Ausgesichelt, Sichelmann!


So mein kleiner Sichelmann,

es tut mir leid, dass es soweit kommen musste! Dein Rubbelpapa hat wirklich einiges versucht, die Rubbelmama zu beschwichtigen. Aber scheinbar saßen die Narben zu tief in der Seele und zu tief in der Epidermis. Wir wollten Dir nur helfen, damit du keinen deiner Mitmenschen weiter verletzt. Niemand soll im barsten Sinne des Wortes „spüren“, dass wir Angst und Bedenken haben, dir die kleinen Fingernägel an den Händen zu schneiden, die dir den wunderschönen Spitznamen „Sichelmann“ einbrachten. Aber jetzt ist Schluss damit! Schluss mit den Blicken der anderen auf die Schrammen von Hals und Gesicht deiner Rubbeleltern. Schluss mit dem Lügen auf die Frage, ob wir wieder Katzen zuhause haben! Und Schluss mit der viertel Stunde Selbstverstümmelung, wenn du mal wieder austickst und mit deinen Fingern im eigenen Gesicht rumfuchtelst, nur weil dir grade irgendwas nicht passt!

Falls irgendeiner von uns Dreien in ein paar Jahren noch die Narben deiner „Krallen“ hat und du mal drüber reden willst, dann zeig ich dir gerne den Artikel hier und erzähle dir von dem Tag, an dem wir andere Pläne für dich hatten, als den leibhaftigen Freddy Krüger heranzuziehen.

Seit deiner Geburt war ich immer total fasziniert davon, wie du kleiner Mann von deiner Rubbelmama zusammengebaut wurdest. Deine Füßchen und deine Hände haben mich besonders gefesselt. Vor allem wie weich und rosig deine Nägel waren. Nie und nimmer hab ich mir vorstellen können, dass diese in der Lage sind, Schmerz und Leid auf die Welt zu bringen.

Wir kuschelten also und hatten soviel Körperkontakt wie es nur ging und dann geschah es. „Auaaahhh“ sagte ich, als sich deine kleinen Dolche in meinem Hals bohrten. Nie an nur einer Stelle, sondern immer auf der Suche nach der dünnsten, um nachhaltigen Schmerz zu erzeugen. Besonderen Spaß hattest du immer entlang der Halsschlagader.

Dabei sahen deine Fingerchen alles andere als gefährlich aus. Nur wenn man genauer hinsah, dann sah man sie…deine kleine Nägelchen. Und wie scharf sie waren, hast du uns spüren lassen.

Nun sind wir aber der Meinung gewesen, dass sich die Nägelchen (wir nannten sie wirklich mal ganz unschuldig „Nägelchen“) von alleine abnutzen würden. Wir machten uns etwas vor, weil wir beide Angst hatten, sie dir zu schneiden. Nicht mal unsere Hebamme wollte sie dir schneiden, aus Angst dich dabei zu verletzen. (Oder war es Selbstschutz? Hat sie die Gefahr deiner Fingerchen erkannt und uns ins offene Messer bzw. deinen Fingernagel laufen lassen?)

Also überspielten wir Schmerz mit Lachen und vetrauten weiter darauf, dass wir mit unserer Powered-by-Nature-Taktik erfolgreich sein würden. Wir hatten offensichtlich versagt und Blut musste fließen…unser Blut!

Während du schliefst…

Wir schmiedeten also einen Plan, wie wir Dich und deine Zukunft möglichst stressfrei retten konnten und entschieden uns dafür, dir die Fingernägel im Schlaf zu schneiden. Ich hab es nicht übers Herz gebracht und dich versucht mit meiner „Lass mal morgen machen“-Argumentation vor der Rubbelmama zu retten. Immerhin wurde ich die letzten Tage von dir verschont und freute mich über meinen Schorf. Das versöhnte mich. Aber nicht die Rubbelmama!

Als sie damit anfing, lag ich neben dir und drehte mich mit dem Rücken zu dir, damit du denken könntest, ich schlafe und habe damit nichts zu tun. Ich bin ja schließlich nicht blöd und wollte auch nicht deinen konzentrierten Hass auf mich ziehen, falls du wach werden solltest. Die Rubbelmama zögerte selbst kurz. Aber auch wenn mein Gesicht weggedreht war, sprach ich ihr gut zu: „Na los, mach schon… er schläft doch eh!“ Meine Worte halfen und gaben ihr den erforderlichen Mut, dir den Nagel zu schneiden. Es kam wie es kommen musste: Du wurdest wach!!!!!

Warum auch immer, aber die Rubbelmama hat den Nagel etwas schief angesetzt und ist nicht fertig geworden. Jetzt hattest du also einen noch spitzeren Nagel als je zuvor! Und du warst wach und wütend…verdammt wütend! So wütend, dass du dir gleich mit der Hand im Gesicht rumgefuchtelt hast. Zum Glück war nach zwei Kratzern Schluss! Toll, das hatten wir jetzt davon. Du hattest mehr Power und konntest mit deinem neuen spitzen Nagel nun also auch Filetieren.

Weil die Nagelschere echt scheiße war, wollten wir es mit einer Feile versuchen und sind mit dir in die Drogerie gefahren. Dort hat uns der Typ von der Security (!) eine Glasfeile empfohlen, die der totale Obershit sein soll, wenn es um Fingernägel geht. Die Frage, ob man bei einem Baby die Fingernägel lieber schneiden oder feilen soll, hatten wir uns ja schon selbst beantwortet und kauften also die Glasfeile. Beim Verlassen des Ladens sind wir dann nochmal mit dem strangen Typen von der Security ins Gespräch gekommen und seiner Meinung nach ist es derzeit anscheinend der totale Naturtrend, wenn Mütter ihren Kindern die Fingernägel abknabbern! Wir blieben erstmal bei der Glasfeile!!!!!

glasfeile
Bitte nehmt uns unser Kind nicht weg … weil wir es mit einer Glasfeile behandeln!

 

Unser Plan sah jetzt so aus, dass wir dich erst mal baden und uns danach um deine Macheten an den Fingerchen kümmern werden. Wir kennen es ja so von uns, dass sich die Nägel besser aufgeweicht schneiden lassen. Zum Glück hat uns die Rückseite der Packung vor möglicherweise größerem Schaden bewahrt:

glasfeile-rueckseite

Okay, deine Nägel dürfen also nicht feucht sein, schon verstanden! Dann müssen wir uns nur noch überlegen, wie wir am besten die Hautreste und das trockene Blut unter deinen Nägeln säubern oder entfernen.

Auch wenn wir Angst haben, dass unsere Methoden dich entsetzen und die Hände über den Kopf zusammenschlagen lassen, hoffen wir insgeheim auch auf ein wenig Anerkennung für unsere Kreativität und unseren Pragmatismus. Du musst zugeben, dass Zweckentfremdung keine Grenzen kennt.

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Bitte nehmt uns unser Kind nicht weg … weil wir beim Baden seine Fingernägel mit einer Zahnbürste sauber machen!

Der Tag wäre kein guter Tag gewesen, wenn wir es nicht geschafft hätten, dich von deinen Sicheln zu befreien. Nach dem Trocknen erwies sich die Feile als durchaus brauchbar und erlöste uns von unserer Angst und dich von deinen Sicheln. Das stimmte uns nun wieder positiv, dass du dich ohne Vorstrafen wegen Körperverletzung demnächst um einen Kita-Platz bewerben kannst. Außerdem wird dein Gesicht auch wieder frei von Kratzer und Schrammen sein und keiner kommt auf die Idee, dass wir dich auf dem Hof nur mit Katzen statt Kindern spielen lassen.

[yellow_box]Es hat sich ausgesichelt, Sichelmann![/yellow_box]

*Meiner Frau ist es sehr wichtig, dass neue Leser wissen, dass bei Produktion dieses humoristischen Artikels weder Menschen noch Tiere zu Schaden gekommen sind!*

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