Kindesmissbrauch – Warum ich darüber nicht mehr schweigen will


Ich habe lange damit gezögert, diesen Beitrag zu schreiben. Die möglichen Auswirkungen im Kopf hin und her gewälzt. Eine Nacht darüber geschlafen. Viele Nächte darüber geschlafen. Überlegt, ihn irgendwo als Gastbeitrag zu schreiben. Überlegt, ihn gar nicht zu schreiben. Überlegt, ob das Thema zu heikel ist.

Und dann habe ich mir gestern Abend die Frage gestellt: Warum eigentlich? Warum sprechen wir so wenig darüber, obwohl es so vielen Kindern passiert? Warum habe ich das Gefühl, dass Kindesmissbrauch in ein Tabuthema ist? Dass ich lieber nicht darüber schreiben sollte. Dass Menschen mich verurteilen würden, wenn ich es tue. Wenn ich über mich schreibe. Darüber, was mir passiert ist, als ich klein war. Und über die Gründe, warum ich so lange nichts gesagt habe.

Heute habe ich mich hingesetzt und im Folgenden kannst Du all das lesen. Was mir passiert ist. Was im Kopf eines Kindes vorgehen mag, wenn es nichts sagt. Was in meinem Kopf vor sich ging. Damals. Wie sich Kindesmissbrauch auf mich in der Pubertät ausgewirkt hat. Und im Erwachsenenleben. Auf mein Sexualleben.

Warum ich euch das erzähle? Ich tue es in der Hoffnung, dass genau das anderen Eltern hilft, die Denkweise von betroffenen Kindern zu verstehen. Warum diese Kinder nicht mit ihren Eltern sprechen. Warum sie nicht nein sagen. Und in der Hoffnung, dass so etwas in Zukunft weniger Kindern passiert. Dass ein oder zwei Eltern ein wenig aufmerksamer auf die Signale reagieren. Dass Kindesmissbrauch für missbrauchte Kinder kein Tabuthema mehr ist.

Und ich möchte auch sagen, dass es niemals die Schuld der Eltern ist. Erst recht nicht die Schuld des Kindes. Täter ist immer der Täter. Sonst niemand.

*Achtung – wenn Kindesmissbrauch ein Thema ist, das Dich stark triggert, bitte überlege, wann und ob Du diesen Artikel weiterlesen willst. Er enthält keine Schilderung von gewaltsamen Übergriffen (weil so nicht passiert), sondern spricht hauptsächlich von dem, was in mir als Kind vorgegangen ist.*

Was mir passiert ist

Ich war am Anfang der Grundschule, als meine Eltern mir und meinem Bruder Klavierunterricht geben ließen. Wie alt ich genau war, kann ich nicht mit Sicherheit sagen.

Meine Eltern haben immer gut auf mich aufgepasst, ich war selten mit fremden Erwachsenen allein. Auch diesmal, das weiß ich heute, war es meiner Mama lieber, den Unterricht bei uns im Haus abhalten zu lassen. Wo sie immer nebenan bzw. unten war. Mitbekam, was passierte. Sie wollte aufpassen auf ihr Mädchen.

Unser Klavierlehrer war ein wirklich komischer Kauz, das war schnell klar. Hatte irgendwie immer Probleme mit seiner Freundin. Und eine ganz komische Art. Eine unangenehme Art.

Ich mochte ihn nicht besonders, aber darum ging es ja beim Klavierunterricht offenbar nicht. Besonders gut in seinem Job war er auch nicht, aber das wusste ich natürlich damals nicht. So kann ich bis heute nicht wirklich Noten lesen, sondern nur Stücke auswendig lernen.

Mein Bruder und ich waren meist jeweils allein mit ihm im Zimmer, wenn der Unterricht stattfand. Die Türe geschlossen. Einige Monate war alles in Ordnung. Ich spielte gerne Klavier, auch wenn ich am Unterricht keine besondere Freude hatte. Die Musik liebte ich.

Dann wurde es Sommer.

Im Sommer trug ich ganz selbstverständlich kurze Shorts. Wie kleine Kinder das eben tun. Das hat diesen Menschen wahrscheinlich getriggert. Und eines Tages bat er mich, gegen Ende der Klavierstunde, auf seinem Schoß zu sitzen, während er mir etwas vorspielte. Ich tat es.

Das wiederholte sich ein paar Mal, irgendwann sollte ich auch spielen, während ich auf seinem Schoß saß. Bis er irgendwann anfing, mir währenddessen in die Hose zu fassen. Und mir seinen erigierten Penis zeigte. Details erspare ich euch, Weil ich es nicht detailliert erzählen möchte und weil es auch nicht wichtig ist.

Warum sagen Kinder nichts?

Nicht wichtig, weil ich damals nicht verstand, was genau passierte. Er hat mir nie Schmerzen zugefügt und dass es sich um sexuelle Handlungen handelte, wusste ich ganz einfach nicht. Wie Babys entstehen wusste ich vermutlich grob, aber die Details kannte ich nicht. Warum auch.

Es war mir unangenehm, was er tat, aber ich konnte es nicht einordnen. Ich sagte nicht nein, weil ich nicht wusste, wie falsch es war. Auch, weil ich das Gefühl hatte, den Punkt dazu irgendwie verpasst zu haben. Weil alles so schleichend ging und ich nicht verstand, an welchem Punkt ich hätte nein sagen müssen und es nicht getan hatte. Es fühlte sich an, als wäre ich selbst schuld, weil ich nicht gleich nein gesagt hätte. Als hätte ich dadurch mein Einverständnis gegeben.

Ich sagte meinen Eltern nichts, weil er mir jedes Mal erklärte, dass das „unser Geheimnis“ wäre. Einfach so. Mehr nicht. Und, ob Du es glaubst oder nicht, auch bei kleinen Kindern kommen da ganz merkwürdige Gefühle ins Spiel. Scham zum Beispiel oder Rücksichtnahme. Das Umgehen von unangenehmen Situationen. Nichtstun aus Ratlosigkeit.

Was würde meine Mutter denken, wenn ich ihr erzähle, wie oft das schon passiert ist und dass ich ihr nichts davon gesagt habe? Wahrscheinlich wäre sie verletzt, weil ich mich ihr nicht gleich beim ersten Mal anvertraut hatte. Ich wusste ja, dass ich ihr vertrauen könnte und hatte trotzdem nichts gesagt.

Wie würde dieser komische Mensch reagieren, wenn ich plötzlich sagte, dass ich das nicht wollte? Würde er wütend werden? Oder müsste ich unangenehme Detail-Fragen beantworten? Zum Beispiel, warum ich nicht am Anfang was gesagt hätte oder was genau mir unangenehm wäre.

War ich selbst Schuld, weil ich nicht gleich gesagt hatte, dass ich das nicht will? Oder war das eigentlich ganz normal, was er machte? Durfte ich überhaupt nein sagen? Ich traute mich schlichtweg einfach nicht, weil ich nicht wusste, was ich sagen sollte.

Am Ende des Sommers fragte mich dieser Mensch, ob wir das nächsten Sommer wieder machen sollten. Ich sagte ganz kleinlaut nein und er sagte nichts. An diesem Tag ging ich zu meiner Mutter und sagte ihr, dass mir das Klavierspielen keinen Spaß machte und ich keinen Unterricht mehr haben möchte.

Damit war das Kapitel für mich erst einmal beendet. Ich sprach mit niemandem darüber und dachte nicht mehr darüber nach. Worüber auch, wie gesagt verstand ich ja nicht, was eigentlich passiert war.

Die Pubertät

Ich war 12 oder 13 Jahre alt, als ich zum ersten Mal einen Jungen küsste. Im Urlaub in Italien. Keine große Sache. Doch kurz darauf lernte ich einen Jungen kennen, den ich wirklich mochte. Er war älter als ich und er wollte mehr als nur küssen. Er wollte mich anfassen.

Und da traf es mich wie ein Vorschlaghammer. Natürlich war ich mittlerweile längst aufgeklärt. Über das, was im Klavierunterricht vorgefallen war, hatte ich trotzdem nie wieder nachgedacht. Doch jetzt ging kein Weg mehr daran vorbei. Jetzt, im Nachhinein, wurde die Sache nicht nur unangenehm sondern ich verknüpfte sie mit sexuellen Handlungen. Denn jedes Mal, wenn mich in den folgenden Jahren jemand anfasste, fiel es mir schwer, das zuzulassen. Es war mir sofort wieder unangenehm. Fühlte sich nicht gut an, obwohl ich wusste, dass es das eigentlich sollte. Die Gefühle und Bilder von damals spielten sich wie ein Film in meinem Inneren ab.

Ich war 14, als ich mich zum ersten Mal traute, mich einer Freundin anzuvertrauen. Zuerst schriftlich. Dann sprachen wir auch darüber. Sie erzählte mir auch, wie sie schon einmal sexuell belästigt worden war. In einer Umkleidekabine. Ich merkte, dass es gut tat, das Erlebte in Worten auszusprechen. Zu hören, dass es falsch war.

Und ich merkte auch, wie häufig so etwas anscheinend passiert. Denn fast alle Freundinnen, mit denen ich damals sprach, hatten selbst Übergriffe in irgendeiner Form (meist einer weniger drastischen) erlebt. Wir waren damals 14 Jahre alt!!!!!! Im Laufe meines Lebens musste ich außerdem lernen, dass auch Jungs dagegen absolut nicht gefeit sind. Es ist so traurig.

Meine Eltern wussten weiterhin nichts. Mich belastete das sehr. Vor allem jetzt, wo ich verstanden hatte, was eigentlich passiert war. Was die „richtige“ Reaktion meinerseits gewesen wäre. Dass ich gleich, schon beim ersten Mal, zu ihnen gehen hätte sollen. Ich schämte mich, weil ich so dumm und naiv gewesen war und ihnen nichts gesagt hatte. Und mit jedem Tag und mit jedem Jahr, in dem ich nichts sagte, wurde die Scham größer. Und die Reue, nicht schon früher was gesagt zu haben.

Hinzu kamen Schuldgefühle. Denn in der Pubertät verstand ich, dass das sicherlich nicht nur mir passiert war. Hätte ich anderen Mädchen dieses Schicksal ersparen können, wenn ich etwas gesagt und wir ihn angezeigt hätten? War es meine Schuld, wenn er beim nächsten Mal weiter ging als bei mir?

Ich weiß nicht, an wie vielen Abenden ich beschloss, am nächsten Tag zur Polizei zu gehen – und mich dann nicht traute. Denn ich war minderjährig und das hätte auch bedeutet, dass meine Eltern dazu befragt würden. Alles drehte sich darum, dass ich nicht mit ihnen gesprochen hatte. Und in demselben Maße, in dem der Missbrauch an sich kleiner wurde, wuchs diese Tatsache. Dass ich mich meinen Eltern nicht anvertraut hatte. Die Scham. Die Angst vor ihrer Traurigkeit darüber.

Welche „Schuld“ trifft die Eltern?

Ich war fast Mitte 20, bis ich zum ersten Mal mit meinen Eltern sprach. Das Thema Kindesmissbrauch war in einem anderen Zusammenhang aufgekommen und ich konnte spüren, wie sehr es meine Mutter aufwühlte. Ich beschloss, ihnen endlich die Wahrheit zu sagen. Ich schrieb eine lange E-Mail. Schickte sie ab. Rief sie im Anschluss an und bat sie, sie zu lesen.

In diesem Moment kullern bei mir zum ersten Mal während des Schreibens und dann wieder beim Korrektur Lesen die Tränen. Dieses Gefühl, falsch reagiert zu haben, zu lange geschwiegen zu haben und andere Menschen damit unnötig verletzt zu haben, verfolgt mich bis heute. Dass meine Eltern denken könnten, es wäre ihre Schuld. 

Wir telefonierten wieder und es kam, wie es kommen musste. Natürlich dachten sie, sie hätten nicht genau genug hingesehen. Suchten im Nachhinein Anzeichen, die darauf hingedeutet hätten.

Das sagt sich immer so leicht. „Die Eltern oder das Umfeld hätte doch was merken müssen.“ Ich persönlich glaube nicht, dass sie irgend etwas hätten merken müssen. Oder etwas dafür können, dass mir das passiert ist. Genauso wenig wie ich selbst, auch wenn es sich manchmal anders anfühlt.

Ich war noch so klein, dass mich die Situation damals nicht so sehr belastet hat wie im Nachhinein, als ich sie verstand. Ich war nach außen hin unverändert. Ich ging gern zur Schule, hatte gute Freundinnen, unternahm viel.

Ich würde meinen Eltern diesbezüglich niemals Vorwürfe machen. Sie waren immer da und ich weiß, dass sie Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt hätten, hätte ich nur einen Ton gesagt. Dass ich es nicht gesagt habe, lag nicht an ihnen oder ihrer Erziehung, sondern an meinem Charakter. Und meiner Hilflosigkeit.

Ich konnte mit meiner Mama sonst immer über alles reden. Auch sehr unangenehme Dinge, es gab nie Strafen oder andere schlimme Konsequenzen. Und wenn ich nicht reden wollte, wusste ich mich schriftlich auszudrücken. Sie konnte also schon darauf vertrauen, dass ich mit ihr spreche.

Auch wurden wir ziemlich liberal erzogen, wahrscheinlich nahe dem, was man heute als „bedürfnisorientiert“ oder sogar „unerzogen“ bezeichnen würde. Ich hatte schon immer einen starken Willen und war grundsätzlich sehr gut im Nein sagen. Und meine Eltern akzeptierten ein Nein von uns Kindern. Besser, als ich es heute manchmal bei meinem Sohn tue, um ehrlich zu sein.

Wie verarbeitet man sexuellen Missbrauch?

Als ich vor fast 10 Jahren meinen Mann kennen lernte, war ich mit dem Thema beinahe durch. Ich sprach sehr früh mit ihm darüber, weil es ja irgendwie auch zu mir gehört. Aber bis dahin hatte ich das Erlebte in so vielen Aspekten und Situationen durchgekaut, dass es allmählich an Bedeutung verlor. Im Laufe meines Lebens machte ich viele schöne sexuelle Erfahrungen und konnte das unangenehme Gefühl von Berührungen irgendwann ablegen.

Oder, besser gesagt, es holte mich immer seltener ein. Wann immer es doch passierte, nahm ich mir jederzeit das Recht heraus, alles sofort abzubrechen. Weinte. Erzählte. Wurde in den Arm genommen und verstanden. Nicht nur von meinem Mann, auch vorher.

Ich glaube, dass es einen großen Unterschied macht, wie alt ein Kind ist und was genau passiert. Erlebnisse wie meine sind falsch und es dauert lange, sie abzuschütteln. Aber ich war so klein, dass ich es nicht richtig einzuordnen wusste. Es war mir unangenehm, ja. Aber mir war es auch unangenehm, wenn meine Tante mich maßregelte, weil ich mich falsch benommen hatte oder wenn ich vor Freunden bloßgestellt wurde. Eine sexuelle Konnotation von unangenehm gab es für mich damals noch nicht.

Und so würde ich heute behaupten, dass ich ein ganz normales Sexualleben führe und das Erlebte für mich dabei nicht die geringste Rolle spielt. Auch im sonstigen Leben nicht.

Als ich etwa 18 Jahre alt war, habe ich den Klavierlehrer mal auf dem Volksfest getroffen. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie schnell der Typ mein Knie mit voller Wucht im Schritt hatte und wie schnell er nach meinen Beschimpfungen und Drohungen von der Bildfläche verschwunden war. Ich könnte mir vorstellen, er hat meine Drohung, sich „hier nie wieder blicken zu lassen“ ernst genommen. Die Frau, die ihn begleitet hat, wird in Zukunft sicherlich auch Abstand von ihm nehmen.

Es war außerdem heilsam für mich zu sehen, wie erbärmlich dieser Mensch aus dem Blickwinkel eines (fast) Erwachsenen ist. Optisch wie charakterlich. Wie viel „größer“ ich mit meinen 18 Jahren war, in allen Belangen. Ich fühlte mich wie ein Elefant, der einer Maus droht.

Angezeigt habe ich ihn bis heute nicht, denn der einfache sexuelle Missbrauch von Kindern verjährt laut StGB nach zehn Jahren. Und es hat leider mehr als 10 Jahre gedauert, bis ich mich getraut habe, mit meinen Eltern zu sprechen. Angeblich ist der Mann heute schwer krank und kann nicht mehr arbeiten.

Wie eine gute Freundin sagen würde: Karma gewinnt.

Wie kann ich mein Kind vor sexuellem Missbrauch schützen?

Es gibt einen Aspekt, unter dem das Erlebte in meinem Leben doch eine Rolle spielt: Meine eigenen Kinder. Natürlich möchte ich sie vor solchen Erlebnissen zu schützen. Doch geht das eigentlich? Und wenn ja, wie?

Ich bin mir sicher, dass es einen 100%igen Schutz nicht geben kann. Die Schuld dafür liegt auch kaum bei uns als Eltern, sondern bei den Männern und Frauen, die ihre Pädophilie nicht psychologisch behandeln lassen, sondern ausleben.

Trotzdem achte ich bei meinem Sohn auf folgende Punkte:

Über meinen Körper bestimme nur ich

Vor allem in der Intimregion fasse ich mein Kind nicht an. Ich möchte auch nicht, dass er das bei mir tut. Wenn er es versucht, erkläre ich ihm, dass ich das nicht möchte. Dass mich dort niemand anfassen darf, wenn ich es nicht will und dass dasselbe für ihn gilt.

Ich hoffe, dass bei ihm die Alarmglocken schrillen würden, wenn es jemand täte. Ihn anfassen. Dass er es sofort einzuordnen wüsste und Nein sagen würde. Dass er weiß, da ist die Grenze.

Auch, wenn ihn ein Erwachsener ungefragt anfässt (in die Backe zwicken oder ähnliches), darf er sich wehren. Ich sage ihm, dass er dem Menschen auf die Finger hauen oder anschreien darf oder einfach zu uns kommen kann. Ich selbst schreite nicht ein, spreche aber jedes Mal mit meinem Sohn. In der Hoffnung, dass er lernt, sich selbst zu wehren und nicht auf meinen Schutz zu warten.

Vor Mama gibt es keine Geheimnisse

Eine Heilerin hat mir zu dem Thema mal erklärt, wie sie mit ihrer eigenen Tochter damit umgeht: Sie bringt ihr bei, dass es vor Mama keine Geheimnisse gibt. Und vor allem, wenn sie Sätze hört wie „Das darfst Du aber nicht Deiner Mama sagen“ oder „Das ist unser Geheimnis“, muss sie es sofort ihrer Mama sagen. Wenn es nicht schlimm ist, wird die es gleich wieder vergessen und nie weiter erzählen.

So handhabe ich das künftig auch. Auf diese Weise werden Kinderohren geschult auf die typischen Sätze und Satzbestandteile, die bei sexuellem Missbrauch fallen. Und sie haben sofort ein angemessenes Handlungsmuster im Kopf: Fällt das Stichwort „Geheimnis“ –> Mama erzählen.

Gefühle und Wünsche des Kindes ernst nehmen

Damit erscheint mein Geständnis darüber, warum ich die Trotzphase mag, für Dich vielleicht in einem ganz neuen Licht. Denn diese so viel bejammerte Autonomiephase ist es, in der Kinder lernen, nein zu sagen. Und sie lernen im Idealfall auch, dass es okay ist, nein zu sagen. Dass die eigenen Gefühle richtig und wichtig sind und sie dafür weder verspottet noch bestraft werden. Deshalb ist es so wichtig, unseren Kindern den eigenen Willen nicht durch Strafen abzuerziehen und sie zu gesellschaftskonformen Ja-Sagern zu machen. Das hört sich jetzt drastisch an, aber daran glaube ich wirklich.

Hinhören und unangenehme Fragen stellen

Mein Sohn ist drei Jahre alt. Er kann Ereignisse kongruent wiedergeben und Fragen beantworten. Wenn er mir erzählt, was er erlebt hat, dann höre ich zu. Wenn mir etwas komisch vorkommt, frage ich nach. Noch ist er zu fast 100% seiner Lebenszeit von seinen Eltern oder engen Familienmitgliedern umgeben, aber das wird nicht ewig so bleiben. Und wir wissen ja, früh übt sich… Deshalb gewöhne ich mir jetzt schon an, mir ein genaues Bild davon zu machen, was mein Sohn erlebt und gefühlt hat, wenn er z.B. den Nachmittag mit seinem Papa verbracht hat.

Resilienz stärken

Das hört sich jetzt auch so pauschal an, aber ist sicherlich einer der Faktoren, der mir am meisten bei der Verarbeitung des Erlebten geholfen hat: Ich bin sehr geborgen und geliebt aufgewachsen und habe dadurch sehr gute Fähigkeiten, mit Rückschlägen und negativen Erlebnissen umzugehen. Diese „seelische Widerstandsfähigkeit“ nennt man Resilienz. Meine Eltern haben mir viele gute Wege vorgelebt und gezeigt, mit psychischen Problemen umzugehen und sich selbst wichtig zu nehmen. Dafür bin ich ihnen unendlich dankbar. Denn wir können nicht immer kontrollieren, was unseren Kindern passiert. Aber wir haben großen Einfluss darauf, wie sie damit umgehen und leben lernen.


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Alle Kommentare (9)

    Danke für das teilen deiner Geschichte. Vielleicht findet dadurch wieder jemand Mut zu erzählen was ihm oder ihr passiert ist! Bei tollabea habe ich mal gelesen, denn Kindern den Unterschied zwischen guten und schlechten Geheimnissen beizubringen. Gute, wie Geschenke für Freunde oder ähnliches und schlechte, bei denen man sich wirklich unwohl fühlt und Bauchschmerzen bekommt. Schlechte Geheimnisse darf man immer Mama/Papa erzählen. Es gibt auch ein wunderbares Buch: Mein geheimer Gartenzaun, leider ist das Buch nur nich antiquarisch zu beziehen.

    Danke für deine Geschichte. Hatte Tränen in den Augen, als ich sie las. Klavierlehrer – kenne ich auch, wenn auch meiner nicht ganz so weit ging. Missbrauch hatte ich im Ferienlager erlebt, erzählt habe ich es meiner Mutter fast 15 Jahre später und bekam den Kommentar, weswegen ich es nicht früher gemacht habe: das kann nicht sein. Und später kam dann: „das hat dich jetzt so lange nicht belastet, so schlimm kann das nicht gewesen sein“. Die Frau hat Pädagogik studiert und war den Nöten von Kindern gegenüber immer sehr sensibel. Außer den Nöten ihrer eigenen Kinder.
    Rat an alle: macht es ANDERS. Macht es BESSER!

    Oh Gott das hört sich nach meinem schlimmsten Albtraum an 🙁
    Ich hoffe, du weißt, also nicht nur rational, sondern auch gefühlt, dass du nichts falsch gemacht hast! Auch nicht, indem du es erst spät gesagt hast! Ich wünsche dir, dass du auch verständnisvolle Menschen um dich hast!

    Fühl dich gedrückt,
    Hanna

    Meinen größten Respekt das du darüber schreiben kannst. Und deine Tipps für die Kids echt gut.

    Ich würde mich nicht trauen es öffentlich so zu schreiben was passiert ist.

    Liebe Hanna,
    herzlichen Dank für das Teilen deiner Geschichte! Und vor allem für die Tipps, wie man seine Kinder wappnen kann!!! Die nehme ich mir zu Herzen.
    Liebe Grüße
    Anja, Mama von 2 Kindern (2 und 5)

    Vielen Dank für diesen Beitrag. Ich habe leider auch diverse Übergriffe erlebt. Es gibt ein Hörspiel „Hau ab Du Angst!“ (Klett Verlag), das werde ich meinem Kind vorspielen. Dort geht es u.a. auch darum, dass es gute und dass es schlechte Geheimnisse gibt. Die Geschichte handelt von einem Mädchen, dass den Onkel besucht und nachts immer vom „Grabbelfinger“ besucht wird. Mit ihren Freunden löst sie dann bald das Geheimnis und behauptet sich. Vielleicht hilft das ja auch noch irgendwem weiter…

    Danke für den tollen Artikel. Ich war mir erst nicht sicher, ob ich ihn wirklich lesen soll, da ich bei solchen Themen empfindlich bin. Jetzt bin ich froh darum. Deine Tipps sind hilfreich und so einfach umzusetzen, dass sie eigentlich Standard sein sollten.

    Hallo Ilka,

    danke für die Rückmeldung und schön, dass es dir was gebracht hat.

    Es ging mir mit dem Artikel nicht um Aufarbeitung dessen, was passiert ist. Dieser Prozess liegt viele Jahre zurück. Heute, als Mutter, habe ich einen ganz neuen Blickwinkel auf die Dinge und wollte damit möglicherweise anderen Eltern, die (zum Glück!!!!) keine Ahnung haben, wie ein Kind sich dabei fühlt und warum es ggf. nichts sagt, weiterhelfen.

    Außerdem ist das Thema, wie du sagst, so empfindlich, dass viele es vorziehen, nicht darüber zu sprechen oder nachzudenken. Dabei ist es so wichtig, dass wir es tun. Dass wir hinsehen, wenn etwas nicht stimmt. Genau zuhören und unsere Kinder ermutigen, mit uns zu sprechen.

    Ich wünsche Dir, dass Deine Kinder niemals mit diesem Thema konfrontiert sein werden!!!

    Liebe Grüße,
    Hanna

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