein Mann immer, ohne dass er sowas lesen muss. Er hat sich das kindliche bzw. Den kindlichen Blick definitiv besser gewahrt.

    Und den Satz „mir hat es auch nicht geschadet “ kann ich nicht mehr hören. Wer weiß das denn bitte? Wer weiß, was mit einer anderen,freieren Erziehung aus jedem geworden wäre?

    Liebe Hanna,
    ein guter Artikel!Am Anfang des Mutterdaseins habe ich viele Dinge als gegeben genommen und dabei übersehen, dass die Bedürfnisse meines Kindes individuell sind und sich eben nicht anhand einer Liste gemäß Attachment Parenting bestimmen lassen. Wir hatten z.B. immer Schwierigkeiten mit der Einschlafbegleitung und dem Familienbett,ich habe aber lange daran festgehalten,weil man das ja so macht und es das Beste für das Kind ist…Meine Tochter hat mir dann deutlich gezeigt,dass sie sowohl alleine einschlafen als auch in ihrem eigenen Bett schlafen will.Ich denke ihr Kuschel-Tank wird tagsüber so gut gefüllt dass er abends randvoll ist-und am nächsten Tag will sie beim Frühstück dafür auf meinen Schoß.So etwas steht in keinem Ratgeber und kann man nur mit dem eigenen Kind herausfinden.
    Liebe Grüße und du machst das toll!

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