Bindungsorientierte Erziehung aus Papa-Sicht

Bindungsorientierte Erziehung aus Papa-Sicht

Gestern hat meine Frau darüber berichtet, wie wir auf Attachment Parenting gestoßen sind und warum wir uns damit so gut identifizieren können. Mir gehen aber damit verbunden auch ein paar Gedanken durch den Kopf. Denn unsere Ansichten einer bindungsorientierten Elternschaft bilden eine große Schnittmenge mit dem Konzept des Attachment Parenting aber sie stellen nicht den Anspruch, William Sears Erziehungsratgeber zu 100% zu erfüllen.

Vater-Kind-Bonding in der Elternzeit

Nächste Woche ist meine Elternzeit vorbei, leider! Vor der Geburt bin ich davon ausgegangen, dass diese zwei Monate Elternzeit ausreichen werden, um Kind und Mama so gut zu unterstützen, dass beide eine gute Beziehung zueinander aufbauen können. Mein Wunsch und Ziel war es, dass ich ohne größere Bedenken zur Arbeit gehe und weiß, dass sich beide gefunden haben. Davon wollte ich auch gerne abhängig machen, ob ich nach der Elternzeit Vollzeit oder Teilzeit arbeiten werde.

Bindung und Vertrauen als Erziehungsgrundlage

Dass ich eine gute Bindung zu meinem Sohn aufbauen werde, stand für mich außer Frage. Das habe ich schon einmal bewiesen als ich 13 Jahre alt war und einen kleinen Bruder bekam. Da ich ohne meinen leiblichen Vater aufgewachsen bin, wollte ich wenigstens für meinen Bruder diesen Platz ausfüllen, der mir in meiner Kindheit gefehlt hat. Schließlich war auch sein Vater irgendwann nicht mehr da gewesen für ihn. Leider konnte ich nur bis zu seiner Einschulung für den Kleinen da sein, aber von Windel wechseln am Tag und in der Nacht, Spazieren gehen bis hin zu Einschlaflieder singen, habe ich alles schon einmal durchlebt. Zwar nur als Bruder aber wir haben in dieser Zeit ein intensives Verhältnis zueinander aufgebaut, welches ich heute noch an seinem Vertrauen und Respekt zu mir erkennen kann.

Sicherlich gehe ich mit diesem Glauben, dass ich es bei meinem eigenen Sohn mindestens genauso hinbekommen werde, ganz entspannt an die Erziehung vom Rubbelbatz. Die ersten vier Wochen war ich zwar darauf vorbereitet, für ihn und seine Mutter da zu sein aber ich habe es unterschätzt. Da meine Frau noch sehr stark von der Geburt gezeichnet war, kam ich auch schnell an meine Grenzen. Haushalt, Einkaufen, Kochen, Kind tragen und Wickeln sind nicht zu unterschätzen. Schließlich konnte meine Frau zu diesem Zeitpunkt nur im Bett liegen.

Auf der anderen Seite habe ich natürlich in dieser Zeit viel mit meinem Sohn zu tun gehabt. Er liebte es, von mir auf dem Arm oder im Tragetuch getragen zu werden, egal ob Tag oder Nacht. Und immer wenn er bei der Mama geheult hat, habe ich meine Hilfe angeboten, weil eine Stimme in mir der Meinung war, ich könnte ihm etwas bieten, was ihn beruhigen könnte, was er braucht. Nicht selten schlief er in meinen Armen ein, bevor ich ihn zur Mama ins Bett legte. Und egal wie anstrengend das alles war, ich habe es unglaublich gern gemacht und dabei nur an das beste für den Kleinen gedacht. Erst später habe ich davon gelesen, dass meine Ansicht und mein Verhalten in der Kindererziehung als bindungsorientierte Erziehung beschrieben werden. Und ich kann die Beschreibung sehr gut nachvollziehen.

Als es meiner Frau nach vier Wochen langsam wieder besser ging, konnten wir auch mehr mit unserem Sohnemann anstellen. Wir haben viel Wert auf direkten Körper- bzw. Hautkontakt mit ihm gelegt. Das Wetter spielte uns hierbei natürlich in die Karten. Und es war sehr schön, zu merken, dass auch er diesen Körperkontakt sehr genoss. Er juchzt und gluckst, wenn meine Bartstoppeln seinen kleinen Bauch kitzeln. Auch sehr schön für uns beide war es, zusammen in der großen Badewanne zu planschen. Als er sich dann auch noch ohne Beanstandungen von mir mit abgepumpter Milch Füttern ließ, dachte ich wirklich kurz, dass er vielleicht ein Papa-Kind werden könnte.

Unsere Art der bindungsorientierten Erziehung

Langsam aber sicher haben sich unsere Vorstellungen und Ansprüche an uns als Eltern konkretisiert und wir wurden uns schnell einig, was wir alles nicht für unser Kind bzw. unbedingt für unser Kind wollten. Von meiner Seite aus umfasste das:

Was für mich bis dato noch kein Thema war, sind Stoffwindeln. Erst als ich mich nachts einmal darüber informierte und feststellen konnte, dass es heutzutage mehr als Mullwindeln gibt, habe ich auch für mich beschlossen, dass unser Kind möglichst wenig WW (Wegwerfwindeln) nutzen soll und nur noch natürliche Materialien am Po trägt. Und gleich mal ein paar Probe-Stoffies bestellt mit denen wir bisher ganz zufrieden sind.

Natürlich befürwortete sie meine Einsicht, denn schließlich denken wir beide sehr babyorientiert. Und auch wie wir mit unserem Kind umgehen wollen, lassen wir uns nicht mehr vorgeben, sondern handeln so, wie es für uns am besten passt. Und für alle, die uns vielleicht gerne etwas entgegnen möchten wie „Ihr verzieht euer Kind“, denen komme ich zuvor und spucke große Töne, dass wir den Kleinen total verwöhnen und glücklich damit sind! Das muss ich dann nicht mal mehr weiter begründen, weil unser Gegenüber dann innerlich eh schon abwinkt nach dem Motto „Denen ist doch nicht zu helfen“. Wer allerdings neugierig ist und nachfragt, dem erkläre ich auch gerne unsere Motivation, warum wir es so machen. Die Reaktion darauf ist oftmals die gleiche. Auf anfängliche Skepsis folgt dann eine logische Nachvollziehbarkeit des Ganzen.

Dass wir damit eine richtige Entscheidung getroffen haben, kann ich jeden Tag an meiner Frau und unserem Sohn sehen. Seit ein paar Wochen würde ich sogar sagen, sie haben beide zueinander gefunden. Auch wenn der Weg zu Beginn durch die Geburtserfahrung etwas schwierig war, so ist es jetzt um so schöner, wie sehr sich beide ergänzen und nachholen, was in den ersten Wochen so noch nicht möglich war. Auch meine Frau hat zu ihrer Rolle gefunden und verkörpert in ihrer eh schon sehr gesundheits- und verantwortungsbewussten Art eine tolle, moderne und liebende Mutter, die nur das beste für ihren Jungen will und dafür auch gern bereit ist, einen weniger bequemen Weg zu gehen. Denn vieles, was wir bisher kannten an Erziehungstipps dienten genau dazu. Um das Kind „anzupassen“ und somit den Umgang mit ihm bequemer zu gestalten. Oder schlimmer noch, die Folgen des Erziehungsratgebers von Johanna Haarer, die sich erst jetzt langsam in den Köpfen unserer Generation aufweichen. Diesen Weg wollen wir also nicht gehen und sehen unsere Ansichten vor allem in der bindungsorientierten Erziehung gegeben.

Auch wenn ich ein Befürworter für eine gesundheitsbewusste und bindungsorientierte Erziehung bin, so war ich sehr überrascht, als meine Frau jetzt auf „windelfrei“ mit „Abhalten“ umsteigen wollte. Die Theorie dahinter ist super. Das Kind kann sich selbst ohne Windel fühlen und erleben. Auch wir können so seine Bedürfnisse erkennen. Sollte Sohnemann nun also ein großes Geschäft planen, erkennen wir es an seiner Körpersprache, Mimik und Gestik und können ihn rechtzeitig über den Topf, das Klo oder Badewanne halten. Um ihm ein Zeichen zu geben, dass er jetzt „Shitten“ kann, rufen wir immer KACKA-BOMBEIn der Praxis funktioniert das Ganze bisher ausgesprochen gut. Sogar bei einem 6h-Ausflug hat es gut geklappt. Wann er Pipi machen will, müssen wir noch genauer herausfinden aber die Zeit räumen wir uns gerne dafür ein.

 

 

Verliere ich den Anschluss zu mienem Kind nach der Elternzeit?

Grade jetzt in der Windelfrei-Phase merke ich ganz bewusst, wie stark das Band zwischen ihm und seiner Mama geworden ist. Wie die beiden nonverbal miteinander Kommunzieren gelernt haben, ist einfach unglaublich und darüber freue ich mich sehr und bin furchtbar dankbar dafür. Schließlich war es genau das, was ich immer wollte, wenn meine Elternzeit sich dem Ende entgegen neigt. Leider sitzt in mir aber auch ein Beobachter, der mich erkennen lässt, dass der Junge jetzt seine Mutter mehr braucht, als er mich bisher je gebraucht hat. Das sehe und merke ich zum Beispiel, wenn sie morgens das Bett verlässt und ich mich an den Kleinen rankuschel, dass es nicht das gleiche für ihn ist und er seine Mama einfordert. Nachts beim Einschlafen sieht es mittlerweile genauso aus. Beide kuscheln sich zusammen und schlafen auch gemeinsam ein. Er hält dabei immer Körperkontakt zu seiner Mutter, in dem er seinen Kopf an ihren Oberkörper drückt und seine Füße an ihren Oberschenkeln abstützt. Ich schleiche mich deshalb auch manchmal ins Schlafzimmer, wenn beide schlafen, weil der Anblick einfach zu schön ist!

Aber die unausgesprochene Angst, die in mir steckt, ist leider die, dass ich ein wenig den Anschluss zu meinem Kind verlieren werde, wenn ich jeden Tag von 8-18 Uhr arbeiten bin. Es fühlt sich ein wenig so an, als könnte ich nie diese Intensivität der Eltern-Kind-Beziehung erreichen, die sich die beiden grade durch die bindungsorientierten Handlungen aufbauen. Ich weiß zwar, dass meine Bedenken nicht begründet sind, aber ich finde es dennoch schade, dass ich jetzt schon nicht mehr mit dem Mama-Status mithalten kann.

Wenn ich nämlich nach Feierabend nachhause komme, habe ich noch ca. 90min Zeit für meinen Jungen, bevor er ins Bett geht. Die Zeit möchte ich auf jeden Fall nutzen und vor allem nur Zeit mit meinem Kleinen verbringen. Meine Zeit wird noch kommen und immer wenn mein Kleiner mich braucht, habe ich schon darauf gewartet und bin bereit!


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7 Kommentare zu „Bindungsorientierte Erziehung aus Papa-Sicht“

  1. Die wichtigste Errungenschaft moderner Eltern: Denglische Wörter für alles 😀 Zumindest scheint es mir in letzter Zeit so.
    Sich um sein Kind zu sorgen, ist wichtig, allerdings darf man es nicht übertreiben: Tragetücher führen z.B. sehr häufig zu Rückschäden (bei beiden). Insgesamt solltet Ihr aufpassen, nicht zu Eltern eigenem Fluggerät („Helikopter“) zu werden. Die Grenze ist manchmal näher als man denkt…

    1. Man kann es gerne auch natürliche Säuglingspflege nennen, wenn der Begriff, weil nicht englisch („denglisch“ ist eine Mischung aus deutschen und englischen Worten) besser passt.

      Ich glaube nicht, dass man bei einem 8 Wochen alten Säugling schon helikoptern, also überfürsorglich sein kann. Säuglinge und Kleinkinder bis zum Alter von ca. 3 Jahren brauchen vor allem Nähe, Fürsorge und Liebe. Davon kann man in dieser Zeit nicht zu viel geben.

      Das mit dem Tragetuch hab ich auch schon gehört, hängt sogar bei unserem Kinderarzt eine Infotafel. Darauf angesprochen war die Ärztin ganz irritiert – sie wüsste nicht, warum tragen Rückenschäden verursachen sollte…

  2. Ein toller Artikel. Und deine Zeit wird kommen. Ich sehe es am Großen und dem Papa. <3 und er ist ein volles Papa Kind. Manchmal bin ich da etwas eifersüchtig. 😛 aber dafür genieße jch die Zeit mit der kurzen gerade. 🙂

    1. Hallo Lindebluete,

      dankeschön. Ich denke auch, dass die Papa-zeit mit Sicherheit noch kommen wird. Eigentlich kann ich mich auch gar nicht beschweren. Bisher braucht er die Mama immer sehr. Das soll ja auch so sein. Aber wenn er mich braucht und will, dann bin ich ja da.

      Ab welchem Alter hat sich denn das bei deinem Baby und deinem Mann so entwickelt?

      LG

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