Burnout: Die Erschöpfung ist echt!


In den letzten Monaten konntet ihr hier einige verschiedene Geschichten und Perspektiven zum Thema Burnout bei Müttern bzw. Eltern lesen. Zum Abschluss möchte ich nochmal einen Input geben, den ich kürzlich in einem Buch gefunden habe: „Artgerecht“ von Nicola Schmidt.

Warum unser Leben nicht artgerecht ist

Wir Menschen haben uns genetisch – und damit auch bezüglich unserer Instinkte – in den letzten zwei Millionen Jahren nicht merkenswert weiterentwickelt. Genau genommen sind vor allem Babys in ihren Verhaltensweisen dem Baby aus dem Zeitalter der Jäger und Sammler sehr ähnlich. Dass die meisten Menschen mittlerweile sesshaft geworden sind, sichere Wände aus Stein, Holz oder Lehm gebaut haben und in einer „Kultur“ leben, interessiert die Neugeborenen herzlich wenig.

Genau wie vor zwei Millionen Jahren signalisieren ihnen ihre angeborenen Instinkte, dass es sicher und wichtig ist, immer nah am Körper getragen zu werden und häufig zu stillen. Das Leben von jungen Eltern war damals noch ein gänzlich anderes: man lebte in Kleingruppen oder „Clans“ zusammen und unterstützte sich gegenseitig. Einer Mutter war es dadurch problemlos möglich, sich 24 Stunden am Tag nur um ihr Baby zu kümmern. Die Versorgung mit Nahrung, Wärme und Schutz übernahmen andere Mitglieder der Gruppe, genauso wie das Aufpassen auf ältere Geschwister.

Nun ist das heute etwas anders: Wir leben häufig als Paar allein in einem Haus oder einer Wohnung. Wenn wir Glück haben, leben Verwandte in der näheren Umgebung, häufig aber auch nicht. Bei uns zum Beispiel nicht. In einer kulturell „idealen“ Familie geht der Vater Vollzeit arbeiten. Die Mutter ist also mit dem Baby die meiste Zeit allein. Sie möchte oder muss es zwischendurch auch mal ablegen, weil sie Dinge im Haushalt erledigen muss oder sich was zu Essen machen. Es wird erwartet, dass Babys alleine schlafen, damit sich die Mutter auch mal ausruhen kann. Denn das ist ja auch ganz wichtig. In einer „artgerechten“ Umgebung, in einer Gruppe an Menschen, die sich gegenseitig unterstützen also, wäre das kein Problem – jemand anders kann das Kind vorübergehend nehmen. Heute ist es ein Problem.

Vom nicht artgerechten Leben zum Burnout

In unserer Kultur tritt diese Tatsache häufig in den Hintergrund. Als Mütter erwarten wir von uns selbst (und denken, dass andere das erwarten), dass wir „das schon hinbekommen“. So schwierig kann das doch nicht sein, schließlich haben schon so viele vor uns Kinder großgezogen. Um all den Aufgaben und Erwartungen gerecht zu werden, geben wir jeden Tag 100% und mehr. Und das ist dann das One-Way-Ticket in die totale Erschöpfung.

Nicola Schmidt gibt in ihrem Artgerecht-Buch folgenden Tipp: Wir sollten als Mütter nach dem Segler-Prinzip vorgehen. Wenn der weiß, dass ein Sturm aufzieht (und das ist mit Baby wohl immer vorprogrammiert), nutzt er die verbleibende Zeit, um sich auszuruhen und alles bereit zu machen. Er gibt nicht alle Energie, die er hat. Genauso sollte eine Mutter das machen. Immer nur das Nötigste tun. Lieber etwas mehr ausruhen, schlafen, entspannen und Zeit mit dem Baby verbringen. Denn der nächste Zahn, der nächste Schub oder die nächste Krankheit kommen bald.

Außerdem können wir zumindest versuchen, unseren Alltag mit Kind etwas artgerechter zu gestalten. Und dafür benötgen wir vor allem andere Menschen. Einen „Clan“. Das ist manchmal nur im Urlaub möglich oder zu bestimmten Zeiten. Aber auch zu Hause können wir andere Familien um Hilfe bitten oder unsere Hilfe anbieten. Wir können gemeinsam kochen, spielen, Zeit verbringen. Das macht den Alltag häufig schon weitaus weniger anstrengend.

Die Erschöpfung ist echt!

Vor allem, so Nicola Schmidt, dürfen wir uns erlauben, müde zu sein. Das ist eine Tatsache und hat nichts mit der eigenen Unzulänglichkeit, Gesundheit oder Faulheit zu tun. Das ist eine Folge unseres nicht artgerechten Lebens und geht auch anderen Eltern so. Dafür müssen wir uns nicht schämen oder rechtfertigen. Aber wir dürfen uns Hilfe holen.

Nicola Schmidt: Artgerecht. Das andere Babybuch

Manche von euch kennen es vielleicht schon: Das Artgerecht-Buch von Nicola Schmidt. Sie ist der Meinung, dass eine bedürfnisorientierte Erziehung ohne den umgebenden „Clan“ schwierig ist. Deshalb veranstaltet sie regelmäßig Camps und Treffen, um Eltern zu zeigen, was sie damit meint.

Ihr Buch ist eine tolle Einführung für alle (Erstlings-)Eltern, die Schwierigkeiten mit der neuen Situation haben. Alle, die denken, ein Baby müsse doch im Kinderwagen liegen, alleine schlafen und nur alle 3-4 Stunden Hunger haben. Durch diese Erwartungen entsteht schnell ein Druck auf uns selbst und die Neugeborenen. Die verschiedenen Kapitel zu den Themen Geburt, Stillen, Schlafen, Tragen, Sauber werden und Fremdbetreuung sowie zum Eltern sein geben ein Grundverständnis davon, was wirklich „normal“ ist für Kinder und warum sie sich so verhalten. Erst durch diese Informationen kann man verstehen, welche Erwartungen realistisch und welche von unserer Kultur auferlegt sind.

Ein empfehlenswertes Geschenk für alle Schwangeren!

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